2016

Der Maibaumbrauch – Glitter und Sexismus

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Ein romantischer Gedanke – Man stellt seinem Freund im Schaltjahr einen Baum, als Liebesbeweis. Blöd nur, dass der örtliche Junggesellenverein da ein Wörtchen mitzureden hat.

Von Kim Schibilla

Alle vier Jahre digitieren Frauen zu Geheimagentinnen. Verstecken ankommende amazon-Pakete in entlegenen Schubladen, kratzen verräterische rote Farbe von ihren Fingern und erzählen noch ein letztes Mal wie pleite sie sind, wie viel sie zu tun haben und dass ihr Freund vielvielviel zu weit weg wohnt, zur Sicherheit.

Es ist Schaltjahr, wir sind mit Maibaumstellen dran. Ach Rheinland. Hätten der jährliche Verlust guten Musikgeschmacks an Karneval nicht gereicht, Flimmo auf der Getränkekarte und die kollektive Umbenennung junger Frauen in lecker Mädsche? Jetzt muss es auch noch ein Baum sein? Knauber bietet zu diesem Zweck ein Maiherz-Basteln für kreative Junggesellinnen an. Zwischen Glitter und Acrylfarbe kann frau sich hier emanzipiert fühlen, während sie das Aufstellen des Kreppband-behangenen Phallussymbols mit ihren Girls plant und bequatscht, wie viele Flaschen Hugo sie dafür wohl brauchen.

Fast schäme ich mich, als ich mich mit ihnen an der Kasse anstelle, das 3,99€-Pressspanherz in der Hand. Immerhin hab ich einen Baum gekauft, den ich zu Fuß nach Dransdorf schleppe, das dauert 40 Minuten – fast eine Stunde. Und ich werde Bier trinken, ohne Fruchtgeschmack. Ich lass mich nicht mit in die “Mädels, jetzt dürft ihr auch mal was männliches machen, hier, der Baum ist leicht zu tragen und ist ja auch nur alle vier Jahre”-Maschinerie reinziehen.

Foto: Kim Schibilla
Foto: Kim Schibilla

Und cool ist es schon, kumpelhafte Gespräche mit seinen Kollegen über Maibaumtransport und Saufausflüge zu führen und mit der Freundin akribisch jeden Schritt der Mission zu planen. Klar, es regnet, der Baum ist ganz schön schwer und wir würden gerne rechtzeitig zur Party kommen – aber ist ja auch nur alle vier Jahre,

dachte ich.

Als wir den Drei-Meter-Baum durchs nächtliche Industriegebiet schleifen, ist die Feministin in mir wieder versöhnt, als zwei postpubertäre Tannenbusch-Prolls klarstellen: “Das sind wahre Frauen. Die stellen ihren Männern einen Baum”, trotz Glitter auf dem Herz. Als meine Freundin am nächsten Tag auf Facebook ihren Ärger darüber los wird, dass ihr Baum geklaut wurde, verwerfe ich meine anfängliche Freude über die Aufnahme ins Baumsteller-Millieu wieder – “wer nicht auf seinen baum aufpasst ist otto” war einer der eloquenteren Kommentare.

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Screenshot: Kim Schibilla

Das Schlimme daran ist nicht der gestohlene Baum, nicht die “selber Schuld, wenn ihr den Junggesellenverein nicht mit Bier bestecht”-Vorwürfe. Nicht mal, dass es noch Junggesellenvereine gibt – frauenversteigerndere, mit hupenden Trekkern durch Bonn fahrende Single-Männer, die sich über ihre Aufgabe des Erhalts deutschen Brauchtums definieren, indem sie besoffen Liebesbeweise klauen.

Das Schlimme ist, dass Frauen diese Strukturen legitimieren. Die verständnisvollen “sie hat es ja jetzt verstanden”-Mädels. Ich hab’s nicht verstanden, ich hab kein Verständnis und bereue fast, mich in die vermeintliche Gleichberechtigungsregelung im Schaltjahr eingereiht zu haben, um damit sexistische Ordnungen zu stärken, denkt die Feministin in mir. Einen Maibaum hätte ich nächstes Jahr trotzdem gerne.

 

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