Schauspielhaus © Jan Brandes
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Die Professionalisierung einer „schizophrenen“ Kunst – Wie Geld, Macht und Sexismus den Poetry Slam verändern

Der Poetry-Slam ist im Mainstream angekommen. Mittlerweile bespielen die ehemaligen Kneipenpoeten die größten Theatersäle des Landes. Doch was geschieht mit einer Kulturform, die ihr Nischen-Dasein hinter sich lässt und sich ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft bahnt? Die beiden Slammerinnen Jessy James LaFleur und Fee Brembeck schildern im Interview, wie sich Machtstrukturen, Aufgaben und Organisation verändert haben und warum die sexuellen Übergriffe, die im letzten Jahr innerhalb der Szene bekannt wurden, damit in Verbindung stehen.

Organisation – „Slam war mal mehr Punk“

„Es gab Slams, da wusstest du nicht, ob es überhaupt eine Orga gab“, erinnert sich Jessy James LaFleur und lacht. Amüsiert erzählt sie von längst vergangenen Tagen, in denen die Künstler nach ihrem Auftritt in der Wohnung des Veranstalters übernachten mussten. Von provisorisch gebauten Bettenlagern, Schlafsofas und Teppichboden ist die Rede. Das Fazit ihres Berichts: „Slam war mal mehr Punk“. Sie muss es wissen. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr tourt sie durch die ganze Welt und war schon auf unzähligen Bühnen unterwegs. Heute lebt die 32-Jährige von ihrem einstigen Hobby, ist Slam-Masterin von insgesamt sieben Veranstaltungsreihen u.a. in Berlin, Celle und Luxemburg. Nebenbei tourt sie fast täglich quer durch Deutschland und tritt auch europaweit mit Texten in drei verschiedenen Sprachen auf. Auf Reisen und in ihrer freien Zeit wirbt sie über Social-Media für Vorführungen ihres ersten eigenen Bühnenprogramms oder arbeitet an ihrem Debütroman, der noch dieses Jahr bei einem Brüsseler Verlag erscheinen soll.

Jessy James LaFleur steht seit 17 Jahren auf der Bühne (©Matthias Nau)
Jessy James LaFleur bereist seit 17 Jahren die Bühnen Europas (©Matthias Nau)

Das Beispiel von Jessy James LaFleur macht deutlich, wie sehr sich die Slam-Welt verändert hat. Aus einstigen Hinterhoflyrikern sind nicht wenige Personen des öffentlichen Lebens geworden: Moritz Neumeier, Hazel Brugger, Felix Lobrecht oder Thorsten Sträter haben den Sprung in die Kabarett- und Comedyszene geschafft. Sophie Passmann schreibt für die ZEIT und Jan Böhmermanns NeoMagazinRoyal. Nico Semsrott hat es mit der Satirepartei Die Partei gar ins Europaparlament geschafft. Und auch das Veranstaltungsformat Poetry Slam selbst hat einen Wandel durchlebt. Die offenen Teilnehmerlisten und die unstrukturierten Abende seien strammeren Konzepten gewichen, erzählt Jessy James LaFleur: „Slam-Master organisieren ihre Veranstaltung heute mehr nach Rezept. Ich gucke, dass ich ein bisschen Prosa habe, ein bisschen Lyrik, ein bisschen Dada“. Um einen entsprechenden Mix und bekannte Künstler für das jeweilige Genre präsentieren zu können, würden Veranstaltungen mittlerweile mehrere Monate im Voraus besetzt und durchgeplant. „Es geht nicht mehr um Einladungen, sondern um Booking“, erklärt LaFleur und wirkt verärgert. Ein wenig scheint es, als würde sie sich in Gedanken in die anarchische Anfangszeit des Slams zurückträumen. Mit einem nostalgischen Seufzen verrät die Poetin, dass auch die improvisierten Matratzenlager mittlerweile fast überall kalten Hotelzimmern gewichen sind.

