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Die Angst vor dem Scheitern – der Irrgarten der 1000 Möglichkeiten

Welcher Student eines geisteswissenschaftlichen Faches kennt sie nicht – die ewigen Fragen nach der Zukunft: „Was willst du denn damit mal werden?“ oder „Willst du nicht lieber was solides machen?“.  Selbstzweifel sind da vorprogrammiert aber keiner Sorge, ihr seid nicht alleine!

Ich bin 22 Jahre, Bachelorabsolventin in den Fächern Germanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaften, Perfektionistin und – Zweiflerin. Gut, ich gebe zu, besonders durch meine Studienwahl sind Zukunftsängste häufig vorprogrammiert. „Was kann man denn später damit arbeiten?“ und „Wie willst du deine Miete bezahlen?“ sind Fragen, die nicht nur ich selbst mir 100 Mal gestellt habe. Ich habe mich zwar bewusst für diese Fächer entschieden, allerdings muss ich häufig auch Fremden die Fragen zu meiner Zukunft beantworten und habe mitunter sogar das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen. Scheinbar scheint sich das Vorurteil ganz gut zu halten, dass besonders Germanisten höchstens ein entspanntes Studium wollen und sich nach 20 Semestern, dann doch irgendwie umorientieren müssen, da sie keinen passenden Beruf gefunden haben oder als Poet gescheitert sind.

An guten Tagen gelingt es mir meist diesen Vorurteilen keinen Raum zu geben, denn man hat auch mit geisteswissenschaftlichen Studienfächern gute und vielseitige Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Man muss allerdings zielstrebig sein und braucht, wie überall im Leben natürlich immer auch immer mal das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich habe die guten Tage erwähnt, das setzt voraus, dass es auch „schlechte Tage“ zu geben scheint. Und ja es gibt Momente, in denen mich diese Fragen meine Zukunft betreffend verunsichern. Meine Kommilitonen kennen diese Ängste nur zu gut und ich bin mir sicher, nicht nur Geisteswissenschaftler hadern manchmal mit ihrer Studienentscheidung. Jeder hat irgendwie Angst vielleicht doch den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Einen Weg, der einen vielleicht nicht ans erhoffte Ziel bringt.

Die Generation Y und ihr „Luxusproblem“ 

Foto: Unsplash / Sylwia Bartygel
Foto: Unsplash / Sylwia Bartygel

Stellt ihr euch auch manchmal Fragen wie, was hält mich denn eigentlich davon ab, der Mensch zu werden der ich immer sein wollte? Mit einem tollen Job, in der Stadt die ich mag, mit den Menschen, die ich liebe? Der Generation Y stehen doch eigentlich alle Möglichkeiten offen, wieso also jammern? Nie war es so einfach aus wenig viel zu machen und die Auswahlmöglichkeiten so groß. Theoretisch ist alles möglich. Der Theorie muss man jedoch manchmal ein Schnippchen schlagen. Denn oft machen es einem die vielen offenen Türen nur auf den ersten Blick einfacher. Viele offene Türen bedeuten genau so viele Entscheidungen, wie Türen da sind und mindestens dreimal so viele „Wenns“ und „Vielleichts“, die sich hinter diesen Türen verbergen. Ich glaube das ist die Entscheidung mit der sich viele sehr schwer tun – eine Tür zu wählen und den Weg dahinter durchzuziehen, ihn zu meistern. Wir haben 1000 Möglichkeiten, doch bleiben genau 999 Optionen, die dem eingeschlagenen Weg stetig Konkurrenz bieten. Ich kann hier nicht für jeden von euch sprechen, aber was mir bei meinem eingeschlagenen Weg am meisten Angst macht, ist die Angst vor dem Scheitern – sich doch für die falsche Tür entschieden zu haben und irgendwann zu merken, dass es nicht mehr weiter geht. Diese Angst hängt sicherlich mit meiner Studienwahl zusammen. Als Germanistik-Studentin bekommt man besonders oft zu hören, man ende sowieso als Taxifahrer. Mittlerweile kann ich diesen Stimmen ganz gut die Stirn bieten. Doch trotzdem kommen ab und an diese Selbstzweifel, ob ich es schaffen kann und ob ich nicht lieber etwas „solides“ lernen sollte?

Ich kann das nicht schaffen, will ich von mir nicht mehr hören!

Aber vielleicht ist das mit sich Hadern gerade gut. Zweifeln ist zwar anstrengend aber diese Phasen sind auch notwendig um zu erkennen, was man ändern muss, um sich mit dem eingeschlagenen Weg hinter Tür X wieder gutzustellen. Ich versuche ich mir dann immer vor Augen zu führen, was denn Alternativen wären. Da merke ich, dass eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau eben für mich nicht das Richtige gewesen wäre. Man sollte gerade bei Entscheidungen, die man in Bezug auf  seine berufliche Laufbahn macht, viel mehr auf sein Bauchgefühlt hören. Denn der Bauch kennt einen selbst und auch die Stärken oft am besten. Ehrgeiz und Leidenschaft für etwas entwickeln sich eben oft aus dem Bauch heraus und können nicht vom Kopf erzwungen werden. Man braucht also immer die nötige Geduld, damit sich die Dinge entwickeln können, den Mut neue Dinge auszuprobieren aber auch die nötige Gelassenheit, denn nicht alles klappt von jetzt auf gleich.

Keep calm…!

Foto: Unsplash / Christin Hume
Foto: Unsplash / Christin Hume

Wenn ich aber zurückblicke, sehe ich auch, dass ich mit meinem bisherigen Weg eigentlich ganz zufrieden bin. Meine Praktika und Nebenjobs haben immer Spaß gemacht und mir viele neue Erfahrungen ermöglicht. Ist bisher doch alles ganz gut gelaufen. Und ich kenne viele positive Beispiele unter meinen Kommilitonen, die durchaus ihre Miete bezahlen werden und können. Wahrscheinlich wird in Zukunft nicht immer alles perfekt klappen, aber ein Weg geht ja nie streng geradeaus und man kann durchaus mal auf Abwege geraten – sei es durch eine schlechte Note, einen blöden Job oder das falsche Praktikum. Aber genau diese Abwege und „Fehl“entscheidungen zeigen uns ja auch wo wir nicht hinwollen. Es ist also ein Irrglaube sich einzureden nicht Scheitern zu dürfen. Das Scheitern führt uns vielleicht am Ende auf den richtigen Weg, auch wenn es diese lästigen Selbstzweifel mit sich bringt. Und ja, manchmal ist auch echt einfach alles Mist. Aber das ist ja das schöne in meiner Generation, um die nächste Ecke wartet vielleicht schon eine neue Möglichkeit, die nur darauf wartet genutzt zu werden. Und bei der großen Frage „Wie werde ich eigentlich der Mensch der ich immer sein wollte?“ geht es ja ums Werden, nicht ums bereits Sein. Und beim „großen Prozess des Werdens“ helfen 1000 Möglichkeiten, dann ja doch mehr als eine. Und das macht den Weg ja auch eigentlich gerade spannend oder? Damit also keiner von uns der vermeintlich Gescheiterte bleibt, sollten wir uns immer wieder sagen, dass wir schon gut werden und – ganz wichtig – damit zufrieden sind, wer wir bereits sind. Wer mit sich selbst zufrieden ist, ist auch ein glücklicher Taxifahrer. Also sollte ich zu meinem ersten Satz noch hinzufügen: Ich, 22 Jahre, Master Studentin Medienwissenschaften, Perfektionistin und – OPTIMISTISCHE Zweiflerin.

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