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Dein Krebs macht mich stark – Lektionen aus der Krebserkrankung meiner Mutter

Meine Kindheit endete, als ich 13 Jahre alt war. Ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Denn meine Mutter hatte Brustkrebs. Alles war anders, nichts wie gewohnt. Und jedes Mitglied unserer Familie musste sich nicht nur an die neue Situation gewöhnen, sondern auch eine neue Rolle einnehmen. Dieser doofe Krebs beschreibt zwar eine unserer dunkelsten Zeiten als Familie, doch es gibt ein Happy End. Nicht nur, weil der Krebs medizinisch besiegt wurde und meine Mama wieder gesund ist – seit nun 11 Jahren! Sondern auch, weil eine noch stärkere Frau aus dieser Krankheit hervorgegangen ist. Eigentlich sogar zwei. Denn auch ich bin an der Herausforderung gewachsen. Als Person, Tochter und Frau. 

von Lisa Hertwig

„Alles wird gut“

Nach einer Routine-Untersuchung beim Gynäkologen fuhren wir ins Krankenhaus. Ein Knoten in der Brust sei erstmal nicht unbedingt etwas Schlimmes, versicherte dieser meiner Mutter. „Aber gut, dass Sie ihn entdeckt haben. Den machen wir raus.“ Diese Zeit ist mir nur schwammig in Erinnerung, weil doch alles irgendwie schnell ging und ich eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt war. Zum Beispiel mit meinem Pferd, den Jungs aus der Klasse und dem neuesten Tratsch meiner Freundinnen. Woran ich mich jedoch ganz genau erinnern kann ist der Moment, in dem wir erfahren haben, dass es doch etwas Schlimmes war in Mamas Brust. Es waren Krebszellen. Fiese böse Krebszellen, die alles kaputt machen können.

Die Behandlung stand fest: erst Chemo-Therapie, anschließend Bestrahlung. Mit 13 weiß man im Normalfall nicht unbedingt, was das bedeutet. Also wurde uns – mir und meinem kleinen Bruder – gesagt, wir müssen jetzt stark sein. Mama würde es manchmal schlecht gehen, aber alles wird gut. Dass meine Mama diejenige war, die uns stark machte, scheint paradox. Und doch ist es der einzige Weg, der für mich logisch erscheint. In den folgenden Monaten veränderte sich also nicht nur unser Alltag im Familienleben, auch meine Perspektive und Wahrnehmung war plötzlich eine andere. Zum ersten Mal erkannte ich, dass meine Mutter auch eine Frau war, unabhängig von Familienstand und Beruf. Und zwar eine starke Frau, die sich auch vom Krebs nicht unterkriegen lassen würde.

1:0 für die Krebszellen

Dennoch ist der Anblick dieser zerbrechlichen Figur auf dem Sofa in mein Hirn eingebrannt. Meine liebste, sonst so lebensfrohe und energetische Mama, die auch nach einem langen Arbeitstag noch Kraft und Freude daran findet, Zeit mit uns zu verbringen, hatte auf einmal nichts von beidem: weder Kraft noch Freude. An Irgendwas. Die Chemo-Therapie entzog ihr nicht nur die nötige Energie, um einen Alltag mit Kindern und Haustieren zu bewältigen, sondern auch die Freude daran, morgens aufzustehen. Das Essen schmeckt nach Metall, die Fingerspitzen sind so empfindlich, dass sogar das Aufheben eines Taschentuchs Schmerzen bereitet. Abgesehen von diesen körperlichen Einschränkungen bleibt natürlich auch alles andere auf der Strecke: eine Ehe wird auf die Probe gestellt, die Beziehung zu den Kindern strapaziert und überfordert, Freundschaften sind plötzlich doch nicht so eng wie gedacht. Und bei alle dem hatte ich irgendwie auch eher mit mir selbst zu tun.