Macht – „Und dann stand auf einmal auch Geld im Raum“

Der Erfolgsmarsch des Poetry Slam war neben der Erfindung einer neuen Kunst- und Kulturform auch die Entdeckung eines neuen Geschäftsfeldes, welches sich über die Jahre ausweitete: „Es hat einen wahnsinnigen Hype gegeben, nicht zuletzt wegen absoluter Großveranstaltungen“, meint Jessy James LaFleur und bezieht sich damit unter anderem auf Meilensteine wie die deutschsprachigen Meisterschaften 2004 in Stuttgart und 2011 in Hamburg. Letztere setzte mit über 4.000 Zuschauern in der gemieteten O²-Arena als Slam-Veranstaltung neue Maßstäbe. Doch nicht nur vor Ort konnte die immer beliebter werdende Kunstform die Zuschauer für sich gewinnen: „Auch das Zeitalter der digitalen Medien spielt eine Rolle. Videos, wie das von Julia Engelmann, wurden unzählige Male geklickt“, beschreibt die Poetin den weiteren Verlauf der Slam-Historie. „Slam war plötzlich Kult. Es gab immer größere Veranstaltungen, erste Werbedeals für Texte, die Online-Videos – und dann stand auf einmal auch Geld im Raum.“


Mit über 12-Millionen Klicks war der Text „One Day…“ von Julia Engelmann mitverantwortlich für den Slam-Hype.

Vollends zufrieden mit dieser Entwicklung scheint LaFleur nicht. Sie stört sich an dem zwiespältigen Image und der Verkaufsstrategie des Kulturprodukts: „Slam ist komplett schizophren. Wir stehen in Turnschuhen auf Opernbühnen und verkaufen das Märchen wie die Streetculture die Hochkultur erobert, das ist doch Quatsch.“ Emotional spricht die Poetin über den gegenwärtigen Spagat, den das Format zwischen wirtschaftlichem Erfolg und künstlerischer Freiheit hinlegt. Gebietskämpfe der Veranstalter, Monopolstellungen und die Gefahr, dass der Slam viel von seiner ursprünglichen Identität verliert – auch das gehöre zur Wahrheit dazu, meint LaFleur und sieht sogar Gefahren durch die neue Machtverteilung. So geraten berufstätige Slammer durch die Abhängigkeit von Veranstaltern und deren Einladungen in eine hierarchisch untergeordnete Position. Verscherzt man es sich mit den falschen Leuten, könne dies durch die große Vernetzungskultur schnell zum Problem werden: „Wir leben in einer Szene, in der du Angst haben musst, dass es dann mit der Karriere vorbei ist“, bedauert LaFleur. Auch um das Wohl junger Poeten sorgt sich die Slam-Masterin. Gerade Veranstalter sollten dafür Sorge tragen, dass Neu-Slammer sich nicht durch die etablierteren Künstler einschüchtern oder manipulieren lassen.

Sexismus – „Es ist schön, dass sich beim Slam alle umarmen, aber…“

Neben Geld und Macht wurde auch das Thema Sexismus zu einer Triebfeder der jüngeren Slam-Entwicklung, als die Szene sich im Sommer 2019 mit einer eigenen #metoo-Debatte auseinandersetzen musste. Mehrere Slammerinnen hatten sich innerhalb einer geschlossenen Facebook-Gruppe zu erlebten Missbrauchsfällen geäußert. Teilnehmerin an der Debatte war auch Fee Brembeck. Als Vorsitzende des feministischen Vereins „Slam Alphas“ unterstützt sie schon länger Frauen und Mädchen im Poetry Slam. Die Veröffentlichung der Vorfälle sieht Brembeck rückblickend als eine „Auslösesituation“ für unzählige Debatten und Veränderungen innerhalb der Szene: „Es wurden Awareness-Teams und Vertrauensgruppen gegründet“, erklärt sie. Außerdem organisiert Brembeck selbst mit ihrem Verein unter dem Motto #Safespace Workshops, setzt sich für einen sensibleren Umgang der Veranstalter mit Slammerinnen ein und unterstützt die mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer mit Spendenaufrufen für den Gerichtsprozess.

