Kurfürstenbad
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Bürgerentscheid Kurfürstenbad – Der Brexit Bonns

Eine Frage bewegt die Bonner Politiklandschaft: „Soll das Kurfürstenbad erhalten, wieder nutzbar gemacht und saniert werden?“. 

Doch wie schwer ist es, über ein Thema eine Entscheidung zu fällen, von dem man, bis zum besagtem Bürgerentscheid, nie etwas gehört hat?

Wir Bürgerinnen und Bürger der Bundesstadt Bonn befinden uns momentan in einer geradezu historischen Situation. Zum ersten Mal dürfen wir mittels eines Bürgerentscheids über die Zukunft eines uns allen am Herzen liegenden Projekts entscheiden. Die Sanierung des Kurfürstenbads in Bad Godesberg.

Worum geht es?

Worum geht es überhaupt? Ich versuche es kurz und knackig zusammenzufassen. Das Kurfürstenbad ist wohl ziemlich marode.

Die JA-Kampagne will es sanieren.

Die NEIN-Kampagne will lieber das Kurfürstenbad (und damit einhergehend das Frankenbad in der Nordstadt) schließen, und ein nagelneues zentrales Schwimmbad in Dottendorf bauen. Damit würde eine Zentralisierung der Bonner Bäderlandschaft in Gang gesetzt werden.

Alles klar soweit? Gut. Weiter im Text.

Als pflichtbewusste Bürgerin, wie ich es natürlich bin, habe ich mir (in einem Anfall gähnender Langeweile) dann doch mal die Mühe gemacht, mich über das Problemkind Kurfürstenbad zu informieren und mir die verschiedenen Argumente der JA und NEIN Kampagne durchzulesen.

Mit läppischen 36 Seiten schreckt das dazu vorhergesehene Abstimmungsheft dann aber auch den letzten Interessierten ab. Ich habe sie mir trotzdem reingezogen. Und empfehle auch jedem zumindest die Argumente mal zu überfliegen.

Schade eigentlich, dass es nur so wenige Seiten waren. Ich hätte gern noch 50 weitere gelesen.

Gut, dass es eine Vorlesefunktion gibt, in der eine männliche Siri-Stimme sich roboterhaft durch das gesamte Dokument hangelt, und durch konsequent schlechte Betonung dem Thema auch den letzten Rest Verständnis raubt.

Die JA-Kampagne

Die Argumente der JA-Kampagne gehen über den sozialen Aspekt des Zugehörigkeitsgefühl hinaus. Müssen sie auch, denn mein Zugehörigkeitsgefühl hab ich noch nicht am Frankenbad festgemacht. Dann doch eher Calador!

Die JA-Kampagne wirbt mit folgenden Punkten: Einer Dezentralisierung der Bonner Bäderlandschaft (vier Stadtbezirke – vier Bäder). Damit in Verbindung steht auch der Schwimmunterricht der Bonner Schulen – ein zentrales Bad in Dottendorf würde für längere Anfahrtszeiten sorgen, und vermutlich dazu führen, dass der Schwimmunterricht an einigen Schulen gestrichen wird. Insgesamt würde der Verkehr stärker belastet werden – statt sich auf vier Bäder zu verteilen, fallen zwei Bäder weg, die Folge: Verkehrsstau. Davon hat Bonn bereits wahrlich genug. Weiter werden wohl städtische Naturräume zerstört – 120 Bäume sollen abgeholzt werden. Und ein finanzieller Aspekt ist auch noch drin. Das Kurfürstenbad (und das Frankenbad) zu sanieren würde 25 Mio Euro kosten. Wie viel der Neubau kosten wird, steht dagegen noch nicht fest. Der Stadt stehen 26 Mio Euro zur Verfügung. Über dieses Budget dürfte der Neubau nicht hinausgehen. Sonst tappt Bonn in eine saftige Schuldenfalle. Das sind nur einige der Argumente der JA-Kampagne. Diese Argumente erhält man aber bisher fast ausschließlich durch das besagte 36-seitige Abstimmungsheft. Ziemlich schade.

 

Die NEIN-Kampagne

Aber natürlich hat auch die NEIN-Kampagne gute Argumente gegen eine Sanierung des Kurfürstenbads und für einen Neubau.

