Johann und Anna Christina Hofer mit dem ersten Kind Maria. (Foto: Archiv Familie Hofer)
Sonderausgabe: Neues Land – neue Heimat?

Die deutsche Gefahr

Johann und Anna Christina Hofer mit dem ersten Kind Maria. (Foto: Archiv Familie Hofer)
Johann und Anna Christina Hofer mit dem ersten Kind Maria. (Foto: Archiv Familie Hofer)

Deutschland hat eine lange Migrationsgeschichte. Im 19. und 20. Jahrhundert wanderten zahlreiche Deutsche aus wirtschaftlichen Gründen nach Süd- und Nordamerika aus.

Von Kamila Rutkovsky

Johann war nicht mehr zufrieden mit dem Leben in seinem Land. Obwohl er den Krieg überlebt hatte, sah er keine Perspektive mehr in seiner Heimat. Das Land befand sich in einer wirtschaftlichen Krise. Die Arbeitslosigkeit war sehr hoch und viele Familien verarmt. Um dieser Misere zu entkommen entschied sich Johann, auszuwandern. Diese Migrationsgeschichte ist jedoch keine des 21. Jahrhunderts, sondern begab sich 1921. Das Jahr, in dem der Deutsche Johann Baptist Hofer nach Brasilien emigrierte.

Die erste Migrationswelle

Wie viele andere, war auch Johann auf der Suche nach dem gelobten Land. Und er war nicht der Erste. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die ersten deutschen Migranten nach Brasilien. Sie wurden mit dem “Walkerfield” Programm angelockt, welches ihnen Land zu günstigen Konditionen, Arbeitsgeräte, Tiere und Pflanzensamen für das erste Jahr versprach. Dort angekommen lebten sie in Siedlungen, die oft nach Religion getrennt waren. Die erste Siedlung wurde 1824 in São Leopoldo, im heutigen Bundesstaat Rio Grande do Sul, gegründet.

In Brasilien angekommen, wurde die Hoffnung der meisten Einwanderer von der Realität eingeholt. Laut Prof. Dr. João Klug, Geschichtsprofessor der Universidade Federal de Santa Catarina und Experte für Migration und Kolonisation, kamen die ersten Immigranten zwar mit einem Arbeitsvertrag nach Brasilien, um dort auf Farmen zu arbeiten, allerdings war die Bezahlung kaum ausreichend, um sich ein eigenes Stück Land zur Bewirtschaftung kaufen zu können. Denn zum einen hatten sie bereits Verbindlichkeiten aufgrund der Reisekosten, zum anderen durften sie nur auf der Farm kaufen, auf der sie auch arbeiteten. Außerdem mussten sie die dazugehörigen Rechnungen immer jährlich begleichen. Das alles führte dazu, dass sie sich schnell verschuldeten.

Aus dem Versprechen von Arbeit und einer besseren Zukunft wurden mitunter ausbeuterische Verhältnisse. Laut Prof. Klug gab der damalige Präsident des Staates Rio Grande do Sul, Caetano Lopes Gama, in gewissem Maße sogar zu, dass sich der Akquiseaufwand des Staates lohnen sollte.
Die Situation der deutschen Einwanderer wurde ab 1830 noch weiter verschärft. Die bisherige Politik der Migranten-Akquise löste eine starke Gegenreaktion der mächtigen Großgrundbesitzer aus. Diese waren nicht sehr erfreut, dass die Regierung den Einwanderern günstiges Land gab. Für sie war es nur ein erster Schritt in Richtung der Abschaffung der Sklavenhaltung. Das wollten sie unbedingt verhindern. Schließlich gab die Regierung dem Druck der Großgrundbesitzer nach und erließ das “Gesetz des Haushaltsbudgets”, welches den Fonds zur Finanzierung des “Walkerfield” Programms abschaffte. Somit blieb den deutschen Siedlern keine andere Wahl, als sich auf eigene Faust zu organisieren. Sie fingen an, ihre ersten eigenen Schulen und Kirchen zu bauen.