Slam, Kabarett und Gesang in einer Person: Fee Brembeck (© Sophie Wanninger)
Vorsitzende der „Slam Alphas“: Fee Brembeck (© Sophie Wanninger)

Ein bedeutender Anteil an der Sexismus-Debatte im Slam fällt laut Fee Brembeck auch auf die Professionalisierung der letzten Jahre und die strukturellen Veränderungen zurück: „Das Machtgefälle ist wahrscheinlich der größte Teil des Problems“, meint die Poetin. Sie kritisiert, dass die vielen persönlichen Netzwerke innerhalb der Slam-Welt vorwiegend von Männern dominiert würden. Sie fordert: „Es muss Schluss sein mit diesem Bro-Codex“. Die bestimmten Schilderungen der Slammerin verdeutlichen, wie sehr ihr das Thema am Herzen liegt und zeigen auf, mit welch großen und grundlegenden Fragen sich der Poetry Slam-Kosmos in Deutschland mittlerweile auseinandersetzen muss. „Für einen besseren Umgang miteinander müssen wir im Kleinen anfangen“, meint Brembeck und gibt ein Bespiel: „Natürlich ist es schön, dass sich beim Slam alle lieb haben und umarmen, aber es gibt Leute, die werden einfach nicht gerne umarmt. Darauf kann ich achten.“ Und auch für die großen Fragen hat die Poetin schon eine strukturelle Lösungsidee in Petto…

Ausblick – „Poetry Slam hätte die Chance gehabt, etwas anderes zu sein“

Wirtschaftlichkeit, die Einbettung in die digitale Welt, neue organisatorische Abläufe, veränderte Machtstrukturen und die Debatten rund um die schrecklichen Sexismus-Vorwürfe des letzten Sommers haben den deutschen Poetry Slam über die letzten Jahre hinweg verändert und geprägt. Fee Brembeck betrachtet diesen Wandel trotz vieler Schwierigkeiten auch als fortschrittliche Entwicklung: „Machtgefälle sind per se nicht schlecht“, gibt sie zu bedenken. „Wir stehen auf der Bühne, da gehört so etwas eben auch mit dazu. Wichtig ist, dass wir einen Weg finden, um auch Probleme ansprechen zu können und uns Gehör verschaffen“. Auch mit dem Hintergedanken an die Missbrauchsvorwürfe, wünscht sie sich deshalb die Gründung eines Poetry Slam-Dachverbandes. Durch die Gründung einer regulierenden Instanz könnten organisatorische Unstimmigkeiten besser geregelt, Probleme kommuniziert und Rivalitäten verhindert werden, so die Poetin. Obwohl ihr noch keine genaue organisatorische Struktur vorschwebt, spricht sich Brembeck überzeugt für die Gründung des neuen Gremiums aus und beteuert : „Ein weiterer Schritt hin zur Professionalisierung wäre auf jeden Fall wünschenswert“.

Der Poetry Slam in seiner Ursprungsform: Kleine Bühne – große Worte.

Eine andere Ansicht vertritt Jessy James LaFleur. Sie sieht den Slam an einer Art Scheideweg: „Auf der einen Seite wird es die großen Veranstalter geben und auf der anderen die Kneipenslams und Open Mics, die ohne große Bezahlung laufen“. Eine Zukunftsaussicht, die sie persönlich bedauert: „Die Poetry Slam-Szene hätte die Chance gehabt, etwas anderes zu sein, aber sie hat es nicht hinbekommen“. Enttäuscht scheint sie vor allem darüber, dass der Slam viel von seinem ursprünglichen Charme und Miteinander verloren habe. Wenn der große Hamburger Veranstalter Kampf der Künste seinen YouTube-Kanal „Poetry Slam TV“ nennt, dann sei das nur eines von vielen Beispielen, an denen man erkennen könne, wie sehr der Slam mittlerweile auch von wirtschaftlichen Machtinteressen durchzogen sei. Am Ende, so glaubt LaFleur, wird es ähnlich ablaufen wie beim HipHop: „Es wird Best-Ofs geben, das ist Mainstream, das ist Pop. Aber sind wir doch mal ehrlich, den wirklich guten Stoff, den bekommst du in den kleinen Eckkneipen, in denen es nicht um Geld geht, sondern um Kunst“.

 

Titelbild: Schauspielhaus Hamburg © Jan Brandes

jns

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