Erstes Argument: Das neue Schwimmbad würde wohl richtig geil werden. Sagt so zwar niemand, ist aber impliziert. Mehr Wasserfläche, Außenanlage, Sauna, irre viele Becken, Rutschen, barrierefrei, auf die verschiedensten Bedürfnisse von Familien, Kindern, Jugendlichen, Senioren und Sport- und Freizeitschwimmern abgestimmt. Goil. Da es an ein bestehendes Heizkraftwerk angebunden wird, ist eine energetisch sinnvolle Versorgung garantiert. Hinzu kommt die Zentralisierung. Was die einen kritisieren, wird hier als Vorteil ausgelegt. Ein zentrales, großes, modernes Schwimmbad für alle. Die schlechten Besucherzahlen der Stadtteilbäder werden so aufgehoben. Bisher musste die Stadt im Jahr  2015 auf jeden Besucher 11,47  € drauf zahlen, da die öffentlichen Besucher (ohne Schulen und Vereine) bei nur rund 70 Besuchern lagen. (Heißt das, dass auf die 70 Besucher 11,47€ gezahlt werden mussten? Wenn ja, bedeutet das, die Stadt hat 802,90 € gezahlt… Ist jetzt nicht soo die finanzielle Belastung..Aber vielleicht schließ das Vereine und  Schulen ja mit ein.) 2017 läuft noch die Bauplanung, 2018 ist dann Baubeginn und wenn alles glatt läuft kann es 2020 schon in Betrieb genommen werden.

 

Das berühmte Plakat

Während die JA-Kampagne noch im Winterschlaf steckt, fährt die NEIN-KAMPAGNE alle Geschütze auf. Mit einem großen Plakat warb der Oberbürgermeister zunächst mehrere Wochen für die NEIN Kampagne. Nein – weil Bonn ein neues Schwimmbad braucht.

Nachdem das allerdings zu zig Beschwerden geführt hat, weil man ja irgendwo eine Neutralität von einem Oberbürgermeister erwartet, hat er dann eingelenkt und ließ die Plakate abhängen. Wie gönnerhaft.

Natürlich hatte zu dem Zeitpunkt schon so gut wie jeder Bonner die Plakate gesehen… .

 

Fazit

Meiner Meinung nach, bieten beide Seiten gute Argumente. Das macht die Entscheidung alles andere als leicht. Was mir besonders fehlt – eine echte Debatte. Niemand disqualifiziert die Argumente der anderen Seite, beide Seiten stellen nur sich selbst vor, aber das garantiert mir als Bürgerin ja nicht, dass die Argumente, so wie sie aufgeführt werden, auch stimmen. Davon muss ich jetzt aber ausgehen. Kommt mir äußerst suspekt vor.

Wie soll man bei so vielen Argumenten (und wie gesagt, ich habe sie nur teilweise vorgestellt) vor lauter Bäumen den Wald noch sehen?! Man bekommt langsam ein Gefühl für die Problematik der Brexit Entscheidung in Großbritannien. Stinknormale Bürger sollen über etwas entscheiden, dessen Konsequenzen sie nicht ganz absehen können. Und um sich intensiver damit zu beschäftigen, fehlt schlichtweg die Zeit und bei einigen sicherlich auch das Interesse.

 

Wofür ich übrigens gestimmt habe? Für JA. Dabei hatte ich anfangs zu einem NEIN tendiert. Aber die Argumente der JA-Kampagne haben mich letztlich doch mehr überzeugt.

 

Wenn man sich dann endlich entscheiden konnte, für was man denn nun abstimmen will, darf man sich mit dem eigentlichen Highlight des Abstimmungsprozesses herumschlagen.

Wie schaffe ich es, den grünen Umschlag in den gelben Umschlag zu stecken, wenn der grüne Umschlag größer ist, als der gelbe?!

Da war wohl ein echtes Genie am Werke!

Wahrscheinlich sind am Ende eh all unsere Stimmen ungültig. Thanks Obama.

2 thoughts on “Bürgerentscheid Kurfürstenbad – Der Brexit Bonns

  1. Ganz wunderbarer Artikel, den ich als Moderatorin der Facebook-Seite „Frankenbad-bleibt Schwimmbad“ dort gerne veröffentlichen würde. Wäre super, wenn Sie ihn auch dort posten würden oder sich über fb mit PN mit mir in Verbindung setzen könnten: Gabriele Alonso Rodriguez

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