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Aktuelles Alltag Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Deine Sorge entmündigt mich

„Wo ich herkomme, gilt es als sehr unhöflich nicht sicher zu stellen, dass ein Mädchen sicher nach Hause komme.“ „Okay, danke, das verstehe ich, aber ich komme nach Hause, keine Sorge. Ich kenne den Weg.“ „Nein, bitte nimm den Bus.“

„Frauenfrage eine Kolumne von Louisa Albrecht

Wie ich in einer anderen Kolumne ja bereits erwähnt habe, fühle ich mich in der Schweiz auch nachts ziemlich sicher. Ich kenne die Kriminalitätsstatistiken dieses Landes und „meines“ Kantons“ schlichtweg nicht. Und inzwischen bin ich weit öfter als nur einmal auch zu den verrücktesten Zeiten (zwischen 12 und 3Uhr war eigentlich schon alles dabei) vom Bahnhof in Luzern nach Kriens gegangen. Ja, alleine und ja nachts. Und ja, das ist eine Strecke von 40 Minuten vom Bahnhof, von der Bushhaltestelle Eichhof (dazu gleich mehr) knapp 20 Minuten.

Doch vor ein paar Tagen war das Farewell-Dinner der Austauschstudierenden und danach ging es erst noch auf ein Hoteldach, danach in eine Bar, ein bisschen feiern, Studierende halt.
Am Ende waren noch und ich ein in der Schweiz neu gewonnener Freund aus Texas dabei.
Er hat mich gefragt, ob ich einen Bus nach Hause nehmen kann. Keine Ahnung, um die Uhrzeit könnte es knapp werden, aber ich kann laufen. (Er musste zum Eichhof, die Hälfte der Strecke könnte man also einfach zusammen gehen. So der Plan.)
Das war für ihn allerdings inakzeptabel. Immer wieder betonte er, dass es da, wo er herkommt, unglaublich unhöflich wäre, nicht sicher zu stellen, dass ein Mädchen sicher nach Hause komme.
Danke, aber ich kenne die Strecke und bin sie auch schon öfters gegangen. Ehrlich, ich verstehe deine Sorge. Aber ich schaff das schon.
So ging es eine ganze Weile hin und her. Am Ende lief es drauf hinaus, dass ich einen Bus gegoogelt habe (Roaming , lang mögest du leben) und ab Eichhof einen Bus genommen habe.

Aber ich hätte die Strecke wirklich laufen können. Für irgendwas habe ich fünf Jahre Taekwondo gemacht. Durchs fechten und Ballett bin ich auch nicht weniger fit geworden. Außerdem: Sollte es nicht einfach meine Entscheidung sein?
Ich kann verstehen, dass er seine Erziehung nicht vergessen will und kann, das ist ja auch vorbildlich. Allerdings bin ich kein kleines Kind mehr und ich finde es wichtig, die Freiheit zu haben, meine Entscheidung selber zu treffen. Klar, irgendwo schmeichelt es einem ja auch, wenn sich jemand so hartnäckig Sorgen macht. Und ich wünschte ich könnte aufrichtig sagen, dass ich daran glaube, dass Straßen nachts für Frauen genauso sicher sind, wie für Männer. Sind sie aber nicht.
Trotzdem. Lass mich doch bitte selber entscheiden.

Was denkt ihr zu dem Thema?

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