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Das Festival als Labor der Klimawende – Was die Musikwelt dem Klimawandel zu bieten hat

Musik vs. Müll. Gute Laune vs. Klimakrise. Festivals und Klimawandel scheinen eigentlich nicht zusammenzupassen. Jedoch breitet sich ein wachsendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Musikbranche aus – Green Touring. Doch wo liegen die Probleme? Und wie kann der Kreativsektor zum Fortschritt beitragen? Die Musikwelt zwischen Träumen von einer besseren Zukunft und der Realität in Zeiten der Klimawende.

 

Von Theresa Krebsbach

Vibrierende Ackerböden. Zelte neben riesigen Bühnen, Dixi-Klos und Foodtrucks. Tausende von Menschen im Takt der Musik. Ein Wochenende voller guter Laune und Ausgelassenheit: Eat, Sleep, Dance, Repeat. Festivals sind beliebt, jedes Sommerwochenende findet irgendwo ein anderes statt. Allerdings zeigt sich auch die Schattenseite des Spaßes: Zerstörte Äcker, Müllberge und verpestete Luft. Klimawandel. Der Start in das neue Jahrzehnt überschattet von großflächigen Bränden in Australien. Der Klimawandel ist präsenter denn je. Klimakrise ist Tagesprogramm.

In der Musikindustrie ist ein Bewusstsein für den Klimawandel entstanden, worauf auch Coldplays Entscheidung gegen eine Tour mit ihrem neuen Album Everyday Life viele Menschen aufmerksam gemacht hat. Allerdings sind Coldplay damit längst nicht die Ersten. Radiohead erklärte bereits 2007, dass sie ihre Tour grüner gestalten wollen und verbesserten ihre Energiebilanz. Damit ebneten sie den Weg für eine grünere Musikindustrie. Auch deutsche MusikerInnen, wie Seeed und Clueso tragen zur Veränderung bei.

Jacob Bilabel - von ihm zur Verfügung gestellt
Jacob Bilabel – Foto von ihm zur Verfügung gestellt

„Ein Festival hat den CO₂ Fußabdruck einer Kleinstadt.“

Diesen Satz werden viele FestivalbesucherInnen schon öfter gehört haben, so auch Jacob Bilabel, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Green Music Initiative, welches sich für eine nachhaltigere Musikwelt einsetzt. „Wir kümmern uns massiv um die Dinge, die sichtbar sind“, sagt er und spricht dabei von der Kritik an der hohen Müllproduktion auf Festivals. Festivals erscheinen jedoch nur als Müllmonster, weil Müll direkt sichtbar ist. „Und die harte Realität ist leider, dass das Müllaufkommen pro Kopf in den letzten fünf Jahren explosiv gestiegen ist. Nicht nur bei Festivals, sondern analog zu der Entwicklung in unserer Gesellschaft in Deutschland“, kritisiert er. Dies bestätigt sich auch mit Abbildung 1 des Umweltbundesamtes.

 

Abbildung 1: Verpackungsverbrauch in Deutschland, Umweltbundesamt, Stand 2018
Abbildung 1: Verpackungsverbrauch in Deutschland, Umweltbundesamt, Statista, Stand 2018

Jedoch liegt für Bilabel der größte Hebel im Unsichtbaren. Laut verschiedenen Studien entsteht der meiste Schaden durch die An- und Abreise der BesucherInnen, dicht gefolgt von dem Energieverbrauch der Veranstaltungsorte. Bei großen Touren sieht das ähnlich aus, wie Abbildung 2 zeigt. Die Herausgeber des Green Touring Guide rechnen mit ca. fünf Kilogramm CO₂ Ausstoß pro KonzertbesucherIn. Als Beispiel führen sie an, dass 2013 in Deutschland 74.400.000 Konzerttickets verkauft wurden, womit sich eine Summe von 372.000 Tonnen CO₂ Ausstoß pro Jahr ergibt (jüngere Statistiken fehlen).

 

 

 

Einzige Lösung: Alles verbieten?

Wenn man Menschen fragt, was sie unter Nachhaltigkeit verstehen, werden die meisten nur Verbote nennen. Man darf kein Fleisch essen, sollte nicht in den Urlaub fahren, am besten kein Auto besitzen, und, und, und. Genau hier liegt für Bilabel ein großes Problem. „Wir müssen es herumdrehen. Wir dürfen nicht nur das Negative sehen, die Verbote und Vorschriften, sondern müssen uns fragen: In welcher Zukunft wollen wir leben? Wir sollten nicht über das Abwenden einer Katastrophe reden, sondern über das Herstellen einer Utopie.“ Genau darin sieht er auch die Chance des Kreativsektors: „Wenig andere Bereiche arbeiten so viel mit Träumen und Utopien. Mit dem

