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Die 17. Videonale in Bonn – eine Ausstellung zum Thema Refracted Realities

Wie beeinflussen Medien unsere Wahrnehmung? Passt stundenlanges Videomaterial in eine Kunstausstellung und wie hängt eine Untergrund-Performance-Gruppe aus Taiwan damit zusammen? Für Infos, Eindrücke und eine kurze Beschreibung des Werkes vom Künstler Su Hui-Yu einfach weiterlesen.

von Gerriet Scheben

„Gebrochene Wirklichkeiten“ ist der thematische Sammelbegriff der diesjährigen Videonale in Bonn, welche vom 21.-24. Februar im Kunstmuseum Bonn besucht werden kann. Die vorgeführten Kunstvideos setzen sich mit der medialen Brechung von Wirklichkeit und der Beeinflussung von öffentlicher Meinungsbildung durch Medien auseinander. Die Videos wurde zum vierten Mal unter der künstlerischen Leitung von Tasja Langenbach ausgestellt. Für die Leitung des Festivalprogramms ist Lisa Bosbach zuständig und die Architektur der Ausstellung wurde von Ruth M Lorenz konzipiert.

SohrabHura_The-Lost-Head-The-Bird_cthe-artist
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Es werden 29 verschiedene Installationen aus 20 Ländern gezeigt – im Vorjahr waren es noch rund 40. Diese Reduzierung soll dazu beitragen, dass die Inhalte besser zur Geltung kommen. Von zu wenig Material kann auch nicht die Rede sein: Die Gesamtlaufzeit aller Videos beträgt 13 Stunden und 44 Minuten. Frau Langenbach sagte hierzu, dass ein zeitliches Medium vorliege, dass sich erst im zeitlichen Prozess entwickle. Hier wird schon deutlich, dass es sich um eine ungewöhnliche Ausstellung handelt, die nicht im Schnelldurchlauf angeschaut werden sollte. Die verschiedenen Werke sind jederzeit zugänglich und jedem Besucher ist es selbst überlassen, womit er sich wie zeitaufwändig beschäftigt. Zeitaufwand ist ein gutes Stichwort, denn der wurde von den Veranstaltern berücksichtigt. Ein Ticket erlaubt das zweimalige Besuchen der Ausstellung. Außerdem ist es grundsätzlich nicht notwendig ein Video von Anfang bis Ende zu betrachten, sondern es ergibt sich eher eine collagenartige Fülle von Eindrücken.

 

StéphanieLagarde_Déploiements_(c)the-artist
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Die Installationen orientieren sich passend zum Thema an prismatischer Brechung. Das Konzept wurde als eine starke Setzung in Form der herausquellenden Bilderoberflächen der Kunst aus einem schwarzen Prisma beschrieben, was sich in dem Resultat deutlich erkennen lässt. Zwischen den Kunstwerken erinnern Lichtbrechungen an das übergeordnete Thema. Die multiperspektivischen Räume sollen zudem die Videos in einen Bezug setzen und damit einen Dialog zwischen der Kunst, aber auch den Betrachtern schaffen. Im Sinne dieses Dialoggedankens befindet sich auch nur ein Ausstellungsstück in einer abgeschotteten Black Box. Die anderen Werke können oftmals umwandert werden, sodass dem Rezipienten eine Annährung an die Kunst wortwörtlich erleichtert wird.

Eine besonders eindrucksvolle und nicht minder irritierende Installation wurde vom Künstler Su Hui-Yu geschaffen. Er rekonstruierte und vermischt in seinem Werk The Walker drei Performances einer unbekannten Untergrund-Theater-Gruppe aus Taiwan, welche diese rein aus dem Gedächtnis für ihn beschrieben. Die gezeigten Szenen werden jeweils mit grellen Farbeindrücken unterbrochen. Hierzu sagte Hui-Yu, dass die Schauspieler Inspirationen aus einzelnen Farben oder Gerüchen sammeln und diese dann abstrakt umsetzten würden. Ein pornographisch expliziter Dialog wurde wörtlich von der Gruppe übernommen, aber mit bildlichen Eindrücken aus der Gedankenwelt des Künstlers unterlegt, sodass etwas neues, bizarres und seltsam faszinierend anzuschauendes entsteht. Das Werk soll laut Hui-Yu den Zeitgeist der 90er Jahre, wie er sie als Student erlebt hat, einfangen und ein radikales Umdenken in der Radikalität des Kunstwerkes spiegeln. Dem entgegen setzt er aktuelle konservative, gesellschaftlichen und politischen Einflüsse in seiner Heimat, aber auch einen Rechtsruck der westlichen Welt. Sein Werk soll als Mahnmal gegen den Rückschritt und Anstoß für das progressive Umdenken stehen.

Su_Hui-Yu_The-Walker_video-installation_(c)the-artist
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Inhaltlich finden sich generell eine breitgefächerte Auswahl von Denkanstößen: Worte werden bildlich neu kontextualisiert, die Lenkung von öffentlichen Bewegungen mittels Simulationen wird gezeigt, mit dem Gedanken von Liebe als technologisch upgradbares und übertragbares Gefühl wird gespielt und und und. Manchmal weiß man gar nicht, wo man dabei zuerst hinschauen sollte, aber das passt ja eigentlich gut zur Beschäftigung mit der medialen Beeinflussung von Wahrnehmung. Die Ausstellung enthält übrigens keinen Virtual Reality Beitrag, obwohl das thematisch passen würden, da nur sehr wenige (drei) VR-Bewerbungen eingegangen sind und diese qualitativ noch nicht gut genug seien.

Die Veranstalter der Videonale haben auch betont, wie wichtig das begleitende Festivalprogramm sei. Es werden u.a. Vorträge, Diskussionen und Live-Performances angeboten. Am Freitag gibt es sogar eine Party ab 22:00 Uhr. Für Interessierte lohnt sich auf jeden Fall ein Blick auf Facebook oder die Videonale App. Insgesamt ist die Ausstellung sehr zu empfehlen.

http://www.videonale.org/

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