© Michael Winkler, 2017
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Das Bandshirt, der Punk, die Message – Stimmen aus dem Kleiderschrank @KMPFSPRT

Sie sind ein Symbol. Sie sind bunt, viel zu groß und authentisch. Sie kennen den Musikgeschmack ihres Trägers und brennen darauf, gesehen zu werden. Sie wissen, das Schönste bei einem Konzert, ist die Erinnerung daran. Sie heißen weder H&M, noch Primark oder Vero Moda. Sie heißen Ramones, Green Day, The Clash und Blink 182. Vielleicht auch Bandshirts. Sie stehen uns gut.

Von Natalia Kossowska

Das Bandshirt galt lange als Synonym für Bandtreue, Gruppenzugehörigkeit oder als Erinnerungsstück, das man mit heiserer Stimme von Konzerten mitnahm. Das hat sich gewandelt. Den Anschein erwecken, als sei man jemand anderes. Ein Image kaufen im Retailer um die Ecke. So lange es zur Fake-Lederjacke passt. Früher war das wohl anders, da waren die Bandshirts nicht nur Blogger-Liebling, sondern auch greifbare Erinnerung an Konzerte, die anderswo nicht zu holen waren. Ein Symbol für Musikfans, fast schon eine Rarität, auf jeden Fall ein Zeichen der Identität.

Heute scheint das Bandshirt fast ein Relikt der Musikfans zu sein. Wir erinnern uns: früher wurden sie fast nur bei Konzerten gekauft. Oder man griff zum Magazin, bestellte per Post. „Damit wächst man quasi auf. Das sind die ersten T-Shirts, die man sich selber als 14-Jähriger kauft“, erinnert sich David Schumann, Gitarrist und Sänger der Kölner Punkband KMPFSPRT. Heute ist das Bandshirt nur einen Klick entfernt.

Die Kunst des Merchandising

Die Platten-Historie endete eindrucksvoll. Von da an verbreiteten sich Musik-Downloads und Streaming-Dienste extrem schnell. Mit Bandshirts lässt sich im Musikgeschäft einerseits Geld verdienen, andererseits funktionieren sie als Werbung. Das Prinzip ist denkbar einfach: Das Bandshirt wirkt ähnlich wie eine wandelnde Werbetafel, für die man nicht zahlen muss. In Sekundenschnelle scannt man den Menschen ab: Ja, die Band höre ich mir auch mal an.

Natürlich dauert es dann selten lang, bis Plattenlabel mit Influencern Kooperationen starten, um das Shirt, Pardon, die Band, durch Instagram geschickt populär zu machen. Ob Influencer wirklich die Musik hören oder die Bands kennen und mögen, die sie auf ihrem Instagramfeed präsentieren, kann wohl nur mit einem Schulterzucken infrage gestellt werden. Authentizität? Fehlanzeige. Dieses Merchandising ist ein Segen für die Bands von heute. Auch für Punkbands?

„Hat eine jener Modemädchen je im Leben Motörhead gehört? Im Dreck gesteckt? War in einem schmutzigen Club gewesen?“

Vom Mainstream abgrenzen. Mit dem Bandshirt Charakter zeigen. „Wenn du gerade nicht ein Justin Bieber Shirt trägst, sondern ein Slayer Shirt oder ein Shirt einer Punkband“, sagt David. Vom Grundsatz her ist die Punk-Mentalität heute nicht anders, als vor zwanzig Jahren. Trotz Instagram-Hype. „Die Bands auf diesen T-Shirts bedeuten uns sehr viel. Sind ein Teil unseres Lebens. Haben uns teilweise sehr weitergeholfen in unserem Leben und uns sehr stark geformt. Und uns bedeutet das viel.“ Da wird einem relativ schnell klar, zeigt das Bandshirt nicht nur den Musikgeschmack, sondern auch die eigene Geschichte. Grundsätzlich lesen wir auch sonst, fernab vom Bandshirt, unsere Vergangenheit in mancher Hinsicht anhand unserer Musik ab.

© KMPFSPRT, 2016
© KMPFSPRT, 2016

Davids erstes Bandshirt: „Misfits, eine Punkband aus New York“, sagt der Punkrocker mit tätowierten Armen, ruhiger und gleichzeitig begeisterter Stimme. Seinem Stil blieb der bekennende Japanfan auch in Tokio treu, als er während eines Auslandsaufenthaltes zu einem der gefragtesten Punk-Models Japans wurde. Zu Castings erschien er nahezu immer im Bandshirt, beschreibt er in seinem Buch „The Tokyo Diaries“. Auch heute tragen David und seine Bandkollegen Richard, Dennis und Daniel, Shirts von jenen Bands, mit denen sie sich identifizieren können. Aber niemals das von der eigenen Band: „Das ist eine Todsünde“, so der Gitarrist von KMPFSPRT, „das ist, als würde man ein T-Shirt mit seinem Gesicht drauf tragen“.