Mit 13 Jahren war für mich also Schluss mit Kindheit, die Pubertät habe ich gleich übersprungen. Keine Zeit mehr für Lästereien über Jungs, Haare-Flechten und Nägel-Lackieren mit meinen Freundinnen. Ich hatte jetzt andere Aufgaben. Und eine ganz neue Verantwortung. Mein Vater kümmerte sich Tag und Nacht um meine Mutter und alle anderen Dinge, die anfielen. Geld verdienen zum Beispiel. Also bliebt der Großteil der Haushaltsaufgaben an mir hängen. Und als Teenie gibt es tausend andere, bunte und aufregende Dinge im Kopf, die deutlich mehr Spaß machen als spülen, saugen und Müll rausbringen. Mein Bruder hatte damit zu tun, sich auf der weiterführenden Schule einzugewöhnen, und brauchte Hilfe bei den Hausaufgaben. Zusätzlich stand die Stallarbeit an, denn zwei Pferde versorgen sich nicht von selbst. Auch der Hund benötigt Auslauf. Nicht zuletzt ging ich ja auch selbst noch zur Schule. In einer Phase der Entwicklung, die sonst ganz andere Beschäftigungen und Aufmerksamkeiten hervorbringt.

Dein Krebs macht mich – und uns – stark

Meine Mutter und ich waren uns immer schon sehr nahe. Nicht nur durch unser gemeinsames Hobby der Pferde, sondern auch dank ihrer offenen und ehrlichen Art der Erziehung. Während dieser Zeit wuchsen wir jedoch noch näher zusammen. Wir sprachen viel über ihre Krankheit und was Krebs mit ihrem Körper macht. Ich verstand, dass sie sich auf mich verlassen musste, weil sie sich nicht mehr auf sich selbst verlassen konnte. Doch trotz der vielen Einschränkungen und Rückschläge durch die Krankheit, habe ich meine Mutter noch nie so stark erlebt. Denn die Schwäche, die sie wie ein Nebel umgab, ging nur von ihrem Körper aus. Ein Körper, der zum Feind geworden war. Eine Last, der man nicht aus dem Weg gehen kann. Doch dahinter und ganz tief drin war immer noch diese starke und selbstbewusste Frau, zu der ich aufblicke. Der Krebs hat zwar ihren Körper angegriffen, nicht jedoch ihren Verstand. Stark zu sein bedeutet, an sich zu glauben. Einen Plan B parat zu haben, wenn Plan A nicht funktioniert. Verantwortung abzugeben und nach Hilfe zu fragen, wenn man selbst nicht weiter weiß.

Meine Mama ist eine starke Frau, denn sie hat es auch in dieser dunklen Zeit geschafft, uns als Familie zusammenzuhalten. Sie hat gegen den Krebs und all seine Schattenseiten im Alltag gekämpft, damit nie aufgeben. Und ihn so besiegt. Wenn ich früher nach Vorbildern gefragt wurde, fiel es mir immer schwer, eine scheinbar akzeptable Antwort zu geben. Zu irgendwelchen öffentlichen Persönlichkeiten habe ich nie eine solche Verbindung gehabt. Und eigentlich war die ganze Zeit über klar: mein Vorbild, das bist du, Mama! Du bist meine Alltagsheldin, meine beste Freundin, Seelsorgerin und größter Fan. Durch dich bin ich der Mensch geworden, der ich heute bin – mit all meinen Ecken und Kanten. Und dank dir habe ich gelernt, dass das gut so ist. Dass meine Fehler und Misserfolge, meine Krankheiten und Wehwehchen genauso zu mir gehören, wie der Krebs zu dir gehört. Als Teil deines Lebens.

Die Dinge, die ich in dieser Zeit von meiner Mutter gelernt habe, sind Kernelemente meiner heutigen Weltanschauung. Den Glauben und die Hoffnung nicht verlieren, dass es irgendwie gut geht. Die Gewissheit, dass deine Familie immer für dich da ist. Die Liebe, die in allen Lebenslagen stärker ist als Hass. Und die Verbindung zwischen Mutter und Tochter, die ich nur jedem wünschen kann.

 

Dieser Text wurde ursprünglich für den Schreibwettbewerb von ze.tt und sweek zum Weltfrauentag unter dem Hashtag #herstory verfasst und veröffentlicht.

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