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„Da gibt’s echt ’nen krassen Einschnitt!“

Interview mit Gabriel Riquelme vom Club Bahnhof Ehrenfeld und YUCA über Konzerte in Zeiten von Corona

Von Anna Kravcikova

Wie lange wir auf Konzerte und Partys, wie wir sie kennen, verzichten werden, hätten Anfang März die wenigsten von uns erwartet. Als es absehbar war, dass das Veranstaltungsverbot keine Sache von einigen Wochen sein wird, tauchten die ersten Alternativen auf. Zuerst kamen Livestreams, dann Autokino-Konzerte und Open Airs mit Aufsteh- und Mitsing-Verbot. Keine der Alternativen ersetzt jedoch die Erfahrung von Live-Konzerten, wie wir sie bis März 2020 kannten. Sämtliche Veranstalter blickten dieser „Neuen Normalität“ erstmal skeptisch entgegen – irgendwo zwischen Existenzangst und Verantwortungsbewusstsein.

Der Club Bahnhof Ehrenfeld und das angrenzende YUCA sind beliebte Anlaufstellen für Musikfans aus der ganzen Region. Die Spielstätte unter dem S-Bahnhof Köln-Ehrenfeld ist bekannt für ein innovatives Booking und wurde dreimal in Folge zu einer der besten Live-Locations des Landes gewählt. Musikalisch sind hier viele Genres zu finden: Von Hip Hop über Jazz und Soul bis hin zu Salsa und Reggae, um nur einige zu nennen. Im Mai diesen Jahres hätte der Club sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert – nur leider war er seit Monaten geschlossen. Mit dem Betreiber und Booker Gabriel Riquelme habe ich über die letzten Monate gesprochen – und was sie für die deutsche Kulturlandschaft bedeuten.

Freitag, der 13. – ein Unglückstag für die Veranstaltungsbranche

Medienblick: Anfang März war die Situation bei euch ziemlich unklar: Die Zahl der Corona-Infektionen in Köln stieg an, externe Veranstalter sagten ihre Konzerte ab und es kamen immer weniger Menschen zu den Konzerten. Gleichzeitig gab es aber noch kein offizielles Verbot seitens der Stadt Köln, nur eine nicht bindende Empfehlung. Ihr als Geschäftsführer des Club Bahnhof Ehrenfeld und YUCA seid dann selbst in die Verantwortung gegangen und habt am 13. März euren Betrieb bis auf weiteres stillgelegt. Wie war es, so eine Entscheidung zu treffen? Musstet ihr selbst in Haftung gehen?

Gabriel Riquelme: Das war schwierig und es war überhaupt nicht abzusehen, wie lange es dauert. Da wir gesehen haben, was in Norditalien und China passiert, war bei uns relativ schnell klar, dass ein Club ein prädestiniertes Entwicklungsfeld für eine Ansteckung und dieses Virus ist. Und, dass wir den Betrieb nicht weiterführen können, sondern die Menschen schützen und uns gesellschaftlich solidarisch verhalten müssen. Dann haben wir das gemacht! Was uns gestört hat, ist, dass die Stadt nicht in die Verantwortung gegangen ist, um sich aus Haftungsfragen rauszuziehen. Deshalb haben sie nur die Empfehlung veröffentlicht und keine bindende Entscheidung getroffen.

War das eine gemeinschaftliche Entscheidung mit anderen Kölner Clubs?

Ob man schließt oder nicht, das hat jeder Club für sich selbst entschieden. Klar haben wir untereinander Kontakt gehabt, aber das hat jeder anders gesehen. Es gab wirklich viele, die direkt gesagt haben, sie machen zu. Das war Freitag, der 13., lustigerweise, und da haben auch die meisten zugemacht. Aber es gab auch ein paar Läden, die gesagt haben: Wenn es nicht rechtlich bindend ist und es kein öffentliches Verbot gibt, dann bleiben wir auch noch offen.