In der Punkszene aufgewachsen, entscheiden sich KMPFSPRT bereits ab dem ersten Live-Auftritt, Bandshirts mit auf ihre Konzerte zu nehmen und blicken seit 2010 auf zahlreiche Designs zurück. Die Musik, die sie verkörpern: Punk, mit einer Mischung aus diversen anderen Elementen wie Indie, Post-Hardcore und Emo. Das Bandshirt: vom Kölner Dom im skandinavischen Black-Metall-Design bis zum Klassiker in schwarz-weiß mit KMPFSPRT-Schriftzug. Im Kölner-Raum trifft man sich öfters.

Harte Texte mit klaren Zielen

Ein Bandshirt von KMPFSPRT ist besonders aussagekräftig. Um Pro Asyl, einer Menschenrechtsorganisation, die sich für den Schutz und die Rechte von asylsuchenden Menschen in Deutschland und Europa einsetzt, zu unterstützen, schenkt KMPFSPRT der Organisation kurzerhand ihre Bandshirts. Dazu gab es einen kostenlosen Song obendrauf. Der Downloadcode steht im Etikett.

© Facebook, aufgerufen am 18.01.2018
© Facebook, aufgerufen am 18.01.2018

Obwohl der Name KMPFSPRT die Aggressivität und Härte des Punks unterstreicht, stellt sich die Band nicht nur in ihren Texten öffentlich dem Rechtsdruck entgegen. Das spiegelt die Message wieder, die das Refugees Welcome-Bandshirt prägt. „Selbst wenn die Fanbase dadurch geschmälert werden kann, nehmen die Bandmitglieder das gerne in Kauf“, sagt David: „Man kann es halt auch nicht machen und dann kann man alle Leute erreichen. Man kann aber auch in Zeiten wie diesen sagen, wenn man das nicht macht, dann ist man halt selbst Teil des Problems. Und das will ich nicht.“

Stand in den letzten Jahren die Band im Fokus ihres Bandshirts, setzt KMPFSPRT hier auf die Message. Refugees Welcome steht in acht verschiedenen Sprachen innerhalb einer schwarzen Fahne. Das Design stammt aus eigener Hand: Frontmann Richard, gelernter Grafikdesigner, entwirft seit Jahren die Bandshirts für KMPFSPRT und andere namhafte Bands, wie den Donots. „Die Message war sehr wichtig für die Leute, weil man nicht nur ein Bandshirt hat, sondern eine Message, mit der man nochmal darüber hinaus was sagt.“

© Facebook, aufgerufen am 18.01.2018
© Facebook, aufgerufen am 18.01.2018

Vom Merch zur Message

Das Bandshirt will keinen Umsatz machen, sondern Benachteiligten helfen. Dinge thematisieren, nicht darüber schweigen. Man hilft sich gegenseitig durch die Musik. So spielte die Punkband auch beim Kölner Benefiz-Festival Brot und Salz neben Künstlern wie Love A, das zugunsten des Kölner Flüchtlingsrates organisiert wurde. Auch im Netz wird die Aktion populär. Musikmagazine, wie die Visions, werden darauf aufmerksam. Die Redakteure tragen das Shirt auf Seite eins. Zeigen Solidarität. Ursprünglich zeitlich begrenzt, geht die Aktion aufgrund der Nachfrage der Fans bis heute noch weiter. Alle daraus entstehenden Erlöse gehen direkt an Pro Asyl. Grund genug, sofort drei Bandshirts zu kaufen, die auch dieses Jahr während Konzerten von KMPFSPRT verkauft werden sollen.

© KMPFSPRT, 2015
© KMPFSPRT, 2015

Was deutlich wird: die Beliebtheit von Bandshirts in der Punkszene lässt sich am ehesten an ihrer Message erklären. Als Zeichen der Jugend und Zugehörigkeit einer Subkultur, doch auch als jenes der Werte, die eine Band vertritt. „Man identifiziert sich mit etwas. Man identifiziert sich mit der Subkultur. Man identifiziert sich mit Punk und dadurch auch mit den Bands“, bewertet David als Bedeutung der Bandshirts. Ein nützlicher Nebeneffekt: von Bandshirts haben beide Seiten etwas. Einerseits werden Bands durch ihre Fans in die Welt hinausgetragen. Anderseits haben die Fans ihre Lieblingsband immer dabei. Denn kein anderes Kleidungsstück verspricht so schnell eine greifbare Art der Fantreue, schmiegt sich direkt an unser Herz und verpflichtet sich der Identifikation, wie das Bandshirt.

Das Benefiz-Shirt sowie der Song kann auf den Konzerten von KMPFSPRT gekauft werden:

14.04. Zürich – Dynamo
26.05. Visbek – Visbek Rockt
08.06. Oberboihingen – WO?!Festival
21.07. Selters/Lahn – See Pogo Open Air
18.08. Bonn – Green Juice Festival

Oder unter: https://kmpfsprt.tumblr.com/shop 🤘

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