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Abbildung 2: CO₂ Emissionen von „We Invented Paris“ Tour 2014, Green Touring Guide

Austesten von Möglichkeiten und dem Auseinandersetzen mit Scheitern. In diesem Sektor beschäftigt man sich auf spielerische Art und Weise mit Alternativen. Genau das brauchen wir, wenn wir uns mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen möchten.“ Die Musik erzählt unendlich viele Geschichten und kann somit zeigen, welche Optionen es gibt – auch bezogen auf den Klimawandel und Nachhaltigkeit. Coldplay mit ihrem Head full of Dreams scheinen diese Chance nun zu ergreifen und nutzen ihre Arbeit für Veränderungen – Musik als Waffe der Zukunft. Weltweit bekannte Bands wie sie haben einen enorm großen Vorteil durch ihre Reichweite. So haben sie ein Druckmittel und können Vorbilder für andere sein.

Die große Frage ist aber nun: Was gibt es statt Verbote?

Das Motto der Green Music Initative ist „Harder. Faster. Greener. Please.“ – Sie möchten Bühnen, die schöner, bunter und lauter sind. Ihr Ziel: eine lustigere, aber gleichzeitig klimafreundlichere Musikwelt. Diese Nachricht scheint auch Coldplay erreicht zu haben, da die Green Music Initiative nun in Kontakt mit der Band steht, um sie mit ihrem Green Touring Guide zu unterstützen, so berichtet Bilabel. Ein erster Ansatz wäre, sämtliche Veranstaltungsorte mit erneuerbaren Energien zu betreiben, denn allein in Deutschland beläuft sich die CO₂ Emission der Energiewirtschaft laut des Bundesamtes für Umwelt auf 325 Millionen Tonnen im Jahre 2017.

Der Stützstein der Klimawende

Aber was tun, wenn Festivals kilometerweit von dem nächsten Stromanschluss entfernt veranstaltet werden? Dieselgeneratoren: laut, schmutzig und alles andere als umweltschonend. Aber auch hier gibt es neue Möglichkeiten. Nach Forschungen der EU-Kommission sollen dieses Jahr erstmals acht Wasserstoff-Brennstoffzellen auf Festivals eingesetzt werden, um emissionsfrei Energie erzeugen zu können. Für Bilabel ist Wasserstoff der Stützstein der Klimawende und kann nun in der kleinen Welt eines Festivals unter harten Bedingungen getestet werden, bevor er in anderen Bereichen übernommen wird. Die Festivalwelt dient hier als Labor und bietet eine Spielwiese analog zur gesamten Gesellschaft.

Eine der Herausforderungen des Green Touring ist die Mobilität und der Transport von MitarbeiterInnen und Showelementen. Laut Bilabel überlege Coldplay wohl gerade, ob sich der größte Teil vielleicht per Bahn oder Schiff transportieren lasse. Ein CO₂-Ausgleich für Flüge ist zwar besser als nichts, letzten Endes aber nur Kompensation und somit ein sekundärer Klimaschutz.  Für das Problem der CO₂-Emissionen durch An- und Abreise der BesucherInnen glaubt Bilabel auch Lösungsansätze gefunden zu haben. Man muss Alternativen anbieten, die mindestens genauso interessant, wenn nicht noch interessanter für die TeilnehmerInnen sind, wie Shuttles vom Bahnhof und Haltstellen direkt am Gelände. Allerdings dürfen die Alternativen auch komplizierter sein, wenn man BesucherInnen mit einer Belohnung lockt, denn laut Bilabel gibt es „im Ökosystem Festival viele statusgebende Elemente“. Möglich wäre dies beispielsweise mit dem Versprechen von VIP Tickets oder Backstagepässen bei Anreise mit dem Fahrrad.

Für die Green Music Initiative sind solche Pilotprojekte der Schlüssel zum langfristigen Erfolg. So kann grünes Touring verbreitet und möglicherweise bald zum Mainstream werden. Aber noch sieht das leider ganz anders aus, wie Bilabel bedauert: „Momentan passiert alles freiwillig, auf eigene Kosten, aus eigenem Aufwand.“ Grün muss der Standard werden. Hier fordert er eine klare staatliche Regulierung. Im Augenblick ist das Austragen von grünen Events nämlich ein Wettbewerbsnachteil. Deshalb sollte es feste Gesetze geben, die genau definieren, welche Vorschriften eingehalten werden müssen und welche Folgen zu erwarten sind, falls dies nicht geschieht.

