
„Horror am Strand!“ Das grausame Bild einer angeschwemmten Leiche erstreckt sich über die gesamte Titelseite der Boulevardzeitung La Prensa vom 6. Januar 2010.
Das Bild einer halb verwesten Leiche auf dem Titelblatt einer Zeitung und dazu die Überschrift „Horror am Strand!“, das schockiert. Noch schockierender ist, dass neben dem schaurigen Bild, Name und Alter der Leiche abgedruckt sind. Und was am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass diese Art von unzensierter Berichterstattung in Mexiko etwas völlig Normales ist.
Von Linda Krummenauer
Ob Unfälle oder Straftaten, Tag für Tag finden sich grausame Berichte mit persönlichen Daten von Opfern und Tätern in den Zeitungen. Namen, Alter und häufig auch die Adressen der Beteiligten werden stets genannt. Die Wahrung der Privatsphäre ist weder zum Schutz der Opfer und ihrer Angehörigen, noch den Tätern gegenüber gegeben. Diese Seite des mexikanischen Journalismus findet in den hiesigen Medien keine Beachtung, kennen wir doch nur eine mit dem Ruf der Korruption behaftete, staatlich kontrollierte Presse in Mexiko. Neuigkeiten über den tobenden Drogenkrieg und zahlreiche Journalistenmorde kommen auf die Nachrichtenagenda. Völlig zu recht, aber wie steht es mit der Pietät?
Rodrigo C. aus dem Bundesstaat Veracruz an der Golfküste von Mexiko erzählt, sein Cousin sei der Vergewaltigung und des Mordes an einer Vierzehnjährigen angeklagt. Rodrigo C., wie auch seine ganze Familie, wird oft von Leuten auf der Straße auf den Vorfall hin angesprochen. Ständig bekommt er Anrufe, muss Anschuldigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen, dass sein Cousin ein Mörder sei. Dessen Name wurde in Zeitungen veröffentlicht, dabei ist seine Schuld bisher nicht bewiesen und der Prozess noch nicht eröffnet.
Keine Privatsphäre für Opfer und Täter
Nach deutschem Persönlichkeitsrecht bedeutet die Nennung von Namen und Anschrift der Beteiligten eine Verletzung der Privatsphäre. Selbst nach dem Tod eines Menschen bleiben Ehre und Würde des Menschen rechtlich geschützt. Dies gilt sowohl für die seriöse Presse als auch für die Boulevardblätter. Schwerwiegende Verletzungen der Privatsphäre in Deutschland können mit monetärem Schadensersatz geahndet werden. Details und Bilder wie in der mexikanischen Boulevardpresse sind für uns in Deutschland weder nachvollziehbar noch denkbar.

Die Bekanntgabe von Name und Adresse des Täters in Zeitungen ist nichts Ungewöhnliches. Quelle: El Diario de Nuevo Laredo vom 29.01.2010
Woran liegt es, dass in Mexiko bei der Berichterstattung in den Boulevardblättern kein Schutz für Opfer und Täter bei Unfällen und Straftaten besteht? Wieso werden solche Informationen publiziert? Cristina Sánchez, eine junge, kritische mexikanische Journalistin, liefert einen Erklärungsversuch.
„In Lateinamerika, ist die sensationslüsterne Berichterstattung sehr beliebt. Dem Stil der Boulevardzeitungen ähnlich, spricht man hier von “amarillista”. Das bezieht sich auf Berichterstattung und Fotos über Unfälle, Tod oder auch Gewaltverbrechen. Doch dieser Stil wird auch in Mexiko von den traditionellen Zeitungen gemieden. In Tampico, wo ich herkomme, sind Boulevardzeitungen, neben der ältesten und traditionsreichsten Zeitung ‚El Sol de Tampico‘, die meist verkauften Zeitungen.“
Als junge Nachwuchsjournalistin, die gerade die Schule beendet hat, berichtet Cristina Sánchez, dass während des Studiums der Journalistik diese Art von „amarillista“ Berichterstattung nicht spezifisch behandelt, aber auch nicht gefördert würde.
