Daniel liebt Laura. Sie fühlt sich zum ihm hingezogen. Aber irgendwie weiß sie nicht so recht, für sie ist es nicht einfach, sich an Männer zu binden. Bis hierhin die normalste Geschichte der Welt. Doch Daniel hat ein Chromosom zu viel, er hat Trisomie 21, das Down-Syndrom.
Von Christoph Büttner
Was man auf den ersten Blick als Verhältnis von Schwärmerei eines Schutzbefohlenen zur Betreuerin abtun würde, inszeniert “Me too” (Yo, también) als tragikomische Romanze. Denn Daniel ist nicht das Kind im Manne, er ist vielmehr gebildet, hat einen Universitäts-Abschluss und einen Job. Ein erfolgreicher junger Mann also. Nur Liebe findet er nicht.
Denn Frauen mit Down-Syndrom kommen eigentlich nicht in Frage, dafür ist Daniel als Akademiker dann doch zu speziell – und für Frauen ohne Trisomie ist er mit dem Stigma des Behinderten behaftet. Auch für Laura ist die Situation nicht einfach. Endlich ein junger Mann, der auch ihr Wesen erkennt und anerkennt und es nicht ausschließlich auf ihre reproduktiven Organe abgesehen hat. Trotzdem landet sie irgendwie wieder in einer Bar und gibt sich einem Wildfremden, Halbbeglatzten hin.
Keine Antwort auf das Leben mit einer Genmutation
In diesem Spannungsfeld bewegt sich “Me too” Vor allem ist dieser Film auch eine Art Autobiographie seines Hauptdarstellers. Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Uni-Abschluss und Down-Syndrom. Wem das ein Paradox erscheint, den enttäuscht der Film. Denn Antworten darauf, wie man das mit der Genmutation schaffen kann, die im Allgemeinen als Behinderung angesehen wird und über die sehr viele Menschen sehr wenig wissen, gibt der Film – zurecht – nicht.
Damit schafft er erstmal eine Grundvoraussetzung, mit der Daniel durch den Film stapft und die so kompromisslos wie mutig ist. Behindert sind andere, Daniel fordert für sich ein normales Leben ein. Liebe und Sexualität gehören da selbstverständlich dazu. Und da sich leider die Richtige noch nicht gefunden hat, gibt es halt den Ausweg Autoerotik.
Das der Film dies mit expliziert – wenn auch nicht ins Bild setzt – gehört zu seinen Stärken, denn verglichen mit seiner Häufigkeit in der Realität ist Masturbation im Film, im Gegensatz zum heterosexuellen Geschlechtsverkehr, unterrepräsentiert.
Vom klassische Lustobjekt zur Frau mit einer eigenen Geschichte
Nun also Laura. Als Arbeitskollegin läuft sie Daniel jeden Tag über den Weg und schon bald kreisen all seine Gedanken um die große Blonde. Und all seine Blicke. Zunächst wird Laura als klassisches Objekt inszeniert, trägt schonmal einen Knopf ihrer Bluse zu weit offen. Da starrt Daniel regelrecht und der Zuschauer folgt seinem Schauen in großaufnahmigen POVs ihrer Beine und Brüste. Die klassische Mulveysche Feministin müsste laut aufschreien, aber auch der männliche Zuschauer wird in eine Identifikation gerückt, die ihm nicht widerspruchslos visual pleasure verspricht. Schließlich schaut dort ein Mann mit Down-Syndrom, ein Behinderter und somit (um im psychoanalytischen Sprachraum zu bleiben) ein ebenso von der symbolischen Herrschaft ausgeschlossener.
Bald schon löst sich aber Laura vom puren Objektdasein und bekommt ihre eigene Geschichte. Auch sie „hat ihr Päckchen zu tragen“ – und nicht einmal ein kleines. Aber genau hier gerät auch der Film aus den Fugen. Denn neben Lauras Geschichte gibt es noch eine menge weiterer Subplots, in denen sich “Me too” leider verliert. Nicht nur, weil es dem Film einfach gut getan hätte sich auf eine Frage – die der Beziehung zwischen Daniel und Laura – zu konzentrieren. Sondern weil jeder Plot auch um ein Vielfaches zu stark expliziert wird, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen.
So gibt es in der Liebesgeschichte des ungleichen Paares zwar wirklich viele schöne, ruhige, tiefe und auch komische Momente, diesen räumt der Film aber nicht genug Platz ein, um aus ihnen heraus die Hintergründe zu entwickeln und sich auf weitergehende Fragen einzulassen.
Der Film verspielt viele seiner Möglichkeiten
So muss es eine ganze Reihe von in Stereotypen verhafteten Außenstehenden geben, gleich mehrere Menschen mit Down-Syndrom ihren Platz in der Erwachsenen-Welt einfordern und Laura eine plausible Geschichte für ihre Beziehungsunfähigkeit aufweisen – bis es auch der letzte Zuschauer verstanden hat.
Schade, denn hier verspielt der Film viele seiner Möglichkeiten. So ruiniert er auch eine der besten Dialogpassagen des Films. „Ich habe noch nie Liebe gemacht“, sagt da Daniel zu Laura, die wir kurz zuvor noch haben mit einem Anderen abstürzen sehen, und sie antwortet: „Ich auch nicht“. Doch anstatt die Zweiereinstellung der Liebenden stehen zu lassen und ihnen in ihren endlosen Blick zu folgen, muss Laura Daniel diese Aussage nochmal haarklein erklären.

Da sich der Film vorher große Mühe gibt, Daniel als eben nicht dumm zu inszenieren, wird man das Gefühl nicht los, das eher der Zuschauer alles nochmal haarklein erklärt bekommt, damit er ja die Agenda von “Me too” mit aus dem Kino nimmt.
Was man im Film dagegen vergeblich sucht, ist eine Auseinandersetzung über die sozialen und politischen Gründe für die Ausgrenzung oder eine feinfühlige Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Körperdefekten, Attraktion und Sexualität. Diese Diskurse werden dem Erzählkino geopfert. Mitnehmen kann man dagegen die ungewohnte Selbstverständlichkeit mit der Hauptprotagonist all das erlebt, nämlich die normalste Geschichte der Welt: Daniel liebt Laura – mit allem was dazu gehört.
