Klirr, Bomm Bomm, Ziprischhhhhhhhh, Woffllll, Mrrraaoooo!
Die Klangbilder in der alten Sternwarte sind in erster Linie eine Ansammlung unsichtbarer Exponate. Naja, nicht ganz, denn schließlich wurden die MP3-Player und deren Kopfhörer in einen Bilderrahmen gehängt. Als wollte das auditive Gerät den Bilderrahmen verhöhnen, denn es weiß genau, dass alles, was es enthält ein Experiment ist, dem es gelang, eine Übersetzungsleistung zu vollführen. Die Infiltrierung sämtlicher Sinne nur über das Ohr.
Die Ausstellung ist das Ergebnis eines Seminars von Master-Studierenden der Bonner Medienwissenschaft. Und dieses ist von einer Kreativität, wie sie der eintönigen etwas biederen Assoziation, die man von Hörspielen und Geräuschaufnahmen hat, in keiner Weise entsprechen. Was hier passiert ist mehr als das pure Hören. Es ist Hören auf einem neuen Niveau. Fast schon eine Art Gegenwartstraining. Alltägliche Geräusche können ganz bestimmte Empfindungen wecken, wenn man ihnen den Platz einräumt, sich zu entfalten. Wenn man richtig zuhört, entsteht ein Film im Kopf. Mehr noch: Ein richtiger Traum entsteht. Man fühlt plötzlich, riecht und schmeckt und man sieht- mit geschlossenen Augen.
“Hallo, ich bin eine Münze”
Hierfür sind die Klangbilder ein Musterbeispiel. Manche Werke bestechen durch eine eigene Dramaturgie. Sie laufen ab, beginnen oftmals leise und vorsichtig, bilden dann Höhepunkte und flachen wieder ab, um langsam auszupendeln. Andere beginnen sehr kräftig, fast forsch und bilden in der Folge ein passendes Fundament, das weiterklingt.
Reinhören: Klangbild “Froschkönig” von Iris Mohr
“Hallo, ich bin eine Münze! Mein Name ist 2 Euro!” Kann der Beginn eines Klangbildes spannender sein?
Begibt man sich ins 2. Obergeschoss der alten Sternwarte in der Poppelsdorfer Allee sieht man kreisrund aufgestellt die Exponate in besagten Bilderrahmen ruhen. Optisch recht unspektakulär, denn darauf kommt es nicht an. Jedenfalls nicht auf die “bekannte” alltägliche mechanische Optik. Hört man hinein in die mannigfaltige Welt der Geräusche, so wird schnell klar, wieviel Ideenreichtum und Mühe im Erstellen dieser Produkte steckt. Ohne sich genaue Bilder von Geräuschen im Kopf auszumalen, kann die Idee nicht entstehen. Ihre Kombination bedarf oftmals genauer Konzentration, zuweilen sind sie allerdings auch etwas anspruchsloser, einfacher und gemütlicher zu rezipieren.
Ein Ein”blick”
Die Themenvielfalt ist genau so gegeben, wie “Konkurrenz”-Produkte. Finden sich doch zwei Klangbilder, die sich unmittelbar mit dem Rhein befassen. Das eine (“Der Rhein”) zeichnet ein klares Klangbild des Gewässers mit seiner Macht und Schönheit. Das zweite (“Rheinspaziergang”) begleitet einen kleinen Stein auf seiner Reise vom Rhein ans Festland und wieder zurück ins Gewässer. Eine drittes Klangbild mit dem Thema Wasser (“Der Wunderbare Weg des Wassertropfens”) rundet besagtes Element ab und zeigt in beeindruckender Manier, wie unterschiedlich ähnliche Ideen verarbeitet sein können. Wasser im Ohr ist hier garantiert.
Reinhören: Klangbild “Wassertropfen” von Leonie Steger
Wer denkt, das Kino sei ein Ort der Stille, sollte sich “Im Kino” anhören. Hier werden sämtliche Geräusche, seien sie auch noch so vorsichtig und unaufdringlich aufgefangen und wiedergegeben. Von der Wartezeit über den Film bis zu dessen Ende. Ein kompletter Kinobesuch – nur ohne Leinwand. “Lebenslauf” und “Reise einer Münze” fassen einen langen Zeitraum in wenigen Minuten ein. Ersteres stellt das Menschenleben in drei Minuten zusammengefasst dar, während zweites der Monolog einer Münze auf der Suche nach Freiheit ist. Die Natur der Münze ist es in Umlauf zu sein. Ein Sparschwein oder eine Supermarktkasse werden da schnell zum Gefängnis und sorgen für Bedrückung beim Hörer.
Das Leben aus der Sicht eines Hundes
Hast du dir jemals Gedanken gemacht, wie sich die Welt aus der Sicht eines Hundes anhört? “Perspektivwechsel” ist ein spannendes Beispiel, wie sich das anhören kann. “Johnny Cash” ist eine Klangbiographie zum Leben der amerikanischen Sänger und Songschreiber-Legende. “Der Froschkönig” erzählt das weltbekannte Märchen und erfindet es neu, denn Sprache kommt hier nicht vor. Der bekannte Stoff wurde übersetzt in die reine Geräusch-Akustik. Sprachlos quasi.
Mit “Villa Kunterbunt” zeigt sich das Wohnhaus der Kinderbuchfigur Pipi Langstrumpf. Langsam tastet man sich heran und hört aus einer herrlich sympathischen, teils stimmig-chaotischen Kulisse Details über das in aller Welt bekannte rothaarige Mädchen heraus.
Schließlich für alle Krimifreunde gibt es was zu grübeln. “2 Mordgeschichten” präsentiert zwei furchtbare Verbrechen. Oder etwa nicht? Was geschieht hier tatsächlich, was ist Einbildung? Findet es heraus.
Reinhören: Klangbild “Lebenslauf” von Teresa Kranzhoff
Welt ohne visuelle Überflutung
Das Hören ist so wundervoll wie unterschätzt. Einst als Orientierungsorgan notwendig, da man im Hinterkopf keine Augen hat, scheint sich der schwer zu steuernde Sinn des Hörens in einer Beiläufer-Funktion zu befinden. Hören ist höchstens Zusatz, Hören bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient. Das Hören wird zuwenig gepflegt und geschult. Gönnt euren Ohren mehr Ruhe, damit sie in den entscheidenden Momenten fit sind. Die Klangbilder sind eine Hommage an die Ohren. Sie zeigen, was das Zusammenspiel aus Hören und Denken bewirkt und wie wundervoll und spannend auch eine Welt ohne visuelle Überflutung sein kann.
Die Ausstellung wird vom 20. Mai bis zum 20. Oktober 2010 im II. Stock der Alten Bonner Sternwarte, Poppelsdorfer Allee 47, präsentiert.
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[...] Die Ausstellung „Klangbilder“ im Obergeschoss der alten Sternwarte in Bonn lebt von seiner Gesamtheit. Die einzelnen Werke werden umso interessanter, wenn man sich die Lösungs- und Darstellungsansätze der jeweiligen KünstlerInnen im Vergleich ansieht, die ihre Themen mit ganz anders akustisch darstellen. Insgesamt erscheinen dann die Semesterarbeiten des Masterkurses “Klangbilder” als Einheit. Deshalb wurden sie zusammen im zweiten Obergeschoss der alten Sternwarte „im Kreis“ ausgestellt: als geschlossenes, rundes Werk. [...]