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Inception: Wahrnehmung, Realität und Traum

Christopher Nolan liefert mit seinem neuesten Film “Inception” sehenswertes Kino. An die ganz großen des Genres kommt er aber nicht immer heran: Eine weitergehende Filmkritik 

von Christoph Büttner

Don’t think of an elephant.“ „What are you thinking about?“ „An elephant.“ „Exactly.“

Was im Film als Beispiel für die „Inception“, die Implantierung eines Gedankens in den Kopf eines Anderen, dient, kann eigentlich ohne weiteres auf die Ebene des Zuschauers angewandt werden. Erstens, wenn es um das Sujet geht. Das Spannungsfeld Wahrnehmung – Realität – Traum als Filmthema lässt einen unweigerlich an dessen Bearbeitung in früheren Filmwerken denken. Von Fassbinders Welt am Draht über Cronenbergs Existenz und natürlich The Matrix schnellen einem sofort drei Filme in den Kopf, die die sujettypischen Fragestellungen höchst unterschiedlich umgesetzt haben. Zweitens legt mit Christopher Nolan natürlich ein Regisseur Inception vor, der schon einige Erfolge wie Memento oder den großartigen The Dark Knight vorzuweisen hat. Schließlich müssen auch immer die rezeptionstheoretischen Glocken läuten, wenn sich Kino und Traumsujet verbinden.

Einerseits ist es unfair dem Film gegenüber, ihm diese ganze Last von Anfang an aufzubürden, aber der Elefant ist nun mal im Kopf des Zuschauers und deshalb kommt Inception nicht daran vorbei sich an all dem auch messen zu lassen.

Der Traum im Traum

Aber von Anfang an. Wir sehen Dominic Cobb (Leonardo DiCaprio) und Arthur (Joseph Gordon-Levitt) die versuchen in den Geldschrank des Industriellen Saito (Ken Watanabe) einzubrechen. Dummerweise werden sie erwischt. Arthur stirbt, Cobb flieht in einer wilden Verfolgungs-Schießerei vor seinen Häschern, während um ihn herum das Anwesen einstürzt und überflutet wird. Zum Glück ist das Anwesen nur ein Traumgebilde, in das die drei Charaktere mithilfe eines technischen Apparats versetzt werden. Darin versuchen Cobb und Arthur Informationen aus Saitos Kopf zu stehlen. Kaum aufgewacht werden sie aber schon wieder Ziel des Angriffs einer marodierenden Horde von Aufständischen. Aber – Ätsch – auch das wieder nur ein Traum, der erste sozusagen Traum im Traum oder Traum².

Schon in dieser ersten Sequenz zeigen sich alle Grundzutaten, die Inception ausmachen. Wer im Traum stirbt, wacht auf – zumindest, wenn er keine allzu starken Drogen intus hat. Und ganz so tief ist der Schlaf auch nicht, denn die Position des Schlafenden hat entscheidende Auswirkung auf die Traumwelt: Stürzt der Träumende, fällt schonmal die Gravitation aus, eine einfache Badewanne wird im Traum zum alles verzehrenden Tsunami. Wenn die Traum-Eindringlinge ganz viel Pech haben, verbündet sich das Unbewusstsein auch noch gegen sie und schickt eine Armee schwer bewaffneter Söldner, die ihnen ans Leder wollen.

Dank dieser Konstruktionen sorgt Christopher Nolan dafür, dass er in Inception eine Menge Action zu inszenieren hat. Und er tut gut daran. Denn gerade wenn es vier Traumebenen gibt, die zeitlich parallel Handlungen zu verzeichnen haben, kann sich Nolan richtig austoben. Die visuelle Kraft dieser Sequenzen, die in Hochgeschwindigkeit ineinander montiert sind, besticht. Vor allem in großformatigem Cinemascope – ganz ohne Stereoskopie. Auch die Szene in der „Architektin“ Ariadne (Ellen Page; Namensgebungs-Holzhammer lass grüßen) Paris in der Mitte faltet, kann einem den Atem rauben.

Zu viel Geradlinigkeit

Was sich leider über den Plot nicht sagen lässt. Lässt sich der Film mit all seinen Ebenen  und den persönlichen Verwerfungen seiner Hauptfigur anfangs noch etwas verwirrend an, so wird im weiteren Verlauf tunlichst darauf geachtet, dass immer genügend Informationen gestreut werden, damit der Zuschauer auch bloß folgen kann.

So entspinnt sich die psychologische Disposition Cobbs und seiner Vorgeschichte zwar langsam, aber aufkommende Fragen werden möglichst bald und meist in einer konventionellen Dialog-Passage mit Ariadne geklärt. Auch der – schön in bester Heist-Movie Manier vorbereitete – Auftrag der Gruppe um Cobb geht in der zweiten Hälfte des Films ziemlich geradlinig über die Bühne. Inszenatorisch werden die einzelnen Traumebenen zudem säuberlich differenziert: Jeweils unterschiedliche Settings und typische Kinematographie (bspw. Farbgebung) lassen keine Zweifel aufkommen, in welcher Ebene sich die Helden gerade bewegen – hier die kalte verregnete Großstadt, dort die helle, weiße Schneewelt. Stylisch ist das allemal. Leider auch etwas einfach. Über diese narrative Linearität kann dann auch der Twist am Ende des Films nicht mehr hinwegtäuschen.

Die Frage nach dem After-Kino-Bier

Den Vergleich mit den oben genannten Filmen hält Inception daher nicht stand. Zwar widmet auch Nolan Alltägliches in Bedrohliches um – vor allem in der wirklich guten Sequenz in Dominic Cobbs Hirn, in der das gemütliche Heim zur Projektionsfläche von Verdrängung und Schuld wird – die Sprödität mit der Fassbinder Träume inszeniert und langsam den Zweifel an der Realität nährt, überzeugt aber doch eher.

Im Prinzip bleibt am Ende die Frage, ob das, was wir wahrnehmen, die Realität ist oder etwas anderes. Leider war es das auch schon. Erkenntnistheorie achte Klasse. Würde Inception stärker auch mit unserer Orientierung spielen und uns Zuschauer so tiefer in den Kaninchenbau führen, wäre diese Frage (und die nach den Gemeinsamkeiten von Kino und Traum) auch aufwühlender. So wird sie bald von der Frage nach dem After-Kino-Bier überlagert. “Existenz” ist in dieser Hinsicht in seiner narrativen Komplexität mutiger. Und als durchstilisiertes Action-Machwerk im Bereich des erkenntnistheoretischen Films ist und bleibt “The Matrix” ungeschlagen – was auch Nolan weiß, deshalb inszeniert er kurzerhand ganze Versatzstücke aus diesem Film nach. (Nolans Oeuvre ist allerdings eigenständig genug, um dies nicht als Plagiat, sondern eher als Hommage zu begreifen.)

Sehenswert ist Inception aber trotzdem. Vor allem aufgrund der inszenatorischen Kraft Nolans und der schnellen Traum-Wechsel-Sequenzen. Wenn, dann aber bitte groß und im Kino.

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