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Man kann Anderen also doch in den Kopf gucken!

Eine Rezension zum Kabinett des Dr. Parnassus

Es ist ein Sprung in eine andere Welt. Es ist die Sicht in den Kopf anderer Leute. Es ist der berühmt berüchtigte letzte Film, in dem der verstorbene Australier Heath Ledger mitspielt.

Der tausendjährige Dr. Parnassus (Christopher Plummer) fährt mit seiner Theatertruppe, der auch seine Tochter Valentina (Lily Cole) angehört, durch das heutige London und bietet den Menschen eine Reise in ihre eigenen Köpfe, in ihre eigene Fantasie an. Alles, was diese dazu tun müssen, ist durch einen magischen Spiegel zu gehen. Doch die Leute interessieren sich nicht mehr für Mystik und Legenden. Eines Tages trifft Parnassus‘ Truppe plötzlich auf einen jungen Mann namens Tony (Heath Ledger), der scheinbar gerade versucht hat, sich umzubringen. Dabei hat Dr. Parnassus schon genügend Probleme: Vor Jahren hat er eine Wette gegen den Teufel, Mr. Nick (Tom Waits), verloren. Dadurch wird seine Tochter, sobald sie das 16. Lebensjahr erreicht hat, dem Teufel gehören. Da sich Valentinas Geburtstag nähert, wettet Dr. Parnassus ein weiteres Mal mit Mr. Nick: Wer es zuerst schafft, innerhalb von drei Tagen fünf Seelen zu gewinnen, dem soll Valentina gehören. Zur Überraschung aller entpuppt sich Tony als überaus talentierter Seelenfänger…

Die Story ist abgedreht

Die Handlung des Kabinett des Dr. Parnassus ist abgedreht und unterhaltsam. Die Story driftet dennoch oft ins übertrieben Sentimentale ab. Dies und die Längen des Films langweilen den Zuschauer im Laufe der Erzählung zunehmend. Auch wenn jede Minute mit Handlung gefüllt ist, fragt man sich doch fortwährend, wo das alles hinführen soll bzw. wann es endlich zum großen Showdown zwischen Dr. Parnassus und Mr. Nick kommt. Der Anfang des Films ist beeindruckend, das Ende mehr oder weniger überraschend, aber Einiges im Hauptteil wirkt unklar und wirr: Es scheint so, als wären hier zu viele verschiedene Ideen zusammen geworfen worden. Infolgedessen darf der Zuschauer in diesem Brei von ‚Imaginationen‘ schwimmen und darüber hinaus noch einige, völlig unpassende Szenen (wie den Tanz und Gesang männlicher Polizisten in Röcken und Stöckelschuhen) über sich ergehen lassen.

Eindrucksvolle visuelle Welten

Der Film hat seine ganz eigene visuelle Darstellungsweise, was ihn einzigartig macht und den Zuschauer fasziniert. Die Computergrafiken und -animationen erinnern im Gegensatz zu den Visuals in Filmen wie Avatar eher an handgemalte Zeichnungen als an perfekte, künstliche Computerwelten. Die surreale Welt, die der Regisseur Terry Gilliam geschaffen hat, ist eindrucksvoll.

Erstklassige Besetzung

Alle Darsteller des Kabinett des Dr. Parnassus  sind erstklassig besetzt. Während die drei ‚imaginären‘ Versionen von Tony (abwechselnd gespielt von Jude Law, Colin Farrell und Johnny Depp) den Film ungemein bereichern und ihm eine weitere surreale Ebene verpassen, sorgen Lily Cole und Andrew Garfield für die nötige Bodenhaftung. Doch es ist vor allem das Gegenspiel von Christopher Plummer und Tom Waits, das den Zuschauer in seinen Bann zieht. Das stetige Hin und Her von Gut und Böse und das Ringen um den Triumph des einen über den anderen amüsiert dauerhaft.

