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Der steinige Weg zum Autor – Zwischen Profis, Newcomern und allen, die noch träumen

Viele träumen davon, nur wenige schaffen es: Der Weg zum Bestsellerautor ist ein steiniger, der viel Ausdauer, Ehrgeiz und Leidenschaft erfordert. Häufig werden die Autoren nach ihren Büchern und Ideen gefragt. Doch mehr als der Inhalt der Geschichten, interessiert mich die ganz persönliche Geschichte hinter dem Erfolg und die Frage: Wie wird man überhaupt zum Bestsellerautor?

Von Ramona Lübeck

Um das herauszufinden, habe ich zwei sehr unterschiedliche Autoren getroffen, die beide den Traum vom Schriftsteller leben. Arno Strobel ist einer der wenigen, der es geschafft hat. Er zählt zu den erfolgreichsten deutschen Thriller-Autoren. Seine Psychothriller sind spannend, düster, verwoben. Auch international ist er auf den Bestsellerlisten vertreten. Doch wie kam es dazu? Ich habe mich mit ihm auf einen Kaffee getroffen.

Tellergeklapper, das Summen einer Kaffeemaschine, angeregte Unterhaltungen, dezente Musik im Hintergrund. An einem heißen Donnerstag betrete ich ein Café in Trier. Ich streife zwischen Lounge-ähnlichen Tischen und Sesseln hindurch. Die meisten Gäste sind schon gegangen, denn die Mittagszeit ist fast vorbei. Einige wenige genießen noch ihren Kaffee und lassen sich von der Sonne wärmen, die durch die großen Fenster fällt. Die Atmosphäre ist gemütlich, ein perfekter Ort für ein Gespräch mit Arno Strobel, der bereits in einem etwas abgelegenen Raum auf mich wartet. Ich entdecke ihn an einem der hinteren Tische. Offen und herzlich begrüßt er mich, sportlich gekleidet in Jeans und T-Shirt, braun gebrannt von seiner letzten Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff. Er strahlt die Zufriedenheit eines Mannes aus, der angekommen ist, der das Glück hat, seinen Traum leben zu dürfen.

Alle Interessierten finden hier das Video zum Interview mit Arno Strobel. Quelle: Ramona Lübeck

„Ich habe mit 20 noch gar keinen Gedanken daran gehabt, irgendwann mal Autor zu sein. Es war wirklich ein Zufallsprodukt.“

Im Gegensatz zu vielen Bücherbegeisterten, die schon früh den Traum vom Autorenleben hegen, entwickelt sich die Leidenschaft fürs Schreiben bei Arno eher zufällig. Schon immer liest er leidenschaftlich gerne, als potenziellen Autor jedoch sieht er sich erst mit gut vierzig Jahren.

Bis dahin ist es eine Reise, die über viele Umwege führt: Auf eine handwerkliche Ausbildung, Abitur und ein Studium der Versorgungstechnik folgt ein Wechsel zur Informationstechnik und ein Fulltime-Job bei einer Bank. Parallel entdeckt er dank eines Internetforums das Schreiben von Kurzgeschichten für sich. Als seine Geschichten im Netz immer beliebter werden, reift schließlich die Idee heran, sich an einem eigenen Buch zu versuchen.

Arno Strobel ließ sich von Rückschlägen nie entmutigen
Arno Strobel ließ sich von Rückschlägen nie entmutigen. Foto: Ramona Lübeck

„Wenn das Ganze dann erfolgreich wird, denkt man darüber nach: Kann das vielleicht richtig was werden? Und dann startet man einen Testlauf“, erinnert sich der heute 56-Jährige mit einem Lächeln. Seiner heißt Magus – Die Bruderschaft und nimmt damals rund fünf Jahre in Anspruch. Eine Hürde seien schon die ersten Seiten, denn als Neuling habe man weder einen Plan noch ein Konzept. Man habe viele Ideen, die man immer wieder verwerfe. Dieses Prozedere wiederhole sich so lange, bis man endlich ein paar Kapitel zusammenhabe. „Und dann war ich so stur, dass ich gesagt habe: Jetzt habe ich so viel Arbeit investiert, das ziehe ich jetzt auch durch. Und das habe ich getan“, erzählt Arno stolz.

