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Die #metoo Debatte und ihr Grundsatzproblem

Die #metoo Debatte und ihr Grundsatzproblem

Die Diskussion um Alltagssexismus ist längst einer reinen Personendebatte gewichen, wie sich jüngst in einer österreichischen Talkshow über #metoo zeigte. Eine längst überfällige Grundsatzdiskussion über sexuellen Missbrauch im Alltag findet nicht statt. 

Neulich ist es mal wieder passiert. In der österreichischen Talkshow  Pro & Contra, die deutlich gemacht hat, dass es ausserhalb von Deutschland tatsächlich möglich ist, noch inkompetenter und undifferenzierter über Sexismus im Alltag zu sprechen, ergriff irgendwann der Rechtsanwalt Werner Tomanek das Wort und sprach von einer “Hexenjagd“ auf den österreichischen Politiker Peter Pilz, der nach Missbrauchsvorwürfen von seinem Nationalamtsrats-Platz zurückgetreten war.
Abgesehen davon, dass der Terminus Hexenjagd bei einer Diskussion über Sexismus genauso angebracht ist, wie ein KZ-Witz bei einer Debatte über Flüchtlingspolitik, geschah hier dasselbe, was bereits seit Beginn der Debatte passiert, die durch den Hashtag #metoo vor allem in den sozialen Netzwerken befeuert wurde:

Eine Grundsatzdiskusion über Sexismus im Alltag wird auf einzelne Akteure verlegt und dann in irrer Weise ausgeschlachtet. Konkret: Ich kann die Menge der Artikel über die Konsequenzen von Kevin Spaceys Handeln (keine neue House of Cards-Staffel mehr, Umbesetzung bei diversen Filmprojekten) kaum noch aufzählen und trotzdem haben alle Debatten darüber, welche bekannte Persönlichkeit Wo und Wie gehandelt hat, eines gemeinsam: Sie führen dazu, dass wir uns dem Kern der Sache immer weiter entfernen.
Hier der Link zur Talkshow

Mitten im Wald

In den öffentlichen Debatten um #metoo wird so die Chance vertan, sich dem Problem von Sexismus im Alltag ganz grundsätzlich anzunähern. Es ist die alte Geschichte vom Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht: Die Stars und Prominente sind die Bäume zu denen wir hinaufschauen und übereifrig mit Kastanien bewerfen, während wir selbst mitten im Wald stehen und diskutieren, wie Frauen sich vor sexuellen Übergriffen schützen können, anstatt darüber, wie sich unser gesellschaftliches Bewusstsein für sexuelle Übergriffe ändern muss. Oder in Wald-Metapher gespochen: Nicht die großen Tannen sind das Problem, sondern der ganze Wald in dem wir stehen.
Als der Hasthag #metoo sich in Windeseile in sozialen Netzwerken verbreitete, staunte ich nicht schlecht, als viele meiner sozialen Kontakte mir mit ebenjenem Hashtag anzeigten: Ja, Ich auch. Ja. #metoo. Ich staunte deshalb nicht schlecht, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass Alltagssexismus ein so großes Problem ist. Aber woher auch? Als Mann wurde ich bisher noch nie im Schwimmbad auf meine hübsche Badehose angesprochen. Wenn ich in meinem Arbeitsverhältnis etwas bemängelte, konnte ich mich immer frei dazu äußern, ohne dabei Angst haben zu müssen, auf mein Geschlecht reduziert zu werden.
Durch den Hashtag und die enorme Anzahl meiner Freund*innen die davon Gebrauch machten, wurde mir allerdings klar, dass der Kern des Problems nicht auf irgendwelchen hohen Tannen liegt, sondern mitten bei uns. Der Hashtag #Metoo half mir zu verstehen, dass das eigentliche Problem nicht irgendwelche ergrauten Hollywoodstars aus Amerika sind, sondern dass das weitausgrößere Problem der alltägliche Sexismus im Umgang miteinander ist.

Der traditionalisierte Sexismus

Unsere Lebensrealität steckt voller Seximus, der nicht immer klar erkennbar ist. Der Chef, der seiner Sekretärin ein Kompliment über den sexy Rock macht, ist da das einfachste und populärste Beispiel: Warum sollte eine Frau, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Arbeitgeber steht, solche Bemerkungen nicht einfach runterschlucken, anstatt sich dagegen aufzulehnen, nur um dann im Kantinengespräch als biedere Feministin, die keinen Spaß verträgt, zu gelten?
Es mangelt, wie sich auch in der Pro & Contra Show zeigte, offenbar an dem fehlendem Verständniss dafür, dass es eine Frau vielleicht nicht lustig findet auf ihr Geschlecht und auf ihren Körper reduziert zu werden. Unverständlich eigentlich, in Zeiten in denen “ein bisschen“ Sexismus einfach dazugehört.
Ein kleines Beispiel um diese Zugehörigkeit  zu zeigen: In Bayreuth, der oberfränkischen Provinz in der ich einmal studiert habe, gibt es jedes Jahr die Wahl zur Miss Volksfest. Die Kandidatinnen müssen in mehreren Runden die Gunst des Publikums gewinnen. Im Finale jedenfalls laufen die Kandidatinnen dann im Bikini quer über eine Bühne. Dickbäuchige Männer recken dazu Schilder mit „Titten raus“ und „geile Sau“ in die Höhe. Die Siegerin gewinnt  ein (höhö) Wasserbett. Keine Pointe. Selbstredend gibt es keine Diskusiion darüber ob es wirklich bei der Preisverleihung dreimal erwähnt werden muss das die Siegerin ein (höhöh) Wasserbett gewinnt, oder ob beschriebene Schilder verboten werden sollten.
Das Volksfest gibt es schliesslich seit den 70er Jahren und hat eine längerere Tradition, jetzt eine Diskussion darüber anzufangen, ob das alles wirklich so in Ordnung ist, ist genauso ermüdend, wie darüber, ob man der Sekretärin jetzt wirklich nichtmehr sagen darf,  dass ihr Rock sexy ist, oder?

Wir brauchen eine neue Diskussionskultur

Alles was nach #metoo bleibt, ist die müde Aufarbeitung des Ganzen.
Müde deshalb, weil es mal wieder darum geht, wie sich Frauen besser vor Übergriffen schützen – anstatt darüber warum sie sich überhaupt schützen müssen. Das Menschen wie Werner Tomanek in der österreichischen Diskussionrunde fordern, Männer sollten am besten „Bodycams tragen“ um „alles zu dokumentieren“, zeigt vielleicht am allerdeutlichsten, dass die Nachbereitung der #metoo- Aktion phänomenal gescheitert ist.
Was wir nach #metoo brauchen, ist eine neue Diskussionkultur über Alltagssexismus. Wir sollten den Mut haben uns umzusehen und erkennen, dass das Problem nicht auf hohen Tannenadeln liegt, sondern direkt vor uns – und das wir vielleicht sogar selbst ein Teil des Problems sind. Das kann schwierig werden wenn wir weiter “Titten raus“ Schilder auf Volksfesten hochhalten wollen, aber vielleicht machen die Volksfeste ja auch ohne Schilder Spaß.

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