 

Take a Stand: Gemeinschaft vs. Müllmonster

Auch um Fairness ist die Green Music Initative in ihrem Nachhaltigkeitskonzept bemüht. Ein neues Projekt, an dem sie mitwirken, heißt Take a Stand. Dieses beschäftigt sich mit europäischer Solidarität, um den in Europa aufkommenden nationalistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Bilabel sieht hier „Festivals als Zirkeltraining für eine offenere Gesellschaft“, um das Misstrauen der Menschen zu bekämpfen. Für ihn gehört der soziale Aspekt definitiv mit zu den Nachhaltigkeitszielen. Wie sollen wir uns auch um das Klima kümmern, wenn wir es nicht schaffen, uns gegenseitig um uns zu kümmern? Gerade die Musikbranche bietet eine Plattform für ein sich verbreitendes Gemeinschaftsgefühl. Bilabel findet, dass die positiven Effekte oft vor lauter Müllbergkritik vergessen werden: „Es gibt nicht nur den negativen Einfluss. Auf Festivals erinnert man sich daran, wie es sein kann, wenn Menschen aufeinander aufpassen. Hier haben Fremde keine Angst voreinander, sondern erleben ein einzigartiges Gefühl von Gemeinschaft“. Herkunft spielt keine Rolle, wenn man mit der Menge tanzt. Auch Coldplay greifen diese soziale Nachhaltigkeit auf, indem sie gesellschaftliche Probleme adressieren. Es scheint, als habe die Band versucht, die ganze Welt in ihrer Musik einzufangen und sie zeigen auf Everyday Life die Diversität der Gesellschaft – vereint in der Musik. Hier liegt auch Bilabels Antwort dazu, was Coldplay tun könnten, um nicht nur klimaneutral zu touren, sondern der Umwelt auch noch etwas Positives zurückzugeben. Er fragt: „Wie soll man eine Tonne CO₂ gegen Menschen rechnen, die auf einmal keine Angst mehr vor Fremden haben? Da gibt es keinen Vergleichsindikator. Die Menschen vergessen ihre Unterschiede. Das Positive überwiegt hier das Negative und diese Magie muss man sich erst einmal bewusst machen.“

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TAKE A STAND on tour 2020: Another amazing start of our year at @eurosonicnoorderslag (ESNS) in Groningen! We're back with a whole bunch of new experiences, contacts and inspirations. We had a full agenda packed with exciting things (among others): We started with the presentation of the winners of our 3rd TAKE A STAND AWARD within ehe @eufestawards . Last year's winner Michal Kaščák/ @pohodafestival (Slovakia) announced the winner @dasfestkarlsruhe (Germany). For the third time we had our little TAKE A STAND-stand directly in front of the Grote Zaal. Its motto was "charging Europe" and together with our firends from @atelierfleiter we provided the participants with positive energy to recharge their batteries.And they made use out of that at several positive power stations in De Oosterpoort. The most important issue were our sessions with the wonderful ladies of @seawatchcrew . We brought a quartet of civil sea rescue activists to Groningen and introduced them at the members meeting of Yourope – The European Festival Association to some 40 festivals beforelearning about their mission in our session "SOS – save our souls and share our story | an hour with Sea-Watch on life, responsibility and human rights." We will continue supporting civil action and bow to these amazing ladies! Thanks again to the great ESNS-team around Ruud Berends & Bas Reeders for supporting us once again. Thanks so much for letting our heart shine on too ofthe entrance and all the support since day 1! 💛 #TakeAStand #TakeAStandInitiative #ESNS #ESNS20 #TakeAStandAwardl #EuropeanFestivalAwards #FestivalAwards #EFA19 #DasFest #MountKlotz #DasFestKarlsruhe #AtelierFleiter #TheElectricHotel #WireFire #ChargingEurope #ChargingEuropeWithPositiveEnergy #SeaWatch #Seenotrettung #searescue #searescueisnotacrime #safepassagel #humanrights #Awareness #responsibility #SocialEngagement #SocialCohesion #SocialAction #festivals #Music #ChangeThroughMusic

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Der Klimawandel ist keine technische Frage mehr, laut Bilabel haben wir alle technischen Voraussetzungen, die wir brauchen, um dem Klimawandel zu begegnen. Der Klimawandel ist eine gesellschaftliche Frage. Die große Chance des Kreativsektors ist, dass hier im kleinen Rahmen soziale Experimente durchgeführt werden können, um diesen Klimawandel zu bekämpfen. Also lässt sich abschließend noch mit Coldplays Worten sagen: “What in the world are we going to do? Look at what everybody is going through, what kind of world do you want it to be?” Schaffen wir es vielleicht, mit den wachsenden Initiativen einiger weniger, aber einflussreicher Menschen im Labor der Musikbranche das wachsende Bewusstsein für Klimawandel auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen?

Beitragsbild von free-photos auf Pixabay (https://pixabay.com/photos/concert-crowd-audience-people-768722/)

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