Der letzte Film mit Heath Ledger

Heath Ledger verstarb inmitten der Dreharbeiten im Januar 2008. Bei Terry Gilliams aktuellem Werk handelt es sich also um den letzten Film, in dem er zu sehen ist. Aufgrund dessen wurde ein großes Brimborium um das Kabinett des Dr. Parnassus gemacht. Man muss jedoch sagen, dass Ledgers Performance leider keine außergewöhnlich gute ist. Dies mag natürlich an seiner nicht besonders außergewöhnlichen Rolle liegen. Heath Ledgers Leistung ist solide, aber an sein Spiel in Brokeback Mountain oder Batman – The Dark Knight kommt es nicht ran.

Das Kabinett des Dr. Parnassus ist ein visuell ansprechender und durchaus interessanter Film, der in seinem Verlauf allerdings klar enttäuscht. Gilliams Message ist simpel: Die Freiheit eines Jeden liegt in seiner Fantasie. Ein bisschen weniger Fantasie und ein bisschen mehr klare Struktur hätten dem Werk hingegen gut getan. Es bleibt ein adäquater Film für einen DVD-Abend vorm eigenen Fernseher, ist aber nicht unbedingt das Geld für ein Kinoticket wert.

2 comments to Man kann Anderen also doch in den Kopf gucken!

  • Thomas

    Danke für deine Rezension,

    ich möchte allerdings an ein paar Punkten etwas ergänzen.
    Das besondere am Auftreten Johnny Depps, Colin Farrells und Jude Laws ist, dass ohne sie der Film überhaupt nicht hätte fertiggestellt werden können.
    Aufgrund der Not, die Regisseur Gilliam verspürte (es endete schonmal ein Projekt von ihm mitten in den Dreharbeiten), wurde die Story ein wenig umgeschrieben, sodass die Änderung von Tonys Äußerlichkeit halbwegs erklärbar wird.

    Hierzu muss man allerdings auch erwähnen, dass der Film höchstwahrscheinlich ohnehin darauf ausgelegt ist, sich die Story zurecht zu imaginieren, damit vieles irgendwie Sinn ergibt.
    Genau das gefiel mir ungemein- die Diskussionen auf dem Heimweg nach dem Kinobesuch waren sehr interessant. Verschiedene Beobachtungen zeichneten dann auch immer ein anderes Bild der Story.
    Übrigens: Johnny Depp und Jude Law haben beide nur einen ca. 10minütigen Auftritt- also nicht zuviel erwarten.

    Die surreale Welt trägt ganz klar- Terry Gilliam eben- die Handschrift Monty Pythons- mir persönlich hat es unheimlich gefallen, die simplen Kritzeleien der Könige des schwarzen Humors in einer computeranimierten Version zu sehen.

    Einmal muss ich noch meckern: Die tanzenden Polizisten waren Dr. Parnassus Versuch, die Seelen der russischen Mafia für sich zu gewinnen- er verlor gegen Mr. Nicks rustikales Bauernmütterchen. Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber in der Story durchaus sinnvoll.

  • Sarah Breidenbach

    Vielen Dank für deine Ergänzungen. Du hast Recht, dass Law, Farrell und Depp nur “eingesprungen” sind, hatte ich nicht erwähnt.

    Ich finde es sehr interessant zu hören, was dir an dem Film besonders gut gefallen hat! Allerdings kann ich dir bei der Szene mit den Polizisten leider wirklich nicht zustimmen. Dass sie für die Story einigermaßen sinnvoll ist, bestreite ich gar nicht, aber die Umsetzung à la Monthy-Python-Manier (wie du schon richtig erkannt hast) ist einfach super unpassend, wenn man die vorherigen Szenen und die darauffolgenden betrachtet. Und das in allen Punkten: Kamera, Schnitt, Text usw…

    Außerdem denke ich, dass sich viele diesen Film anschauen werden, sich im Vorfeld jedoch etwas Anderes daunter vorstellen und eher enttäuscht aus dem Kinosaal gehen.

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