Streaming als Lebenszeichen

Seit Ende März streamt ihr ausgewählte Konzerte und Parties online im Rahmen des Cologne Culture Stream, präsentiert von der Klubkomm, dem Interessenverband der Kölner Clubs und Veranstalter. Das Angebot ist kostenlos und funktioniert auf Spendenbasis. Die Aufteilung der Spenden wird auf der Seite transparent dargelegt: „33% der Einnahmen jedes Streams gehen in einen Solidaritätspakt für die Kölner Clubkultur, die damit Spielstätten und Veranstaltern helfen kann, Arbeitsplätze zu erhalten, Finanzierungslücken zu überbrücken und auch nach der Krise wieder für euch kulturelle Angebote zu schaffen. 33% erhält der auftretende Künstler, 33% stehen für die Produktionskosten vor Ort zur Verfügung und entlohnen damit auch alle sonstigen Beteiligten, ohne die jede Kulturveranstaltung unmöglich wäre.“

Ich kann mir vorstellen, dass die Produktionskosten bei so einem Abend höher sind als der gespendete Betrag. Sind die Streams nicht ein finanzielles Minusgeschäft?

Wir haben das so gesehen, dass die Techniker wieder Arbeit kriegen und wir ihnen die Möglichkeit geben, Geld zu verdienen. Es sind ja nicht nur wir Clubs betroffen, sondern auch alle abhängigen Gewerke und Geschäftsfelder, Technikfirmen, freie Techniker, Security-Unternehmen, Reinigungsunternehmen. Die Spenden waren ja auch nicht exorbitant, meistens um die 200 Euro, 150 Euro, vielleicht einmal 1000 Euro. Es ging da im wenigsten Sinne darum, groß Geld zu machen als Club, sondern, dass die Techniker wieder arbeiten können und auch mal eine Rechnung schreiben.

Also war es eher ein symbolisches Zeichen, um zu zeigen, dass der Betrieb am Laufen bleibt?

Genau, damit die Leute sehen: Uns gibt’s noch, wir machen noch Kultur. Und wenn man dann Gelder bekommt, dass man es den Technikern, Künstlern und DJs geben kann.

Und das Drittel, was an den Solidaritätspakt geht? Wird das dann wieder auf alle Beteiligten Clubs des Cologne Culture Stream ausgeschüttet?

Ja. Jeder Club, der gestreamt hat, wurde erfasst vom Cologne Culture Stream, und da gab es am Ende einen Betrag von der Gesamtsumme. Das war jetzt auch nicht richtig viel, aber wir haben ein bisschen was dafür bekommen, dass wir gestreamt haben. Zwischen allen Clubs, die gestreamt haben, wurde ein Teil aus dem Soli-Topf ausgeschüttet. Der Rest kam in den Notfall-Topf und der wurde von einer Jury, die der Cologne Culture Stream bestimmt hat, an antragstellende Veranstalter und Betreiber verteilt.

„Wir haben massiv auf die Stadt gedrungen“

Am 9. April hat die Stadt Köln einen Hilfsfonds für Livemusik-Spielstätten aufgelegt. Damit ist sie eine der bundesweit ersten deutschen Kommunen, die ein solches Hilfsprogramm zum Erhalt ihrer Clublandschaft auflegt. Wie kam es dazu und wie hat es funktioniert?

Gut hat das funktioniert! Wir haben mit der Klubkomm, unserem Verband, massiv auf die Stadt gedrungen, dass wir Gelder brauchen. Wir haben gesagt, dass unsere Branche schwer betroffen ist, es vorerst auch sein wird und voraussichtlich als letzte Branche öffnen wird. Die Stadt hat sich super kooperativ gezeigt und vor allem Frau Reker, unsere Bürgermeisterin, war eine sehr aktive Fürsprecherin, dass das passiert. Und sie hat es auch umgesetzt und möglich gemacht, das war ziemlich cool.

Ihr seid ein Betrieb, in dem viele von Kurzarbeit betroffen sind – Das heißt, dass betroffenen Arbeitnehmern lediglich 60 Prozent vom letzten Nettoverdienst zusteht. Ein Anspruch auf Kurzarbeit besteht jedoch nicht für Werkstudenten und 450-Euro-Kräfte, welche einen großen Teil eures Teams bilden. Ihr habt eine Erhöhung auf 90 Prozent gefordert sowie die Ausdehnung auf Werkstudenten und Minijobs. Wurde das bewilligt?

Das Kurzarbeitergeld wurde ja hochgestockt auf 70 Prozent und dann auf 80 Prozent, das ist schon mal ziemlich cool. Aber es wurde leider nicht ausgedehnt auf die 450-Euro-Kräfte. Da gab es dann andere Maßnahmen und Hilfen.

