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Musik spielt nur die zweite Geige

“Der Ton macht die Musik”, so will es ein altes Sprichwort. Doch was passiert, wenn Dieter Bohlen und co. den Ton angeben? Dann rückt die Musik ganz schnell in den Hintergrund und weicht Styling, Sex und Starallüren. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen Teilen der Erde, dominierten Castingshows die Fernsehkultur des letzten Jahrzehnts. Musik war hierbei nur noch Mittel zum Zweck – aber sie hat den Zweck erfüllt.

Wer weiß schon, dass auch Bill Kaulitz von Tokio Hotel an einem TV-Casting teilgenommen hat? Zugegeben, die Musik ist Geschmackssache. Trotzdem ist Tokio Hotel eine der erfolgreichsten deutschen Bands, die sogar in den internationalen Charts Erfolg hat. Im Jahr 2003, also im zarten Alter von 13 Jahren, nahm Bill an dem Talentwettbewerb Star Search des Senders Sat1 teil. Zwar war bereits im Achtelfinale Schluss für ihn, doch der Wettbewerb war ein optimales Sprungbrett.

Wir könnten zum x-ten Mal über die Aufgaben, Abgründe und Cleverness von Dieter Bohlen nachdenken. Tun wir aber nicht. Viel interessanter ist doch die Frage, welche Rolle die Musik bei dem ganzen Medienrummel eigentlich spielt. Gute Musiker zu finden, so wird es propagiert, ist der Sinn von Castingshows. Doch die Musik spielt bei dem ganzen Spektakel eher die zweite Geige – wenn überhaupt.

Musik ist ein Gefühl. Es spricht nicht nur unseren Hörsinn an, sondern ist ein allumfassendes Sinneserlebnis für den Menschen. In vielen Castingsendungen wird Musik auf eine oder wenige Ebenen heruntergebrochen. Es zählt entweder Stimme, Gefühl oder Ausstrahlung. Manchmal zählt auch nichts von alledem – es reicht schon ein verrückter Haarschnitt.

Musik spielt bei dem ganzen Spektakel eher die zweite Geige – wenn überhaupt

Rein technisch gesehen ist Musik eine organisierte Form von Schallereignissen. Die Akustik besteht aus Tönen und Geräuschen, die sich innerhalb des für den Menschen hörbaren Bereichs befinden. Durch die sinnvolle Anordnung von menschlicher Stimme, Musikinstrumenten, elektrischen Tongeneratoren und anderen Schallquellen in einem bestimmten Zahlenverhältnis, entsteht für uns das, was man gemein hin als Musik bezeichnet.

Bereits vor 35000 Jahren haben die ersten Menschen Flöten aus Knochen gebaut. Die Archäologen schätzen, dass sogar noch weit vor dieser Zeit die Menschheit begonnen hat, musikalische Fähigkeiten zu entwickeln. Warum und wie der Mensch genau zur Musik kam, ist den Forschern noch immer ein Rätsel.

Ob Dieter Bohlen überhaupt musische Fähigkeiten besitzt, sei dahin gestellt. Ohne Zweifel ist Bohlen das Erfolgsrezept von DSDS und nicht die Künstler - und erst recht nicht die Musik. Oft beurteilt die Jury lediglich Styling und Persönlichkeit eines Kandidaten, ohne auch nur ein Wort über gesangliches Talent zu verlieren. Viele Kandidaten kamen sogar lediglich aufgrund ihrer ausgefallenen Art, z.B. Daniel Kübelböck, bis in die Finalshows.

Raabs Konzepte möchten mit guter Musik statt ausgefallenem Styling glänzen

Doch nicht nur DSDS ist Zeugnis des unerbitterlichen Musik-Casting-Wahns im deutschen Fernsehen. Auch Sendungen wie Popstars, das Supertalent oder Stefan Raabs SSDSGPS fallen in diese Kategorie. Beim letzten Beispiel scheint jedoch tatsächlich die Musik im Vordergrund zu stehen.

Anfang des Jahres 2004 rief Stefan Raab die Parodie auf DSDS ins Leben. Das Ziel war es, einen talentierten Kandidaten für den deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contest zu finden. Als Sieger aus SSDSGPS ging Max Mutzke hervor, der dann mit 92 Punkten im Vorentscheid deutlich die Qualifikation zum Song Contest schaffte. In Istanbul belegte er den 8. Platz mit seinem Nr. 1 Hit Can’t wait until tonight. Für seine Show erhielt Raab 2005 den Adolf-Grimme-Preis.

Seit 2. Februar läuft auf ProSieben ein neues Musik-Format aus der Feder von Stefan Raab. “Unser Star für Oslo” ersetzt den bisherigen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Nach langen Verhandlungen hat sich die ARD auf die ungewohnte Kooperation mit dem Privatsender eingelassen. Jedem war klar, dass die Pleiten beim Eurovision Song Contest der vergangenen Jahre ein Ende haben mussten. Stefan Raab, der bisher an drei deutschen Grand-Prix-Beiträgen beteiligt war und stets unter die Top Ten kam, ist ein Erfolgsgarant – und er ist mindestens genauso clever wie Dieter Bohlen.

Zu viel Timbre und Vibrato für den Zuschauer

Seine Formate überzeugen durch mehr Tiefe und den stärkeren Fokus auf musikalisches Talent. Bei “Unser Star für Oslo” verwendete Raab in seinen Jury-Urteilen Worte wie Timbre und Vibrato. “Das solltest du den Zuschauern vielleicht erklären” stellte Marius Müller-Westernhagen amüsiert fest. Und das musste er tatsächlich, denn der einfache DSDS Zuschauer kann mit diesen Begriffen nichts anfangen – schlichtweg weil er sie noch nie gehört hat.

Doch obwohl “USFO” gute Musiker und nicht vorrangig gute Showstars sucht, hat die Sendung Tücken. Diese Tücken entstehen wahrscheinlich gerade durch den Versuch, gute Musik im Fernsehen etablieren zu wollen. Über lange Strecken war die Sendung fad und sogar teilweise langweilig. Die Moderatoren überzeugten ebenso wenig wie einige Kandidaten. Es fehlte an Abwechslung und Humor, wodurch die Musik auch hier schnell in den Hintergrund trat.

Das Medium Fernsehen scheint eben nicht dafür geschaffen zu sein, über mehrere Stunden lediglich durch gute Musik zu glänzen. Viele Castingshows peppen ihre Sendungen deswegen mit lustigen Einspielern, emotionalen Interviews und Familiengeschichten auf. Die Musik scheint nicht genug zu sein, um die Sensationslust des Zuschauers zu befriedigen.

Ein Konzert von Robbie Williams auf DVD lassen wir uns ja noch gefallen aber bei unbekannten Sangestalenten an einem Dienstagabend auf ProSieben zappen wir schnell weg. Die Einschaltquoten zeigen es: 2,62 Millionen für Raab. DSDS hingegen zog 7,4 Millionen Zuschauer vor die Mattscheibe. Ob es am fehlenden Vibrato der Kandidaten lag? Wohl kaum.

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