Ein makabres Interesse an Grausamkeiten
„Meiner Meinung nach, ist das alles tief kulturell verankert. Es besteht ein kulturell bedingtes Interesse und ein Gefallen an diesen grausamen Geschichten.“, sagt die junge Journalistin. Die Bevölkerung in Mexiko sieht diese Art der Präsentation nicht als etwas Ungewöhnliches an. Die Menschen sind neugierig und der Voyeurismus hat sich eingebürgert. Cristina Sánchez erklärt, dass die Wahrnehmung des Themas Tod in Mexiko aus einer ganz bestimmten Perspektive zu diesem Gefallen an den Stories beiträgt: „Wir beschäftigen uns viel intensiver mit dem Tod, weil in unserer Kultur der Tod einfach als ein Aspekt des Lebens betrachtet wird. Das kann man auch an unseren fröhlichen Feierlichkeiten zum ‚Día de los Muertos‘, dem Tag der Toten im November, im ganzen Land sehen.“
Cristina fährt fort, dass es zwar immer traurig sei, wenn ein geliebter Mensch verstürbe, aber es sei nicht das Ende. Ein tragischer Tod durch Unfall oder Verbrechen jedoch, ist etwas anderes, der macht Schlagzeilen. „Am besten kann man es vielleicht erklären, wenn man das spanische Wort ‚morbo‘ benutzt. Es bedeutet so viel wie ‚ein makabres Interesse an Grausamkeiten‘. Häufig ist in kleineren Städten und Dörfern die Sensationslust sehr groß und somit die Neugierde vom Unglück anderer zu hören. Wieso das allerdings so ist, kann ich nicht genau sagen. Es ist ähnlich wie das ausgeprägte Interesse an billigen, kitschigen Seifenopern in ganz Lateinamerika“, so Sánchez weiter.
Manch einer will sich damit brüsten, den Namen und die Adresse des Opfers oder Täters zu kennen
Sie pflichtet bei, dass es natürlich nicht rechtens ist, persönliche Daten von Opfern und Tätern so unzensiert preiszugeben, und dass es eine Verletzung der Privatsphäre darstellt. In der Verfassung von 1917, Artikel 16, ist festgelegt, dass Personen auf keine Weise beleidigt werden dürfen, weder persönlich, noch ihre Familien, noch ihr Besitz. Dieses Gesetz von 1917 ist allerdings überarbeitungswürdig. Die Nationale Kommission der Menschenrechte Mexikos (CNDH), eine unabhängige Verfassungsinstitution mit der Aufgabe, den Stand der nationalen Menschenrechte zu beobachten, ist immer wieder bestrebt, dieses Gesetz explizit zu erweitern. Der Schutz des Privatlebens und der Schutz der Persönlichkeit eines jeden Bürgers sollen hinzugefügt werden, ebenso das Recht, diese persönlichen Daten vor anderen nicht preisgeben zu müssen. Bisher konnte der erweiterte Artikel 16 noch nicht durchgesetzt werden. Laut „Reporter ohne Grenzen“ sind die Standards bezüglich des Datenschutzes in ganz Lateinamerika unterschiedlich und mit europäischen Vorgaben nicht zu vergleichen. Viele Länder in Süd- und Mittelamerika haben bisher keine Gesetzgebung für den Datenschutz. Lediglich in internationalen Abkommen sind erste Ansätze des Schutzes von persönlichen Daten zu erkennen. Eine Nivellierung dieser Standards wird für die Zukunft angestrebt.

Dem paraguayanischen Fußballprofi, Salvador Cabañas, der für den mexikanischen Club América spielt, wurde in den Kopf geschossen. Unten links im Bild ist er in seiner Blutlache abgebildet. In deutschen Medien war die Berichterstattung wesentlich dezenter. Quelle: La Prensa vom 15.01.2010
Cristina Sánchez wirkt nachdenklich und sagt: „Ich nehme an, es hat auch mit der Tatsache zu tun, dass viele Leute nie wirklich eine Chance auf Bildung hatten. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie ihre Personalien nicht preisgeben müssen. 60 bis 70 Prozent der mexikanischen Bevölkerung sind sehr arm und für sie ist die staatliche Bildung nicht einmal eine Option, wenn sie die Wahl zwischen Schule und Geldverdienen haben. Daher kommt das relativ große Analphabetentum, die Ungebildetheit und auch der Mangel an Kenntnissen über eigene Rechte.“
Nachfrage nach Grausamkeiten
Manch Außenstehender will sich zudem auch noch an Ort und Stelle damit brüsten, den Namen des Opfers oder des Täters zu kennen, um Aufmerksamkeit in den Medien zu erlangen. Es ist bedauerlich, dass in Mexiko eine unabhängige Kontrollinstanz fehlt, die Boulevardzeitungen einen Mangel an Selbstzensur aufweisen und sich aus reinem Geschäftssinn über ethische Grenzen hinwegsetzten.
