Seit 2006 ist die Internetzensur in China offiziell. Seitdem werden Webseiten gesperrt, E-Mails überprüft, User beobachtet und Internetcafés überwacht. Tausende Chinesen versuchen sich gegen diese Einschränkungen ihrer Freiheit zu wehren. Bislang aber ohne großen Erfolg. Boying und Wei, zwei chinesische Gaststudenten an der Universität Bonn, geben uns einen kleinen Einblick in ihren Alltag und erzählen uns, wie sie mit der Internetzensur umgehen und leben…
Die international anerkannte Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt jährlich eine Rangliste der weltweiten Pressefreiheit. Dabei werden Verstöße der einzelnen Staaten gegen die Pressefreiheit und deren Bemühungen, dieses Recht umzusetzen, berücksichtigt. Deutschland belegte im Jahr 2009 Rang 18. Spitzenreiter sind die Skandinavier: Neben Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland hat es aber auch Irland auf Platz 1 geschafft. Schlusslicht auf Platz 175 ist Eritrea. Ein Land, in dem unabhängige Medien nicht geduldet werden und derzeit 28 Journalisten inhaftiert sind. China nimmt einen der unteren Ränge (168. Platz) ein, was nicht zuletzt auch in der stark ausgeprägten Internetzensur begründet liegt.
Wie aber schafft es eine Regierung in der heutigen Zeit den „freien“ Internetzugang von rund 380 Millionen chinesischen Surfern zu kontrollieren und zu zensieren?
Zensur als Schutz? – Schon klar.
Das Stichwort dabei lautet „Projekt Goldener Schild“, auch genannt „Great Firewall von China“. Dieses Projekt, entwickelt vom Ministerium für Staatssicherheit zur Überwachung und Zensur des chinesischen Internets, startete im Jahr 2006. Mit Hilfe dieses Programms wird Internetnutzern der Zugang zu bestimmten Internetseiten verweigert. Sie staatliche Filtersoftware scannt die Seiten auf unerlaubte Wörter und sperrt die URLs dann entsprechend. Das alles geschieht offiziell, um die Bürger Chinas vor schädlichen Inhalten wie Pornographie oder Obszönität zu schützen. Inoffiziell aber um die Bürger vor freiemInformationsfluss fernzuhalten, der in den Augen der Regierung Chaos bringt und so die Einheit der Nation gefährden könnte.
US-Internetriesen wie Google, Facebook, Twitter, YouTube und Wikipedia sind in China deswegen derzeit ganz oder teilweise gesperrt. Sie werden unterdrückt, kontrolliert, zensiert oder sogar komplett verboten. Für uns erscheint das tägliche Leben ohne diese Seiten schon fast als unmöglich. Wie sehen das aber die chinesischen Internetnutzer selbst? Boying, 24 aus Harbin und Wei, 23 aus Peking, erzählen uns wie sie mit der Internetzensur leben.
Die zwei Studenten sind seit letztem Jahr Gaststudierende des Studiengangs Medienwissenschaften an der Universität Bonn. Zwar haben sie bisher noch keine größeren Probleme im Hinblick auf gesperrte Internetseiten erfahren, dennoch stoßen sie hin und wieder auf die Grenzen des freien Internets. Einen Facebook-Account konnten sie vor einigen Jahren zwar eröffnen, inzwischen können sie aber von China aus nicht mehr darauf zugreifen. Auch das Anschauen von Youtube Videos bleibt ihnen seit einiger Zeit verwehrt. Stattdessen nutzen sie ein dem deutschen „StudiVZ“-ähnliches Netzwerk und das Videoportal youku.com. Beide Seiten werden jedoch auf strengste Weise zensiert.
Manipulation im Netz gibt es zu Hauf
Boying und Wei sind sich, ebenso wie ein großer Teil der Chinesen, darüber bewusst, dass es diese Zensur gibt. Sie
akzeptieren sie und leben damit. „Was soll man auch anderes machen? Die Regierung hat Angst davor, angezweifelt oder gar gestürzt zu werden. Sie will sich selbst und die Bürger vor Unruhen und Hass schützen. Und zum jetzigen Zeitpunkt“, meinen die beiden, „wird es keinen Weg vorbei an einer Zensur geben. Schon alleine deswegen, weil es nur eine regierende Partei in China gibt und genau diese das Programm des goldenen Schilds verfolgt. Aber auch deswegen, weil China noch nicht soweit ist wie die USA, Deutschland oder andere westliche Länder. Es gibt noch viele Menschen, die sich aufgrund mangelnder Bildung oder umfassender Kenntnisse nicht gegen Manipulationen wehren können. Und Manipulationen gibt es zuhauf im freien Netz.“
Darüber, ob eine Zensur der richtige Weg ist, sind sich die beiden allerdings nicht so ganz sicher. In China könne zwar jeder seine Meinung frei äußern, nur eben nicht über die Massenmedien. Und wenn man dies nicht gleich auf eine extremistische Art und Weise tut, werde man auch nicht mundtot gemacht.
Wei führt selbst ein Blog. Auch dort fallen des öfteren Worte, welche die chinesische Regierung lieber zensiert sehen würde. Zum Beispiel „cao ni ma“, übersetzt: Gras-Schlamm-Pferd. Das Chinesische ist eine Tonsprache, das heißt, die Betonung einzelner Silben bestimmt die jeweilige Bedeutung. Werden die eben genannten Silben des Chinesischen nun ein klein wenig anders betont, bedeuten sie nicht mehr harmlos Gras, Schlamm und Pferd, sondern werden zu Schimpfwörtern („F*** your mother“). Deshalb ist dieses Silbenspiel zu einem Dauerbrenner der Internetszene geworden, die sogar ein Lied daraus gebastelt haben. Das Gras-Schlamm-Pferd-Lied – die Hymne gegen die Internetzensur.
Die Menschen sind trotzdem glücklich
Über eines sind sich die beiden aber sicher: „Den Menschen in China geht es nicht schlecht. Sie sind glücklich. Viel glücklicher als vor einigen Jahren. Und wenn es ihnen schlecht gehen sollte, liegt es nicht unbedingt an der (Internet) Zensur. Es gibt viele andere, wichtigere Punkte, die eine grundlegende Veränderung nötiger haben als die Internetzensur. Bevor an Freiheit gedacht wird, soll erst einmal an Leben gedacht werden.“
Boying und Wei sind fest davon überzeugt, dass sich ihr Land in den nächsten Jahren stark weiterentwickeln wird. Und mit dem Land auch die Freiheiten der Bürger. Es ist alles nur eine Frage der Zeit. Bis dahin werden sie mit der Internetzensur leben (müssen). Und das tun sie auch nicht schlecht. Sie wollen die Internetzensur auf keinen Fall gutheißen, sie wollen aber erreichen, dass sich westliche Medien auch einmal mit anderen Problemen Chinas oder gar positiven Geschehnissen beschäftigen.


[...] Sabine Lorenz: “Ein Leben unter Beobachtung – Ein Leben mit der Internetzensur Chinas” [...]