Die Kolonie São Leopoldo war auch für Johann, oder João, wie er in Brasilien genannt wurde, die erste Anlaufstelle. Und obwohl Johann bereits einhundert Jahre nach der ersten Welle in Brasilien ankam, war die Situation dort immer noch schwierig. Nachdem er die ebenfalls deutschstämmige Anna Christina Ost geheiratet und zwei Kinder mit ihr bekommen hatte, lockte ihn die Aussicht auf eigenes Land und ein besseres Leben im Nachbarstaat Santa Catarina. Damit begann das Abenteuer der Familie Hofer.

Aufbau eines besseren Lebens

Die Familie kaufte 90 Hektar Land in der heutigen Stadt Itapiranga und machte sich mit all ihrem Hab und Gut auf die zehntägige Reise. Dort angekommen, fanden Sie nur Urwald vor. Glücklicherweise waren Sie nicht alleine, wie Johann in einem Brief an seine Angehörigen in Deutschland schreibt:
“Wir wohnten zuerst bei einem Landmesser, denn sonst stand noch kein Haus. Ich hatte ein sonderbares Gefühl, als ich mit der Axt, der Buschsichel und dem Drilling zur Arbeit ging. Zum Glück waren schon Nachbarn da, frischgebackene Eheleute. Da uns die Leute gefielen, schlossen wir uns ihnen an, und ich half ihnen, ein Haus zu bauen, auf Gegenleistung. Als es fertig war, bewohnten wir es gemeinsam, bis vor Weihnachten auch meines fertig wurde. Die Häuser waren nur Hütten aus rohem Holz, mit Schindeln gedeckt und mit gerissenen Brettern zugeschlagen“, heißt es dort.

Diese beiden Familien waren die Pioniere der deutschen Gemeinde “Linha Chapéu”. Und wie die ersten deutschen Migranten in Rio Grande do Sul, haben auch sie dort bei Null angefangen. Die Gemeinde entstand mitten im Wald.

Johann in jungen Jahren (Foto: Archiv Familie Hofer)
Johann in jungen Jahren
(Foto: Archiv Familie Hofer)

Die ersten Jahre waren zwar nicht einfach, dennoch wurden viele Traditionen erhalten, wie Johann weiter in dem Brief berichtet:

“An Weihnachten hatten wir einen Christbaum. Tags zuvor bekamen wir von unseren Hühnern das erste Ei, wovon Springerle gebacken wurden. Die Kinder wunderten und freuten sich nicht wenig, dass das Christkind zu uns in den Wald gefunden hat. Wir standen im Hintergrund und betrachteten mit Freudentränen die Glückseligkeit der Kinder an diesem armen, ja so armen Christbaum, und es war in unserer armen Hütte mehr Freude als in einem Fürstenschloss“.

Einige Jahre später hatte die Familie diese schwierige Phase überstanden und pflanzte bereits hundert verschiedene Früchte, züchtete Schweine und Kühe und kultivierte Honig.

Nazis und brasilianischer Nationalismus

So wie Familie Hofer bauten viele deutsche Gemeinden ihre eigene Infrastruktur auf. 1937 waren diese Gemeinden bereits sehr gut organisiert. Allerdings waren sie auch eine isolierte Gesellschaft. In vielen Kolonien gab es immer noch die große Herausforderung, Portugiesisch zu lernen.
Damals durchlebte Brasilien eine seiner autoritärsten Phasen – die Diktatur unter Präsident Getúlio Vargas. 1937 bewilligte dieser eine neue Verfassung, die diverse politische Rechte außer Kraft setzte, Parteien und Organisationen beseitigte und den Nationalen Kongress abschaffte. Außerdem begann Vargas eine nationalistische Kampagne mit dem Ziel, eine einheitliche brasilianische Identität zu schaffen. Plötzlich wurden die Kolonien als “deutsche Gefahr” bezeichnet, da sie quasi unabhängig vom brasilianischen Staat existierten und dieser keinerlei Transparenz hatte.

