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Die Faszination der eigenen Fantasie

Pen & Paper-Rollenspiel wird von vielen geliebt, während es den meisten wohl kaum bekannt ist. Seine Anfänge stammen aus einer Zeit, bevor der Computer Einzug in heimische Wohnzimmer hielt. Aber wie steht es im Jahr 2018 um ein Hobby, das auf visuelle Stimulation fast gänzlich verzichtet und sich stattdessen auf die eigene Imagination verlässt?

von Kathrin Hartmann

– „Ihr geht durch den Wald, als plötzlich vor euch etwas aus den Büschen hervorschießt. Mehrere bewaffnete Orkräuber kommen auf euch zu und greifen euch an. Was tut ihr?“

– „Ich ziehe mein Schwert und stürme auf die Räuber zu.“

– „Ich nehme einen Pfeil aus meinem Köcher und richte ihn auf den vordersten Räuber.“

– „Ich mache mich bereit, einen Zauber gegen die Gegner zu wirken.“

Der Spieltisch einer Runde "Dungeons and Dragons" im Voyager.
Der Spieltisch einer Runde „Dungeons and Dragons“ im Voyager. Foto: Kathrin Hartmann

Eine relativ alltägliche Konversation, wenn man Pen & Paper Rollenspiel betreibt. Hier taucht man in eine andere Welt ab, man ist ein Söldner, Krieger, Mönch, Händler oder Zauberer. Man muss nicht mal ein Mensch sein, sondern ist vielleicht ein Halbling, Ork, Elf oder Echsenmensch. Aus einer ruhigen Studentin wird eine gnadenlose Kriegerin, der Jurist wird zum schurkischen Ork, der Beamte wirkt als mächtiger Zauberer. All das ist möglich. Jedes Rollenspielsystem bietet seine eigene Welt mit eigenen Wesen und Abenteuern. Sei es die klassische Fantasywelt, wie sie aus Dungeons & Dragons (oft nur D&D genannt), Das Schwarze Auge, Midgard und Splittermond bekannt ist, oder ein Endzeitszenario, wie zum Beispiel bei Heredium oder Shadowrun. Auch Horrorthematiken sind vertreten, am bekanntesten ist dabei Call of Cthulhu. Zu den bereits zahlreich existierenden Systemen kommen regelmäßig neue dazu. Doch auch alte Systeme, wie D&D, das 1974 erstmals in den USA erschien und damit das älteste Rollenspielsystem ist, erleben ein Revival, meist auch durch eine neue Edition, in diesem Fall die fünfte. Dies scheint allerdings nicht zuletzt auch mit dem Einzug von Rollenspiel in die Populärkultur zusammenzuhängen. So sind auch unsere vier Nerds bei The Big Bang Theory Fans von D&D, ebenso wie die Protagonisten der Serie Stranger Things. Auch Uli Lindner, Verlagsleiter des Uhrwerk Verlags, sieht durchaus einen Zusammenhang mit bekannten Serien. „Meines Erachtens ist es auf jeden Fall ein Faktor,“ erklärt er. „Wir haben natürlich keine Zahlen dafür, aber wir haben das zumindest anekdotisch so, dass auch auf Conventions durchaus mal Leute an den Stand kommen uns sagen „Ah, ist das nicht das, was Sheldon und Konsorten immer spielen?“.“ Als weiteren Faktor sieht er sogenannte „Let’s Plays“, die vielen vielleicht aus dem Computerspielbereich bekannt sind. Diese gibt es in den letzten Jahren immer mehr für verschieden Rollenspiele. Dabei sieht man im Grunde einer Gruppe beim Rollenspiel zu. Als prominenteres Beispiel kann man hier Will Wheaton nennen, der als Spielleiter mit vier Spielern die Welt von Titansgrave erkundet. In zehn Folgen plus Hintergrundvideos kann man die Gruppe bei ihrem Abenteuer begleiten. Auch deutsche Verlage nutzen Let’s Plays immer stärker für ihr Marketing, bestätigt Lindner, da sie die Möglichkeit bieten, das Marketing direkt und kostengünstig an den Kunden heranzubringen. Der Topseller in Deutschland ist bis heute Das Schwarze Auge, das 1984 erstmals erschien: „Das liegt schlicht an historischen Gründen,“ erklärt Lindner. „Das ist das älteste Spiel, viele haben damit früh angefangen. In den Achtzigern stand über Schmidt-Spiele ein riesiges Werbebudget dahinter. Das war in allen Kaufhäusern und davon zehrt das teilweise heute noch.“ Insgesamt in der Branche, so Lindner, sind die Auflagezahlen tiefer als in den Achtzigern, nicht zuletzt bedingt durch die Konkurrenz der Computerspiele. Es gibt aber Grund für Hoffnung, denn in den letzten paar Jahren ging der Trend wieder nach oben, so verkauft sich Rollenspiel heute besser als noch zu Beginn der 2000er.

