Etwa 60 Prozent aller Deutschen sprechen Dialekt. Die meisten von ihnen kommen aus dem Saarland (94%), gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg (86%) und Ostberlin (83%). Laut einer Umfrage des Mannheimer Instituts für Sprache finden viele Deutsche Dialekte sympathisch. Als Favorit zählt dabei die norddeutsche Mundart, gefolgt von Bairisch und Badisch. Sächsisch ist das Schlusslicht, dem die Deutschen am wenigsten Sympathie entgegen bringen können. MdB Florian Pronold, Landesvorsitzender der BayernSPD und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag erzählt uns, welche Erfahrungen er als Bayer im politischen Berlin macht…
Sie sind ja im tiefsten Niederbayern geboren und aufgewachsen. Sprechen Sie zu Hause Dialekt?
Ich würde sagen, ich spreche mit einer deutlichen bairischen Einfärbung. Mein Vater kommt aus der Oberpfalz und meine Mutter aus Berlin, deshalb bin ich zweisprachig aufgewachsen. Meinen dialektischen Einschlag kann man jedoch nicht überhören. Wenn ich zwei oder drei Wochen in Bayern war und wieder nach Berlin komme, sagt meine Berliner Sekretärin: „Man merkt, dass du in Bayern warst.“
Bemühen Sie sich Ihren Dialekt im Bundestag bzw. in der Öffentlichkeit generell zu verbergen?
Nein, ich achte überhaupt nicht darauf, ob ich Dialekt spreche oder nicht. Trotzdem bemerke ich schon, dass ich mit weniger Einfärbung spreche wenn ich in Berlin oder deutschlandweit unterwegs bin, als wenn ich in Bayern bin. Das stellt sich aber eher automatisch ein, ich denke nicht darüber nach. Ich will meinen Dialekt auf keinen Fall verstecken.
Auch in Berlin verwende ich durchaus bairische Redewendungen. Manchmal muss ich die dann halt übersetzen. Bei Reden nehme ich oft Bezug auf Bayern, da liegt es dann auch nahe, da ich aus Bayern komme, meine Sprache nicht zu verstellen. Natürlich muss man sich soweit anpassen, dass man verstanden wird. Aber das heißt ja nicht, dass man auf alles Bairische verzichten muss.
Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen in Bezug auf Ihren Dialekt gemacht?
Wenn man auf einem Bundesparteitag oder einem Bundeskongress ist, wo alle Hochdeutsch sprechen, fällt man als Bayer mit seiner niederbairischen Einfärbung schon a uf. Und es gibt tatsächlich Leute, die einen dann wegen des Dialekts belächeln. Das ist aber die Ausnahme. Ich persönlich habe eher positive Erfahrungen gemacht.
Dialekt zu sprechen hat etwa s mit Originalität zu tun. Es ist etwas Eigenes und ist nicht aufgesetzt. Aber nur weil ich es bisher noch nicht so erlebt habe, würde ich nicht bestreiten, dass es vorkommen kann, dass man als Dialekt-Sprecher als unprofessionell angesehen wird. Das hängt aber auch davon ab, wie ausgeprägt der Dialekt ist und ob dadurch Verständigungsprobleme auftreten.
Glauben Sie, dass es einen Unterschied macht, welchen Dialekt man spricht?
Es gibt Untersuchungen darüber, welche Dialekte sympathischer klingen als andere. Sächsisch wird glaube ich eher als unangenehm empfunden, bairisch eher als angenehm. Niederbairisch ist quasi „the most sexiest dialect of all“.
Ist es schon einmal vorgekommen, dass Sie im Bundestag jemanden aufgrund seines oder ihres Dialekts nicht verstanden haben?
Vor ein paar Monaten gab es eine Diskussion im deutschen Bundestag zum Thema Dialekt bei der jeder Redner in seinem eigenen Dialekt gesprochen hat. Das waren aber soweit ich weiß nur verschiedene norddeutsche Dialekte, wie zum Beispiel plattdeutsch. Das war eine schöne Abwechslung. Bisher war das das einzige Mal, dass ich wirklich jemanden nicht verstanden habe. Man hat mich bisher immer verstanden, trotz Dialekt. Meiner Kollegin Marianne Schieder aus der Oberpfalz ist es schon passiert, dass sie in Berlin nicht verstanden wurde. Aber wie gesagt, mein Dialekt ist nicht so stark ausgeprägt wie ihrer zum Beispiel.
Denken Sie, dass es als Verlust der Kultur und der Tradition gesehen werden kann, wenn man auf Dialekt verzichtet?
Unsere Sprache entwickelt sich generell einfach weiter. Sie ist sehr wandlungsfähig und man kann sie nicht konservieren. Sie passt sich den Gegebenheiten der Menschen an. Genau so wie sich immer mehr englische Ausdrücke im Deutschen und auch Bairischen finden lassen, verschwinden zum Beispiel alte typisch bairischen Begriffe. In manchen Gegenden kommen Dialekte noch häufiger vor als in anderen. Diese Entwicklung ist aber nicht neu. Sie hält schon seit 60 oder 70 Jahren an.
Ich glaube nicht, dass es ein Verlust von Kultur ist, es ist die Kultur selbst. Sprache ändert und entwickelt sich einfach immer weiter. Und noch verzichtet man ja nicht total auf Dialekt. In meiner Schulzeit zum Beispiel hat man versucht uns Kindern zwanghaft das Hochdeutsche beizubringen. Heute ist es, glaube ich, ein Stück weit normaler, Dialekt zu sprechen.
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