Die Regierung ließ mit Beginn dieser brasilianischen Nationalisierung die deutsche Sprache verbieten. Prof. Klug erläutert weiterhin, dass es mit einem Mal eine Generation gab, die plötzlich nicht mehr zur Schule gehen durfte, weil die Schulsprache Deutsch war und der Staat keine Alternativen in portugiesischer Sprache anbot. „Viele der ländlichen Schulen wurden geschlossen. Die Regierung wandelte sich von der totalen Abwesenheit hin zur kompletten Anwesenheit.”, sagt Klug.

Der Staat intervenierte militärisch. Deutschsprachige Bücher wurden verbrannt. Jegliches deutschsprachiges Material wurde für verdächtig gehalten. Aus Angst vor den staatlichen Bestrafungen zerstörten oder versteckten sogar die eigenen Besitzer alles, was sie in ihrer Muttersprache besaßen. Laut Inês Hofer, Johanns Enkelin, hatte die Familie viele Zeitungen und Bücher eingegraben, um sie entsprechend zu verbergen.
Prof. Klug erzählt, dass es auch einige sehr absurde Fälle gab. Zum Beispiel wurde ein Apotheker verurteilt, weil er angeblich einen geheimen Code zur Kommunikation genutzt habe. Tatsächlich war dieser angebliche Code aber lediglich ein chemisches Periodensystem.

Die Enkelinnen von Johann: Inês und Ana (Foto: Kamila Rutkosky)
Die Enkelinnen von Johann: Inês und Ana (Foto: Kamila Rutkosky)

Parallel zur brasilianischen Nationalisierung gab es auch in Deutschland politische Entwicklungen, die den deutschen Migranten das Leben in Brasilien schwer machten – die Machtergreifung der Nazis. Deutsch-Brasilianer standen in dieser Zeit unter Generalverdacht, Nationalsozialisten zu sein. Viele Deutsch-Brasilianer litten erheblich unter den Vorurteilen, die ihnen vom Staat und der Gesellschaft entgegen gebracht wurden.
Ab 1942 wurden diverse Professoren, Lehrer, Priester, Mediziner und Wortführer aufgrund ihres deutschen Ursprungs verhaftet. Klug beschreibt, dass sie nur kurzzeitig inhaftiert wurden, da es keine formalen Anschuldigungen gab. Oftmals wurden sie kurz danach aber gleich wieder verhaftet.
In der Hauptstadt des Bundesstaats Santa Catarina, Florianòpolis, habe es gemäß Klug zwölf Personen gegeben, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wurden, und diese seien auch umgehend aus der dortigen deutschen Gemeinschaft “Clube Germania” ausgeschlossen worden. Die Mitglieder der Gemeinschaft haben lediglich Bräuche gepflegt, deutsche Feste gefeiert und deutsches Essen genießen wollen, sich vom Gedankengut der Nationalsozialisten jedoch ausdrücklich distanziert.

Die Kultur bleibt

Weder das Verbot der deutschen Sprache, noch die Unterdrückung der deutschen Minderheit konnten der deutschen Kultur in Brasilien ein Ende setzen. Viele Familien sprachen zu Hause weiterhin heimlich Deutsch und die Bräuche wurden im Stillen weitergelebt. Johanns Enkelinnen, Inês Hofer und Ana Hofer Schulz, erzählen, dass Deutsch auch noch in den Sechzigerjahren die gesprochene Sprache bei ihnen war. Inês hat erst 1962, mit sieben Jahren, angefangen, Portugiesisch zu lernen, als sie anfing, zur Schule zu gehen.
Auch heute noch ist die deutsche Kultur im Süden Brasiliens präsent. Nur die Klischees, die mit dem Deutschsein verbunden sind, haben heute einen positiven Bezug: fleißig, ehrlich, ordentlich. Familie Hofer ist mittlerweile komplett integriert und Inês’ Deutsch schon etwas eingerostet. Dank ihrer guten Bildung und ihres Ehrgeiz gelang es der Familie, zur gehobenen Mittelschicht aufzusteigen. Es dauerte somit mehr als 150 Jahre, bis beide Kulturen in Toleranz und gegenseitigem Verständnis miteinander leben konnten.

 

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