Doch wer denkt, dass mit dem Pinselstrich der letzten Zeile die Arbeit vollendet ist, und es nur eine gute Geschichte benötigt, um einen Verlag zu überzeugen, der irrt: Hier beginnt erst die nächste große Hürde, die Suche nach einem Verlag. Auch für Arno stellt dieser Schritt zunächst ein Problem dar. Von zwanzig Verlagen, an die er sein Manuskript schickt, erhält er zwanzig Absagen. Doch Aufgeben ist keine Option. „Wenn ihr es nicht macht, dann mache ich es eben selbst“, denkt er sich, nimmt sich einen befreundeten Grafiker zu Hilfe und gründet kurzerhand seinen eigenen Verlag.

„Die müssen sich geirrt haben. Denen ist wahrscheinlich ein Fehler unterlaufen.“

Nach dem Druck von eintausend Exemplaren in einer klassischen Druckerei begibt er sich selbst mit einem Transporter voller Bücher auf eine Odyssee von Buchhandlung zu Buchhandlung, legt dort seine Bücher auf Kommission vor und erhält schließlich den Anruf, der sein Leben für immer verändern soll: „Wir möchten Ihr Buch verlegen.“ Es war der deutsche Taschenbuchverlag (dtv), der damals sein Buch abgelehnt hatte. Dieser Moment sei einer der besten in Arnos Laufbahn gewesen: „Jeder, der schreibt, kann sich vorstellen, was das für mich bedeutet hat. Ein großer Verlag sagt zu mir: Wir werden Ihr Buch veröffentlichen. Das war für mich einfach Wahnsinn.“

Der Erfolg kommt so schnell, dass er es selbst kaum glauben kann. „Als dann die ersten Bücher in den Bestsellerlisten aufgetaucht sind und mein Name zwischen den Namen stand, die ich immer so bewundert habe, da bekommt man zum ersten Mal dieses Gefühl, dass man denkt, da muss sich jemand geirrt haben.“ Der Autor fasst sich an die Stirn und schüttelt ungläubig den Kopf. „Und das habe ich heute noch manchmal“, fügt er lächelnd hinzu.

Anika Ackermann, die Self-Publisherin
Anika Ackermann, die Self-Publisherin. Foto: Ramona Lübeck

Dass es auch auf anderem Wege geht, beweist Anika Ackermann. Die junge Autorin hat mit gerade einmal 27 Jahren bereits ihr fünftes Buch veröffentlicht – und das ganz ohne Verlag. Denn Anika ist Self-Publisherin und veröffentlicht ihre Bücher in Eigenregie. Sie schreibt im Fantasy-Genre und schlägt damit eine gänzlich andere Richtung als Thriller-Autor Strobel ein, doch die Liebe zum Schreiben und der damit verbundene Ehrgeiz ist ihnen gemeinsam.  Bereits 2016 traf ich sie auf der Lesung ihres ersten Romans „Lucrum“Heute bin ich mit ihr zu einem Skype-Gespräch verabredet, denn auch ihre Geschichte interessiert mich.

„Mein Traum war es schon immer, ein Buch zu schreiben.“

Mit einem herzlichen Lächeln begrüßt mich die junge Autorin. Sie hat gerade Mittagspause in ihrem Job als Texterin für ein Modeunternehmen in der Schweiz, denn noch schreibt sie nebenberuflich. Studiert hat sie eigentlich Kunstgeschichte. Hinter dem so süß wirkenden Mädchen mit den raspelkurzen Haaren steckt eine echte Powerfrau. Schon seit jeher habe sie davon geträumt, einmal im Leben ein Buch zu veröffentlichen. Das stünde sogar in ihrer Abiturzeitung, erinnert sie sich mit einem Schmunzeln. Anika erzählt mir, dass sie ihr erstes Buch zunächst nur für sich selbst geschrieben habe, ohne einen Gedanken an mögliche Leser. Aus reiner Neugier entscheidet sie sich dann, ihr fertiges Werk als E-Book auf Amazon zu veröffentlichen. Die Reaktionen darauf sind so positiv, dass nach und nach die Idee entsteht, Lucrum als Taschenbuch herauszubringen. „Ich bin in das Self-Publishing so ein bisschen hineingerutscht“, erinnert sie sich. „Es war ein Schritt nach dem anderen und der Weg hat mich einfach nie zu einem Verlag geführt.“ Anika betont aber, dass das Self-Publishing keine Alternative für jemanden sei, der den Wunsch habe, Verlagsautor zu werden.

„Wer weiß, wo ich heute wäre, wenn es mir damals bewusst gewesen wäre.“

„Self-Publishing bedeutet eine Menge Arbeit. Ein Verlag stellt Lektorat, Coversatz, alles Mögliche an Marketing. Das ist beim Self-Publishing nicht der Fall. SELF-Publishing – Wie der Name schon sagt, man macht es selbst“, erklärt sie mir. Das war mir am Anfang überhaupt nicht bewusst. Wer weiß, wo ich heute wäre, wenn es mir damals bewusst gewesen wäre. Trotzdem bin ich sehr froh, diesen Weg gegangen zu sein, weil ich unheimlich viel gelernt habe.“ Die Jungautorin schätzt vor allem die künstlerische Freiheit.

