René Harder (Regisseur des Films und Professor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft)

Ein Interview mit René Harder

René Harder (Regisseur des Films und Professor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft)
René Harder (Regisseur des Films und Professor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft)

Medienblick: Herr Harder, Ihr Film “Die Hüter der Tundra” behandelt ein sehr außergewöhnliches Thema. Keine Straße führt ins kleine russische Dorf Krasnotschelje, man erreicht es nur per Hubschrauber oder via Schlitten über die vereisten Seen. Sie haben selbst in Russland studiert – gibt es da eine Verbindung?

Harder: Eine Verbindung gibt es insofern, als dass ich in der Zeit in Russland – das war die spannende Zeit 1991 und 1992, als das Sowjetimperium zusammenbrach -, das Land, die Leute und die Sprache kennengelernt habe. Ich spiele Akkordeon und habe sogar russische Lieder spielen gelernt. Dadurch, dass ich fließend russisch spreche und manchmal auch auf Russisch träume, ist der Kontakt ein ganz anderer als mit einem Übersetzer. Das ist die mentale Brücke dorthin. Ganz konkret war es der Unterwasserkameramann von “Herr Pilipenko und sein U-Boot” (Dokumentarfilm Harders von 2007, Anm. d. Red.), der auf der Kola-Halbinsel war, dort gefilmt und mir Fotos geschickt hat.

Rentiere mit Schlitten
Rentiere mit Schlitten

Medienblick: Ihre Recherchen für den Film liefen fast sechs Jahre, von 2006 bis 2012. Das erste Mal in einem abgeschotteten Dorf mit einem Filmteam, wie waren da die Reaktionen der Bewohner?

Harder: Ich bin über Jahre hinweg erst einmal nicht mit einem Filmteam, sondern persönlich angekommen. Die Samen sind so nordisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Mentalität ist maulfaul, anti-herzlich, was aber überhaupt nicht schlecht gemeint ist. Ich glaube, die mögen mich sehr gerne. Der Vater von Sascha hat gesagt, wenn er stirbt, dann möchte er mich benachrichtigen und dann muss ich kommen.  Das ist ja schon eine tiefe Verbindung. Nicht, dass wir uns zum Hallo und Tschüss mal in den Arm genommen hätten.

Wenn ich da also alleine aufgetaucht bin, ging die Begrüßung ungefähr so: “Da kommt wieder der alte nervige Deutsche, dieses Super-Arschloch, was sollen wir denn jetzt tun?” So ist das dort, das ist nicht böse gemeint. Die Hirten fluchen den ganzen Tag. Die sagen auch “Du Wichser, kannst du mir mal diesen verschissenen Kaffee rüber reichen?”. Im Film wird das angespielt, wenn eine der zwei Frauen fragt: “Sprichst du denn schon den örtlichen Dialekt?” Das ist damit gemeint. Ich würde sagen, herzlich ist das nicht, oder? Aber das ist, wie wenn wir sagen “Guten Tag”, “Tschüss”, “Wie geht’s?”.

Medienblick: Trotzdem wurden Sie von den Menschen in Krasnoschtschelje grundsätzlich akzeptiert?

Harder: Die Akzeptanz von Saschas Bruder Wladik, auch ihn zu filmen und zum Protagonisten zu machen, die habe ich ganz lange nicht bekommen. Ich habe nicht verstanden, wo seine Sorge war. Die Rentierhirten arbeiten dort in Brigaden, in Arbeitskollektiven, und er hatte unglaubliche Angst, aus diesem Kollektiv herausgehoben zu werden. Das erahnt man ja gar nicht. Ich habe die Erlaubnis erst bekommen, als ich zu dem Chef des Kollektivs gesagt habe: “Mir geht es eigentlich gar nicht um Wladik, ich möchte die ganze Brigade filmen.” Ich habe ein paar Jahre gebraucht, bis ich auf diese Idee kam. Das Vertrauen zu gewinnen war schwierig. Aber anfangs gab es viele Unsicherheiten. Zum Beispiel die Angst, dass ich das Volk im Film als arm und rückständig denunziere.

Die Stille in Krasnoschtschelje
Die Stille in Krasnoschtschelje

Medienblick: “Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl hier” – das sagen die Bewohner über die russische Tundra. Können Sie dieses Lebensgefühl genauer beschreiben?

Harder: Ein Beispiel dafür: Es gibt eine Sache, die sich im Film nur begrenzt transportieren lässt – das ist die unglaubliche Stille. Leute haben mich gefragt: “Gibt es bei deinem Film einen Fehler mit der Tonspur?” Wir haben sogar ein bisschen Vogelgezwitscher untergemischt, weil die Leute dachten, da fehlt der Ton. Es ist einfach ruhig, man hört nichts. Das ist man nicht gewohnt, das gibt es bei uns nicht.

Medienblick: Wie viel Zeit haben Sie insgesamt gemeinsam mit dem Samen-Volk auf der Kola-Halbinsel verbracht?

Harder: Ich bin über sechs Jahre hinweg einmal im Sommer und einmal im Winter hingereist. In der Summe war ich etwa ein Jahr da.

Medienblick: War Ihnen von Anfang an klar, dass Sascha und ihre Familie den Mittelpunkt des Films darstellen werden?

Harder: Bei der Filmrecherche ist es ja nicht so, dass man irgendwo ankommt und weiß: Darum geht es, das ist die Geschichte und darauf konzentriere ich mich. Ich wollte den Film zuerst über eine andere Frau machen, die die erste private Rentierherde gründen wollte. Aber da gab es Korruptionsvorwürfe und das ganze Vorhaben wurde aufgegeben. Ich war also nicht immer nur in Krasnoschtschelje, sondern habe auf der Kola-Halbinsel an verschiedenen Orten recherchiert, viele Leute getroffen, interviewt und gefilmt.