„Du weißt nicht, ob nochmal eine Welle kommt“

In der Livebranche plant man ja oft schon sehr lange im Voraus – ein Jahr ist da nicht untypisch. Wie macht ihr das jetzt, wenn viele mit einer zweiten und dritten Welle im Winter oder im nächsten Jahr rechnen? Plant ihr schon aktiv die nächsten Monate und Jahre oder hat sich die Planung verändert?

Die ganzen Verträge werden jetzt alle mit Anhängen und Zusatzklauseln verfasst, die Corona mit integrieren. Das ist ja klar, weil es ein superdynamischer Prozess ist. Du hast nichts Endgültiges, weil du nicht weißt, ob es eine Veränderung gibt, ob nochmal eine Welle kommt, ein neues Virus oder weiß der Geier – das weiß man ja alles nicht. Aber die Planung wird immer wieder angepasst: Es wird immer in einem halben Jahr, in einem Jahr, in eineinhalb Jahren geplant. Und was noch dazu kommt, sind Intervalle: Es werden auch teilweise drei Termine vergeben und dann wird geguckt, welcher zu halten ist.

Ansonsten werden Veranstaltungen gemacht unter corona-konformen Bedingungen. Zum Beispiel in der Lanxess-Arena, im Jugendpark, am Tanzbrunnen. Da gibt es schon Venues, die Sachen machen. Und auch wir versuchen da, uns fit zu machen und Veranstaltungen zu machen. Da müssen wir gucken, unter welchen Bedingungen das möglich ist und wie sich das rechnen lässt. Aber auch da ist die Bundesregierung dran, ein Programm aufzusetzen, was das trägt und unterstützt.

Ich frage mich auch, wie Konzerte bei so wenigen Zuschauern möglich sind, weil es ja meistens so ist, dass es erst ab 80 Prozent der verkauften Tickets ein Plus-Geschäft ist. Jetzt gibt es teilweise richtig große Bühnen und Venues und davor steht nur ein Fünftel der Gäste, die normalerweise dort stehen würden. Trotzdem gibt es oft relativ günstige Tickets. Ist das dann staatlich gefördert? Ich frage mich, wie man es realisieren kann, wenn man nicht so viele Tickets verkaufen darf.

Gerade ist es so, dass unheimlich viele Künstler ihre Gagen anpassen und teilweise auch ehrenamtlich arbeiten, was echt hart ist. Klar, manche Sachen werden gefördert und kriegen Zuschüsse, damit das tragfähig wird. Und so wird jetzt auch erstmal die nächste Zeit möglich sein. Da gibt’s echt ’nen krassen Einschnitt!

Hast du denn das Gefühl, dass die Nachfrage da ist oder meinst du, dass viele Menschen noch sehr vorsichtig sind und gar nicht auf ein Open-Air-Konzert gehen würden, auch wenn es regelkonform stattfinden würde?

Sowohl als auch. Man sieht ja am Aachener Weiher, Stadtgarten, Brüsseler Platz, Aachener Straße, dass die Leute heiß sind, die haben Bock, die wollen raus gehen und feiern. Bei Konzerten ist das Ganze schon zurückhaltender. Das ist dann auch vielleicht ein anderes Klientel. Worauf die Leute richtig Bock haben, ist Party: Die wollen feiern. Bei Konzerten ist es gerade ein bisschen zurückhaltend. Es ist nicht so, dass der Run auf die Tickets übertrieben krass ist.

 Konzert von BLVTH im YUCA. Ein Artefakt aus der Prä-Corona-Ära. Foto: Chiara Baluch

Konzert von BLVTH im YUCA. Ein Artefakt aus der Prä-Corona-Ära. Foto: Chiara Baluch

Der Club Bahnhof Ehrenfeld durfte Anfang Juni wieder seinen Biergarten eröffnen. Langsam kehrt auch die musikalische Untermalung zurück: Von Donnerstag bis Samstag gibt es wieder DJ-Sets unter freiem Himmel, mit Corona-konformen Hygienebedingungen und Abstandsregeln. Es bleibt abzuwarten, wie lange es noch dauern wird bis zum ersten richtigen „Post-Corona-Konzert“.

 

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