Eins, zwei oder drei? Auf wie viele Kinder passe ich heute auf? Diese Frage muss sich Michael* nicht wirklich stellen, wenn er auf dem Weg zur Grundschule ist. In seinem Nebenjob betreut der Philosophiestudent nämlich wesentlich mehr Kinder: ganze SECHZIG! Da zählt er nicht nach, sondern versucht die Nerven zu behalten und mit der wuselnden Meute fertig zu werden. Ob ihm das immer gelingt, verrät er in einem Interview.
Aus welchem Grund hast du dir diesen Nebenjob ausgesucht?
Einerseits natürlich wegen des finanziellen Aspektes, um mir zu meinen allgemeinen Ausgaben noch mein Hobby leisten zu können – Filme und Videospiele. Und andererseits, um auch mal aus dem sehr theoretischen Uni-Leben raus zu kommen. Wenn ich zum Beispiel Texte von Luhmann lesen und verstehen muss, dann helfen zwischendurch vier Stunden Kindergeschrei, um etwas Abstand zu gewinnen. Und anschließend am Text weiter zu arbeiten.
Viele Studenten jobben neben der Uni als Babysitter. Dein Job ist sicher ähnlich, aber doch komplett anders: Deine Kolleginnen und du, ihr seid für rund SECHZIG Kinder verantwortlich. Ist das nicht manchmal zu viel?
Ja. An manchen Tagen bin ich schon sehr damit beschäftigt, von einer Ecke zur anderen zu gehen, um wirklich den Überblick über alle Kinder zu behalten. Aber oft verteilen sie sich auch auf AGs oder Hausaufgabenbetreuungen. Dass alle 60 Kinder gleichzeitig über den Schulhof rennen, ist da eher selten.
Wie viel Zeit nimmt der Job in Anspruch?
Acht Stunden die Woche. Mit Hin- und Zurückfahren zwölf Stunden.
Zur Zeit gibt es wieder Bildungsstreiks in Deutschland. Ein Streikpunkt ist die hohe Belastung im BA-Studium – Stichwort: Workload. Wie schaffst du es, neben dem Studium noch zu arbeiten?
Das ist wirklich manchmal ein Problem. Durch die lange Anfahrt kann ich zwar auch auf dem Weg zur Arbeit lernen und in der einen oder anderen Freistunde zwischen den Vorlesungen, aber das ich am Wochenende auch noch sehr viel für die Uni machen muss, gehört natürlich inzwischen dazu.
Bleiben da Freunde auf der Strecke?
Nein. Da bleiben eher ein paar Texte oder Inhalte auf der Strecke, die ich nicht ausreichend behandeln kann.
Die Betreuung von Kindern wird in der Gesellschaft prinzipiell eher als “Frauensache” angesehen. Und auch alle deine Kollegen sind weiblich. Wie stehst du dazu?
Also prinzipielle denke ich, dass Männer sehr wohl und sehr gut in der Kindererziehung tätig sein können. Aber in meinem Fall war es tatsächlich so, dass es auch eine ungewöhnliche Situation für die Kinder war. Für manche Kinder bin ich eben so etwas wie der große Bruder oder Onkel oder Kumpel und dadurch habe ich vielleicht ein anderes Verhältnis zu ihnen, unter dem jedoch die Autorität kürzer kommt. Generell ist das Durchsetzungsvermögen ein entscheidender Faktor, an den ich mich erst gewöhnen musste und immer noch muss.
Was machst du eigentlich, wenn Kinder partout nicht auf dich hören wollen?
Das kommt immer auf das Kind an. Es gibt verschiedene Formen von Nicht-auf-mich-hören-wollen. Ich habe lange Zeit dafür gebraucht, um zu verstehen, dass man mit Kindern nicht diskutieren darf. Sie haben darauf zu hören, was der Lehrer, Erzieher oder Betreuer sagt. Und Punkt! Wenn die Kinder merken, dass sie nicht mit einem verhandeln können, dann hören sie auch eher darauf, was man sagt. Unsicherheit im eigenen Standpunkt sorgt für Situationen, in denen ein Kind nicht auf mich hören will.
In Grundschulen geht manchmal sehr turbulent zu – Was war dein schlimmstes Erlebnis?
Vielleicht eher erschreckend als schlimm. Eine Situation in der sich zwei Zweitklässler stritten und einer der beiden eine schwere Spielzeugkasse aufhebt, um sie zu werfen. Und ich noch denke: „So blöd kann keiner sein, dass Ding echt werfen zu wollen!“ Und just im nächsten Moment fliegt das Teil aus nächster Nähe an den Kopf des anderen Jungen.
…und dein schönstes Erlebnis?
Wie ich zusammen mit den Erst- und Zweitklässlern die Dritt- und Viertklässler im Fußball 10:9 besiegt habe. In diesem wirklich sehr langen Spiel haben von den kleinen Kindern Kinder Tore geschossen, die sich sonst nicht mal trauen, mit den Großen überhaupt zu spielen.
Kannst du dir für dein Leben nach dem Studium vorstellen, weiter mit Kindern zu arbeiten?
Ja. Kinder sind lustig und albern. Und es ist schön, an dieser lustigen und albernen Kinderwelt teilhaben zu können.
*Name von der Redaktion geändert



[...] wie findet man neben dem Studium auch noch Zeit regelmäßig Geld zu verdienen? Neben einer eher ungewöhnlichen Beschäftigung zeigen wir dir hier ein paar der klassische Studentenjobs im [...]