Sascha
Sascha

Medienblick: Wie sind Sie letztendlich auf Sascha gestoßen?

Harder: Über Dr. Michael Rießler, heute tätig an der Uni in Freiburg, der an einem Sprachdokumentationsprojekt der samischen Sprache gearbeitet hat. Er hat lange in Russland recherchiert und kannte viele Leute. Ich bin bei meinen eigenen Recherchen auf ihn gestoßen, er hat mir die Kontakte vermittelt. Ich habe Sascha also eigentlich relativ früh kennengelernt, war aber zunächst fixiert auf diese andere Geschichte. Nachher sieht es so selbstverständlich aus: Ja, das ist doch die Geschichte! Ich habe sie aber lange nicht gesehen.

Medienblick: Mit Sascha sind Sie an eine sehr resolute Frau geraten, die für den Erhalt ihres Dorfes und gegen den industriellen Rohstoffabbau in der Tundra kämpft. Wie haben Sie sie – auch hinter der Kamera – erlebt?

Harder: Das Besondere an Sascha ist, dass sie sich enorm mit ihrer Heimat verbunden fühlt.  Andererseits könnte sie hier am Tisch sitzen und würde nicht auffallen, sie ist eine moderne, junge Frau, hell im Kopf, kann strategisch denken, ist kommunikativ, was sehr, sehr viele der Samen, wie ich vorhin beschrieben habe, nicht sind. Sie gehört zu den neun Leuten im samischen Parlament, wurde wiedergewählt. Sie hat in Murmansk studiert: Die anderen sind in den Semesterferien in den Süden gefahren, in die Ukraine, sie in ihr Dorf, sie ist nirgendwo anders hingezogen. Ihr einziger Traum ist, dass ihr Kind noch viel verbundener aufwächst als sie. Und dann wieder soll ihre Tochter Uljana später eine Rentierherde haben. Ein vergleichsweise moderner Gedanke, bis jetzt waren es ja immer Männer.

Rentierherde
Rentierherde

Medienblick: Die Filmbilder wirken sehr unverfälscht, ruhig, Sie halten sich stark im Hintergrund. Hauptsächlich Sascha erzählt ihre Geschichte. Was wollten Sie mit dieser Machart bewirken? 

Harder: Man sieht den Film mit den Augen Saschas und ihrer Familie. Die Menschen dort haben Probleme, die in Russland nicht richtig ernst genommen werden. Mir war es einfach ein Anliegen, den Menschen ein Gehör zu verschaffen. Darum geht es mir.

Medienblick: Ein so geplantes Konzept oder hat sich das erst während der Produktion entwickelt?

Harder: Es gibt viele Parallelen zu der Machart von “Herr Pilipenko und sein U-Boot”. Da war es ein ähnliches Anliegen: Dass jemand eine Stimme hat, eine Art Verstärker, kann man sagen. Das war von Anfang an so geplant. Das Voice-Over von Sascha ist die Essenz von vielen, vielen Interviews, die ich aufgezeichnet habe. Ich möchte, dass das Ganze seine Poesie behält. Was mir auch wichtig ist: Über die schönen Aufnahmen verstehbar zu machen, warum jemand sein Herz an eine Sache heftet.

Medienblick: Was für Herausforderungen sahen Sie sich als Regisseur in der russischen Tundra gegenüber? 

Harder: Wenn man dort einen Film dreht, kann einen das in den Wahnsinn treiben. Ich habe manchmal drei Tage auf Leute gewartet und die waren dann verwundert, dass ich gesagt habe: “Wir waren doch verabredet”. Naja, das ist halt so. Man kann sich verabreden und das Leben kommt dann anders. Eine weitere Herausforderung waren Temperaturen um minus fünfzig Grad. Am Anfang habe ich wie die Hirten Mützen aus Rentierhaaren getragen, diese Haare hatte man dann beim Dreh überall in den Objektiven. Später bin ich in einen Werksverkauf für Expeditionskleidung gegangen. Man muss erst einmal ein System finden, bei -50 Grad eine Kamera anzufassen. Da bleibt die Haut dran kleben. Normalerweise sagt man, egal welches Bild man mit der Kamera einfängt, man muss es mindestens zehn Sekunden filmen. Mitunter tut diese Kälte aber so brutal weh, dass sämtliches Zeitgefühl verloren geht. Plötzlich habe ich Aufnahmen von zwei Sekunden Länge. Das ist mir unerklärlich. Bewegen Sie sich mal im hüfthohen Schnee mit Kamera und Stativ. Man hört auf manchen Aufnahmen nur das Keuchen von Herrn Harder. Das wollten wir aber gar nicht im Film haben (lacht).

Medienblick: Saschas politisches Engagement zahlt sich am Ende des Films aus, ein Investor für die Rentierzucht wurde gefunden. Haben Sie noch Kontakt zu Sascha und wissen, wie der aktuelle Stand ist?

Harder: Ich hatte sie zur Filmpremiere nach Locarno eingeladen. Leider ist ihr Kind dann krank geworden. Die Rentierzucht wirtschaftlich profitabler zu machen, ist ein langwieriges Projekt. Das ist nichts, was in ein, zwei Jahren passiert. Ich möchte nächstes Jahr wieder zu den Samen reisen, um ihnen den Film zu zeigen.

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