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„Aus irgendeinem Grund spielen deutsche Rollenspieler gerne Endzeitspiele.“ (Jochen Kestel)

Uli Lindner, Verlagsleiter des Uhrwerk Verlags in Köln.
Uli Lindner, Verlagsleiter des Uhrwerk Verlags in Köln. Foto: Kathrin Hartmann

Das Pen & Paper Rollenspiel ist mit 44 Jahren auf dem Buckel kein ganz neues Hobby. Da kommt die Frage auf, wie sich die Rollenspielwelt verändert hat, welche Trends erkennbar sind, besonders im Hinblick auf die jüngere Vergangenheit: „Das gibt es immer mal wieder mal, das sind aber eher kurzfristige Hypes als echte langfristige Trends, würde ich sagen. Das betrifft manchmal konkrete Systeme, die dann sehr stark rezipiert werden, es betrifft manchmal aber auch Ansätze des Regeldesigns,“ erklärt Lindner. Jochen Kestel, einer der Geschäftsführer des Bonner Comic Ladens, sieht in Deutschland einen Trend zur Endzeit-Thematik, die mit vielen kleinen Publikationen vertreten ist. Generell passiere in dem Bereich viel über kleinere Verlage oder auch Publikationen von Garagenfirmen oder durch Crowdfunding, wie Kestel erklärt. Auch Uli Lindner sieht die Endzeit-Thematik vor allem als einen deutschen Trend, da viele deutsche Rollenspieler dieses Setting für ihr eigen kreiertes Rollenspiel wählen. „Ansonsten ist aber immer schon – international und in Deutschland – Fantasy das stärkste gewesen.“ Als Beispiel für einen Trend nennt er das universelle Rollenspielsystem Fate, das sich vom klassischen Rollenspiel mit stark ausdifferenzierten Charakteren wegbewegt, hin zu einem erzählorientierteren Spiel. Dabei geht es stärker darum, gemeinsam eine Geschichte zu erleben. Diese Entwicklung ist auch den Teilnehmern des im Spielecafé Voyager stattfindenden Spielleiterstammtisches, bei dem sich Spielleiter regelmäßig über ihre Erfahrungen austauschen, nicht entgangen. So gibt es immer mehr Rollenspiele, bei denen nicht nur der Spielleiter, sondern auch die Spieler das Geschehen stärker mitgestalten und mitbestimmen können. Dennoch dominieren die klassischen Systeme noch immer den größeren Anteil des Marktes, der laut Lindner vor allem von stillen Fantasy-Spielern dominiert wird, die sich weniger in der aktiven Szene bewegen.

Wie sieht es denn mit den Spielern aus?

„Man trifft Rollenspieler, da hätte man nie gedacht, dass die Rollenspiel betreiben,“ sagt Kestel. Er sagt ganz klar, dass es den typischen Rollenspieler nicht gibt. Es geht queerbeet durch alle Altersgruppen und Schichten. Den Spielleitern fällt allerdings auf, dass insgesamt durchaus eine Affinität zur höheren Bildung erkennbar ist, was auch eine kurze Umfrage beim Stammtisch selbst bestätigt, der fast ausschließlich aus Akademikern besteht. Der typische Rollenspieler existiert der Gruppe zufolge nur aus der Sicht von Nicht-Rollenspieler, nicht innerhalb der Szene selbst. „Die Rollenspieler sind gleich geblieben, das ist eher die Veränderung,“ schildert Lindner seinen Eindruck. „Wir haben sehr viele Spieler, die jetzt schon was älter sind, die 30, 40, 50 Jahre alt sind. Teilweise schon Leute, die ihre Kinder jetzt ans Rollenspiel ranführen.“ Während  das Pen & Paper Rollenspiel in den Achtzigern und Neunzigern ein relativ junges Hobby war, mit einem hohen Anteil an Schülern und Studenten, so steht heute wohl über die Hälfte der Spieler „mit beiden Beinen im Leben“ schätzt er. „Das ist insofern auch für uns eine relevante Veränderung, weil die Leute dadurch auch Geld haben. Schüler und Studenten können sich nicht jedes Buch ihres Lieblingsspiels kaufen. Die haben die Zeit, aber nicht das Geld.“  Andersherum, berichten die Spielleiter, hat man als berufstätiger Rollenspieler zwar das Geld, es fehlt jedoch oft an der Zeit, um dem geliebten Hobby nachzukommen. Eine weitere Entwicklung, die die Gruppe mir beschreibt, ist, dass im Verlauf der letzten Jahre immer mehr Frauen dazugekommen seien, auch wenn die Spielleiter weiterhin meist männlich sind, was sich auch durch die Gruppenkonstellation bestätigt. Eine wesentliche Veränderung sei auch, dass das Rollenspiel mittlerweile eher als cooles Hobby gilt, während mehrere berichten, dass sie früher eher Außenseiter waren. Dennoch machen viele auch im beruflichen Feld nicht unbedingt einen Hehl aus ihrem Hobby.