„Ich persönlich distanziere mich von diesem Stil des Schreibens“, sagt Cristina Sánchez, „und würde es begrüßen, wenn bei uns in Mexiko die Berichterstattung objektiver und weniger sensationell erfolgen würde. Schade, dass die Nachfrage in einem solchen Umfang besteht. Solange die Nachfrage nach makabren Grausamkeiten da ist, wird sie auch gedeckt werden.“

[...] was hierzulande zum ABC des Journalismus gehört, ist in Mexiko nicht einmal vom Hörensagen her bekannt. Unzählige mexikanische Blattmacher zeigen Tag für Tag ungeniert Fotos von namentlich [...]
Wenn es so schockierend ist – warum zeigen Sie es dann hier? Motto: “Solche Fotos wollen wir nie wieder sehen”? Ganz schön bigott.
Ja, das finde ich auch echt übel. “Uhh, nee, solche Fotos gucken wir uns in Deutschland ja nicht an…” Und dann trotzdem mal in den Artikel packen. Super… Wie schlecht.
Bin übrigens von “6 vor 9″ hergekommen, aber die Links da werden auch immer un-lesenswerter…
Keiner sagt, dass wir in Deutschland die Fotos nicht sehen wollen. Es geht vor allem um die Veröffentlichung von Namen und Adressen und den dazugehörigen Bildern (und das ist in unseren Medien weniger üblich). Zudem sind das Beweisfotos, die die Recherchen im Artikel stützen.
Also erstma richtig lesen, dann meckern, gell?
Das mag ja sein, trotzdem muss man das Bild nicht zeigen sondern kann einen Balken drüber legen.
Genau so wie Sie argumentieren doch die Zeitungsmacher, Dokumentations- und Beweispflicht sei es halt eben.
An sich interessant zu erfahren wie Boulevardjournalismus in Mexiko funktioniert, danke dafür – aber mit dem unverpixelten Bild einer verwesten Leiche zu eröffenen ist – vielleicht ist es dem Autor nicht aufgefallen – unsinnig, dass die Reaktion darauf nicht positiv auffällt hätte man sich doch denken können. Aber eure Reaktion auf den mexikanischen Journalismus ist ja auch nicht positiv und da, ja da schließt sich der Kreis eben.
Vielen Dank für die vielen Anmerkungen. Wir haben uns lange über die Veröffentlichung der Bilder Gedanken gemacht. Wir haben uns gegen eine Zensur entschieden.
@ciri..Genau…leg ma einfach über alles, vor dem es uns ekelt und wovor wir uns fürchten und nicht umgehn können.
Für mich ist es nachvollziehbar, das in einem Land wie Mexiko, wo Mafia und Drogenkartelle längst die politsche Situation regieren. Auf Mexikos Strassen passieren im Schnitt täglich an die 7 Morde, und das, auf offener Strasse. Also ist der Tod ohnehin, allgegenwärtig. Ja, es ist schon ein wenig trashig und makaber das Foto einer Leiche seinem Artikel beizufügen, doch, sei es jedem seine eigene Entscheidung.
Jedoch bin ich auch für einen höheren Schutz an persönlicher Dateninformationen, wie Name und Adresse.
Mal ehrlich jeder ist doch sensationsgeil ;) Und ich wette,dass fast alle zweimal auf das Bild geschaut haben zum einen Fassungslosigkeit und zum anderen pure Neugier !! Menschen sind nunmal süchtig nach makaberen dingen viele leugnen es bloss ;) denkt mal drüber nach