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Die Zensur, die nie stattfinden sollte

von Marlene Bauz

Düstere Aussichten

Trotz einiger Novellierungen des Gesetzes über die Jahre hinweg, die beispielsweise das Vorführen gewisser Filme vor einem ausgewählten Publikum erlaubten, hatten die Filmemacher der Weimarer Republik durchgehend mit der Zensur zu kämpfen. Eines der berühmtesten Filmbeispiele, das der deutschen Zensur zum Opfer fiel, ist das Antikriegsdrama „Im Westen Nichts Neues“ (im Original „All Quiet on the Western Front“, von Lewis Milestone).

Basierend auf Erich Maria Remarques gleichnamigen Roman, wurde der mit zwei Oscars prämierte Film im April 1930 in Los Angeles uraufgeführt und erhielt zunächst auch die Aufführgenehmigung in Deutschland.

Ein jähes Ende

Bild: Deutsches Filminstitut

Die deutsche Erstvorführung fand am 05. Dezember in Berlin statt, nur sechs Tage später wurde der Streifen verboten.

Die Produktionsfirma Universal Pictures war bereits mit den deutschen Zensurbedingungen vertraut und hatte vorsorglich bereits Szenen aus der 140-minütigen amerikanischen Fassung herausgeschnitten, von denen sie glaubte, sie wären beanstandet worden.

Zu vielen Verantwortlichen in Deutschland war dies jedoch nicht genug.

„…keine Menschen mehr mit Leib und Seele“

So sah beispielsweise eine Zeitschrift der Zentrumspartei die Darstellung deutscher Soldaten in Milestones Werk. Sie deklarierte es als „Beleidigung“ aller Gefallenen und Kämpfer und sprach ihm schlichtweg die wahrheitsgemäße Darstellung des Krieges ab.

Andere Stimmen gestanden dem Film ebenfalls seine Krassheit zu, sahen darin jedoch seine Vorzüge, betitelten ihn unter anderem als „aufwühlendes, wahrheitsgemäßes Dokument“ und hofften auf eine Zeit, in der „er auch in Deutschland verstanden und gewürdigt wird“ (Film-Kurier vom 13.12.1930).

Die Politik mischt sich ein

Ohne dass „Im Westen Nichts Neues“ in ihren Ländern bereits angelaufen war, reichten Regierungen verschiedener Bundesländer einen Antrag auf Widerruf der Aufführungsgenehmigung ein. Sie begründeten ihr Anliegen damit, dass der Film das Potential habe, das deutsche Ansehen sowie die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gefährden. In der Zensurverkündung schließlich sprach man es dem Film ab, „die hohe Aufgabe, das Kriegserlebnis zu schildern, gemeistert“ zu haben.

In der Debatte standen sich die politisch Rechte und Nationalsozialisten als Gegner des Werkes und auf der anderen Seite Liberale und die politisch Linke, sowie ehemalige Frontkämpfer, die es den Film zu verteidigen im Sinn hatten, gegenüber.

Universal Pictures ließ noch während der Verhandlungen verlauten, man nehme den Film ungeachtet der letztendlichen Entscheidung sowieso aus dem deutschen Programm, um Deutschland nicht als wichtigen Absatzmarkt zu verlieren.

„Wir haben gewonnen.“

Den entscheidenden Anstoß der Unruhen und Rufe nach einem Aufführungsverbot jedoch machten die Nationalsozialisten, die unter der Führung Joseph Goebbels’ für geschickte Inszenierungen öffentlichen Unmutes sorgten.

Bei der ersten Aufführung des Filmes bereits waren unzählige Parteimitglieder anwesend, die kurz nach Vorstellungsbeginn mit Störungen und Pöbeleien anfingen.

Die Frankfurter Zeitung berichtete, „auf dem Rang (erhob sich) Dr. Goebbels zu einer Ansprache. Es kam zu einem ungeheuren Tumult … Stinkbomben flogen in den Saal und – als besondere Überraschung wurden von den Nationalsozialisten weiße Mäuse ausgesetzt“.

Nachdem der Streifen abgesetzt wurde, quittierte Goebbels dies in seinem Tagebuch mit den knappen Worten „Tausende von Menschen genießen mit Behagen dieses Schauspiel. Die Vorstellung ist abgesetzt, auch die nächste. Wir haben gewonnen.“

Ein Produkt nationalsozialistischer Propaganda

Etwa ein Jahr später konnte eine kurzzeitige Aufhebung des Verbots erreicht werden. Universal Pictures hatte dafür weitere Szenen herauszuschneiden und stimmte, darauf bedacht beim deutschen Markt nicht in Missgunst zu fallen, sogar zu, in allen Ländern nur noch den massiv gekürzten Film zu vergeben.

Ein Ergebnis nationalsozialistischer Hetze und arbeitswütiger deutscher Zensoren, das nicht bis zur ersten Wiederaufführung des Originals im Jahr 1984 revidiert wurde.

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