Faszination Rollenspiel

Das Regelwerk für die fünfte Edition von "Das Schwarze Auge".
Das Regelwerk für die fünfte Edition von „Das Schwarze Auge“. Foto: Kathrin Hartmann

Was fasziniert die Menschen so an Rollenspiel? Lindner hat da eine recht klare Antwort: „Das ist natürlich für jeden anders. Ich würde sagen, einer der größten Reize ist tatsächlich, dass du nur durch deine Fantasie begrenzt bist. Bei Computerspielen, bei Filmen, bei allem kannst du zwar fantastische Welten erleben, aber es ist immer eingeschränkt durch das, was jemand anderes dir vorgibt.“ Computerspiele binden einen an eine bestimmte Story, aus der man nicht ausbrechen kann und auch das, was man sieht, wird vorgegeben, die Bilder entstehen nicht im eigenen Kopf. Rollenspiele hingegen hätten den Reiz, dass man als Spieler seine Figur völlig frei ausgestalten kann und als Spielleiter sogar die ganze Welt. Man könne selbst die Geschichte vorantreiben, erleben und jederzeit verändern. Lindner betont außerdem, dass dieses Nutzen der eigenen Kreativität etwas ist, was heute vermutlich wichtiger ist, als in den Achtzigern oder Neunzigern. Einen interessanten Aspekt nennt auch Jochen Kestel: „Man hat zum einen die Möglichkeit, auch sich selber dadurch besser kennenzulernen, gerade im Rollenspiel kann man auch mal ein paar Dinge ausprobieren, auf sozialer Ebene, die man so jetzt einfach nicht mehr machen kann. Man findet viel über sich selbst heraus, auch über die Mitspieler [lacht].“ Das simpelste und offensichtlichste für ihn bleibt aber schlicht und ergreifend der Spaßfaktor, der wie bei jedem anderen Hobby im Vordergrund steht. Auch beim Stammtisch wird bei dieser Frage genannt, dass man andere Denkweisen kennenlernt und auch lernt, wie man auf bestimmte Situationen reagiert. Darüber hinaus kann man sich auch im Rollenspiel mit anderen messen. Im Vordergrund steht für die meisten aber vor allem das gemeinsame Erleben und auch Entwickeln einer Geschichte. Rollenspiel ist eine sehr soziale Freizeitbeschäftigung, da es nur in einer Gruppe funktioniert und daher auch eine Möglichkeit ist, mit Freunden zusammenzukommen. Es bietet eine Abwechslung vom Alltag und ist für viele auch eine Möglichkeit, abzuschalten. Rollenspielgruppen treffen sich meist regelmäßig, ob einmal in der Woche oder nur einmal im Monat. Es ist auch kein Hobby für Zwischendurch, denn ein Treffen dauert üblicherweise mehrere Stunden, wobei sich Abenteuer über eine oder mehrere Sitzungen ziehen können. Manchmal kommen Gruppen auch nur für ein Treffen zusammen, zum Beispiel um ein anderes System auszuprobieren.

Und wenn man sich das mal anschauen möchte?

Die Rollenspielauslage im ersten Stock des Bonner Comic Ladens.
Die Rollenspielauslage im ersten Stock des Bonner Comic Ladens. Foto: Kathrin Hartmann

Wer sich jetzt denkt „Rollenspiel klingt doch eigentlich ganz interessant, das könnte ich mir ja mal anschauen,“ hat viele Möglichkeiten. Hat man niemandem im Bekanntenkreis, der Rollenspiel betreibt, gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, sich über ein Forum, wie z.B. Rollenspiel-bonn.de eine Runde zu suchen, das ist auch für Neulinge kein Problem. Über dieses Forum organisiert sich auch der Bonner Rollenspieltreff, der einmal im Monat im Spielecafé Voyager stattfindet und bei dem verschiedene offene Pen & Paper Runden auch Anfängern die Möglichkeit bieten, mal reinzuschnuppern. Wer es lieber direkter angeht und sich erstmal was zum Lesen besorgen möchte, kann im Bonner Comic Laden fündig werden und sich dort auch beraten lassen. Ansonsten bieten auch Verlage – natürlich auch der Uhrwerk Verlag – oft eigene Shops im Internet an. Wer sich eine Runde erstmal aus der Ferne ansehen möchte, findet bei Youtube zahlreiche Let’s Plays zu den verschiedenen Systemen, sowohl von privaten Spielern, als auch von den Verlagen selbst.

 

kfh

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