Von ihrer persönlichen Webseite über einige Buchcover, bis hin zu Accessoires wie Lesezeichen und ihren eigenen Webshop, gestaltet Anika alles selbst und mit viel Liebe zum Detail. „Was darf ich im Internet kommunizieren, wie trete ich auf? All das bestimme ich selbst. Das in den Händen zu halten, ist wirklich etwas Besonderes und das wertschätze ich unheimlich“, sagt sie mit voller Überzeugung. Dies umfasst natürlich auch die Social Media Präsenz.

„Das Berufsbild des Autors hat sich komplett verändert.“

Auch mit Arno Strobel spreche ich über das Thema Social Media und darüber was es bedeutet, in der heutigen Zeit Autor zu sein. Für ihn sind Facebook, Instagram und Co. eine ambivalente Geschichte. Zum einen habe man als Autor in der heutigen Zeit völlig andere Möglichkeiten, einen Dialog mit den Lesern zu führen. „Als ich jung war und selbst sehr interessiert gelesen habe, hatte man keine Möglichkeit, Autoren in irgendeiner Weise zu kontaktieren“, erinnert sich der Autor. Heute begegne man sich auf Augenhöhe. Auch Rezensionen könne heute jeder einfach veröffentlichen. Das bringe Vor- aber auch Nachteile, denn es bestehe immer die Gefahr von unseriösen und absichtlich verreißenden Kommentaren. Grundsätzlich habe sich das gesamte Berufsbild des Buchautors komplett gewandelt. Früher habe man sich nach der Veröffentlichung eines Buches zurückgezogen. „Heute fängt hier die Arbeit eigentlich erst an“, erklärt er. „Um überhaupt in der Flut an Autoren zu bestehen, muss ich aktiv etwas tun.“ Das beinhalte nicht nur den Social Media Auftritt, sondern fange bereits bei den Lesungen an. Nur noch ein kleiner Teil sei reine Lesezeit, neben Anekdoten und persönlichen Geschichten, kleinen Witzen und dem Dialog mit dem Publikum. „Heute ist regelrechtes Entertainment gefragt“, sagt er und zieht ein Fazit. Müsse er eine Wahl treffen zwischen heute und damals, würde er sich aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten ganz eindeutig für heute entscheiden.

„Ich bin nicht nur Autorin, ich bin auch Mensch.“

Anika wollte schon immer schreiben - zunächst nur für sich selbst
Anika wollte schon immer schreiben – zunächst nur für sich selbst. Foto: Ramona Lübeck

Gerade für Self-Publisher spielen Social Media, wie Facebook und Instagram eine sehr zentrale Rolle. Anika sieht diese als Plattform, die eine direkte mit den Lesern ermöglicht. Darin liege der große Vorteil sozialer Medien. „Gerade im Self-Publishing ist das einfach unabdingbar, denn es geht darum, um sich herum eine eigene Marke aufzubauen, und die will man ja auch anständig vertreten“, erklärt sie. „Ich persönlich versuche ein Gesamtbild abzuliefern. Ich bin nicht nur Autorin, ich bin auch Mensch. Wer hinter der Person steckt, warum ich gewisse Dinge schreibe, welche Intentionen ich dabei hatte – genau das interessiert die Leser.“

Der Weg zum erfolgreichen Autor ist also, egal auf welchem Weg, mit viel Arbeit verbunden. Doch wie fängt man an? Und wie stellt man für sich fest, man der Richtige dafür ist? Ich hake genauer nach.

„Wenn ich nicht zu hundert Prozent von dem überzeugt bin, was ich mache, werde ich es nicht schaffen, jemand Anderen davon zu überzeugen.“

Arno denkt eine Weile nach, rührt konzentriert in seinem Latte Macchiato. Was rät er denjenigen, die den gleichen Traum haben?

