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Aktuelles Alltag Frauenfrage - Kolumne Gesellschaft

Du bist zu fett! Du Hungerhaken!

Bodyshaming ist ein altbekanntes Phänomen, mit dem Frauen nicht nur von Männern in optische Schubladen gesteckt werden, sondern auch von ihren „Mit-Frauen“ fertig gemacht werden. Aber was ist überhaupt schön in Zeiten, in denen nichts mehr Wertefrei ist?

„Frauenfrage“ eine Kolumne von Louisa Albrecht

Bis vor kurzem war die Sache klar: Schlanke Frauen sind attraktiv, übergewichtige nicht. Punkt. Doch daran hat sich viel verändert. In Paris dürfen Frauen, die sich seit Jahren dem Schönheitsideal der Modebranche unterworfen haben und kaum mehr als Elfjährige wiegen, nicht mehr auf den Laufsteg, weil damit die falschen Bilder vermittelt würden, während bei GNTM noch fröhlich unheimlich dünne Mädels ihren gescripteten Zickenkrieg austragen. Im Internet werden sie jedoch beleidigt. Knochen sind was für Hunde, nur Fleisch ist etwas für Männer. Echte Frauen haben Kurven und dergleichen mehr. Und zur gleichen Zeit werden übergewichtige Kinder auf dem Schulhof weiterhin bis aufs Mark gemobbt. Was ist also schön und wie soll ich noch wissen, wie ich „aussehen soll“?

Bodyshaming geht inzwischen in beide Richtungen und wird von beiden Geschlechtern betrieben. (Wobei ich das Gefühl habe, dass die Figur von Frauen weitaus öfter und intensiver diskutiert wird, als die von Männern.)
Jahrelang wurden schon zwölfjährige in der BRAVO mit Diättipps versorgt und plötzlich ist es damit vorbei. Verwirrend, oder?
Ich finde es gut, dass Frauen von der Gesellschaft nicht mehr in den Magerwahn getrieben werden, sie aber dafür zu verachten, wenn sie schlank und womöglich auch noch stolz darauf sind, finde ich eben so falsch. Jedem steht ein anderes Gewicht. Ich habe Freunde, die sehen auch mit „ein paar Kilos mehr auf der Hüfte“ umwerfend aus. Es passt einfach hervorragend zu ihnen, während andere jegliche Kontur zu verlieren scheinen, wenn sie eine Weile lang nicht auf ihre Ernährung achten.
Es gibt einfach verschiedene Typen, sowohl vom Knochenbau als auch von der genetischen Veranlagung zum Zunehmen her, aber warum ist das so ein großes Thema?
Früher (im Mittelalter, nach Kriegen, etc.) bedeuteten Fettpölsterchen Wohlstand und waren gerne gesehen (zumindest bei Männern). Heute herrscht aber (in Deutschland) kein Krieg mehr. Körperfett wird also nicht mehr unbedingt gut geheißen.  Inzwischen hat sich stattdessen ein Fitness- und Schlankheitswahn breit gemacht.

Wie soll sich da irgendjemand zurecht finden? Mir zumindest erscheinen die Modewelt und all die verschiedenen, gegensätzlichen Idealtypen zu verwirrend, um eine Orientierung zu bieten. Müssen sie das aber überhaupt?
Wäre es nicht besser, wenn jeder so viel wiegen dürfte, dass es sich gut und richtig anfühlt?
Wäre es nicht schön, wenn wir einen Tag lang mal nicht gesagt bekämen, ob wir gerade zu-, oder abnehmen müssen?
Wäre es nicht großartig, wenn jeder sich sein Idealbild selber aussuchen und verfolgen dürfte und dafür nicht von diversen Seiten angegriffen wird?
Bodyshaming hilft meiner Meinung nach niemanden. Der Person, die angegriffen wird logischerweise nicht, doch auch der Angreifer wird sich nicht besser fühlen, wenn der eigene Frust auf jemand anderen projiziert wird. Die eigenen Probleme lösen sich so nämlich auch nicht. Sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wie man diese lösen kann, hingegen schon.

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