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„Das Band des Bundes“ – Das architektonische Statement des Regierungsviertels

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Als der Bundestag 1991 beschlossen hatte, dass das deutsche Parlament und der Regierungssitz von Bonn nach Berlin ziehen sollen, ging es nicht um die schlichte Errichtung neuer Gebäude. Die Architektur des Regierungsviertel setzt ein politisches Statement.

(Von Lara Esser)

Die Bonn-Berlin Debatte war beendet und die Entscheidung gefallen: Der Regierungssitz zieht zurück nach Berlin. Aber wo sollte die Demokratie Platz nehmen, nachdem im zweiten Weltkrieg doch rund um das Reichstagsgebäude soviel zerstört worden war? Welches architektonische Design konnte diesen Bauten gerecht werden? Prunk und Protz oder doch eher schlichte Eleganz? Diese Ideenfindung wurde zunächst anderen überlassen.

Zuschlag für Schultes & Frank

Nachdem der Regierungsumzug entschieden war, wurde 1992 ein internationaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben, für den eine Vielzahl kreativer Köpfe Ideen zur städtebaulichen Gestaltung des neuen Regierungsviertels einbrachten. Der Berliner Spreebogen stand dabei für eine völlige Neubebauung zur Verfügung. Letztendlich überzeugte, von den insgesamt 835 Beiträgen, die Arbeit eines Berliner Architekten-Duos. Axel Schultes und Charlotte Frank symbolisierten mit ihrem Entwurf den „Band des Bundes“ und damit die Wiedervereinigung von Ost und West, indem sie städtebaulich die beiden Spreeufer, welche vormals durch die Mauer getrennt wurden, miteinander verbanden.

Verbindung & Einheit 

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Das aus der Luft gut zu erkennende Band aus Regierungsgebäuden, ist heute rund 900 Meter lang und 102 Meter breit. Es umfasst das Bundeskanzleramt an seinem westlichen Abschluss und zwei Parlamentsgebäude. Das Paul-Löbe-Haus liegt auf der Westseite und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auf der Ostseite des Flusses. Aber nicht nur durch die Standorte der Gebäude, sondern auch durch deren Verbindung mithilfe zahlreicher Brücken, wird die einstige Teilung überwunden. Darüberhinaus symbolisieren unterirdische Gänge, die von den Parlamentsgebäuden in den Reichstag führen, Verbindung und Einheit. Den symbolischen Mittelpunkt stellt der Reichstag, der Sitz des deutschen Bundestages, dar. In dessen Mitte befindet sich der für Besucher einsehbare Plenarsaal, in dem die Abgeordneten regelmäßig tagen und die wichtigsten Aufgaben des Deutschen Bundestages in den öffentlichen Sitzungen transparent machen. Während den Besucherführungen wird einem deutlich die Relevanz des gläsern umhüllten Saales vermittelt: „Hier schlägt das Herz der Demokratie“. Die Demokratie als das Nonplusultra aller Errungenschaften und das Band des Bundes als symbolischer Schutzriegel für dieselbe; als Barriere vor der Möglichkeit einer erneuten Diktatur.

Transparenz & Modernität

Transparenz ist eines der wichtigen politischen Grundsätze und zugleich eine Gestaltungsrichtlinie, die sich durch die gesamte Architektur des Regierungsviertels zieht. Als 1997 Helmut Kohl den ersten Spatenstich für das neue Bundeskanzleramt setzte, begann die Entstehung eines Gebäudes, das Ausblick und Einblick gewährt. Auch für den Bau des Kanzleramts bekamen Schultes und Franck das Go. Sie errichteten innerhalb von vier Jahren ein Gebäude im Stil moderner Architektur, das neben Sichtbeton in erster Linie aus viel Glas gebaut wurde. Klare geometrische Formen symbolisieren die Modernität des vereinigten Deutschlands, während die gläsernen Fassaden symbolisch eine klare Sicht zwischen Volk und Regierung schaffen sollen.

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An denselben Grundsätzen orientierte sich Architekt Stephan Braunsfeld für die Entstehung der beiden Parlamentsgebäude. Sowohl das Paul-Löbe-Haus als auch das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus bestechen durch ihre gläserne Fassaden, die unter anderem Einblick in die Büros der Volksvertreter gewähren sollen. Eine zweigeschossige Fußgängerbrücke verbindet die beiden Gebäude miteinander – für einen einfachen Gang von Ost nach West und umgekehrt.

Wie nah Symbolik und politische Realität sich sind, vermag jeder für sich selbst zu entscheiden. Eines ist jedoch klar: Ein Blick auf und in die Regierungsgebäude lohnt sich – sowohl für Politik- als auch für Architekturbegeisterte.

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