Erstens sei es für das Schreiben enorm wichtig, selbst genug gelesen zu haben. Zweitens müsse man sich darüber bewusst sein, einen langen Atem zu benötigen, denn Verlage erhielten schlichtweg Hunderte von Anfragen täglich. Der dritte Aspekt liegt dem Autor besonders am Herzen. „Man muss hundertprozentig daran glauben. Wenn ich nicht zu hundert Prozent von dem überzeugt bin, was ich tue, werde ich es nicht schaffen, jemand Anderen davon zu überzeugen.“ Von Rückschlägen dürfe man sich niemals dazu bringen lassen, an sich selbst zu zweifeln. „Dass man abgelehnt wird, heißt nicht, dass man nichts kann. Es kann genauso heißen, dass man einfach nicht bemerkt worden ist.“

Auch Anika hat bereits einige Erfahrung gesammelt. Für sie sind Leidenschaft und Begeisterung, Professionalität sowie eine realistische Vorstellung wichtig. „Das Wissen darum, dass man keine zweite JK Rowling wird, sondern seinen eigenen Weg geht. Und der endet nicht immer sofort im Reichtum, sondern ist mit harter Arbeit verbunden“, erklärt die Autorin. Man dürfe nie nachlassen. „Ein Buch reicht noch lange nicht aus, um auf dem Markt zu bestehen. Man muss dranbleiben, wissen, was man will, und bereit sein, etwas dafür zu tun“, gibt sie zu bedenken.

Beruflich das zu tun, was einem Spaß bereitet, ist Arno sehr wichtig. „So ein Job beansprucht einen großen Teil unseres Lebens. Und einen großen Teil meines Lebens, von dem ich wahrscheinlich nur eins habe, etwas zu tun, worauf ich überhaupt keine Lust habe – Das ist für mich unvorstellbar“, sagt der Thriller-Autor kopfschüttelnd. „Da kann ich nur sagen: Änder was! Natürlich ist es schwer, nochmal ganz von vorne anzufangen. Aber alles ist besser als so zu leben.“ Arno Strobel hat diese Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist glücklich damit. Auch Anika fühlt sich wohl zwischen Haupt- und Nebenberuf. Ausschließen möchte sie das hauptberufliche Schreiben nicht, doch aktuell sei sie glücklich so, wie es ist.

„Herr Strobel, ich suche bei Ihnen diesen roten Faden. Was ich hier sehe, ist eher ein rotes Knäuel.“

Auch ein Leben ohne roten Faden führte zum Ziel
Auch ein Leben ohne roten Faden führte zum Ziel. Foto: Ramona Lübeck

Abschließend frage ich Arno, ob er je aufgeben wollte. Nur kurz hält er inne und antwortet mit einem entschiedenen „Nein.“ „Wenn ich der Meinung bin, dass etwas gut ist, dann ziehe ich das auch durch“, sagt er entschlossen. „Da zeigt sich wieder meine Sturheit“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Würde er irgendetwas anders machen, wenn er noch einmal von vorne anfangen könnte?

Mit Sicherheit würde er so manches anders machen, sagt er. Doch er würde sich jederzeit wieder dazu entschließen, nicht den klassischen, geraden Weg zu gehen. Früher sei häufig kritisiert worden, dass sein Leben mehr einem roten Knäuel als einem roten Faden gleiche, aber das sei genau richtig so. „Ich würde wieder so lange alles Mögliche ausprobieren, bis ich das gefunden hätte, mit dem ich mich wohlfühle.“ Natürlich führe das hin und wieder zu Rückschlägen, das gehöre dazu. Er hält einen Moment inne und fügt dann mit einem Lächeln hinzu: „Aber wenn ich mir mein Leben so anschaue, und ich schaue mir an, wo ich jetzt bin, muss ich sagen: Ich hab’ alles richtiggemacht.“

Die beiden Autoren sind ganz unterschiedliche Beispiele dafür, dass es sich lohnt, hartnäckig zu sein. Dass es sich lohnt, für das zu arbeiten, woran man glaubt, und wofür man eine Leidenschaft besitzt – egal, wie viele Umwege man dafür letztlich geht.

Ramona Lübeck

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Privat ist Arno ein sehr positiver und sympathischer Mensch. Foto: Ramona Lübeck
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In seinen Psychothrillern bewegt er sich eher auf düsteren Wegen. Foto: Ramona Lübeck
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„Im Kopf des Mörders“ befindet er sich in seiner aktuellen Trilogie um Oberkommissar Max Bischoff. Foto: Ramona Lübeck
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„Kalte Angst – Im Kopf des Mörders“ ist der zweite Band der Trilogie. www.arnostrobel.de
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Anika Ackermann bei ihrer ersten Signierstunde nach der Lesung von „Lucrum“. Foto: Ramona Lübeck
Collage Anika
Anika Ackermanns Webshop bietet viele selbst gestaltete Fanartikel auf www.anickaackermann.com

 

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