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Bühne frei für die Wissenschaft

Am 8. Januar findet der 18. Science Slam im Bonner Pantheon statt. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Fünf engagierte Slammerinnen und Slammer haben zehn Minuten Zeit das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Schaffen die Teilnehmenden die vom Science Slam versprochene Brücke zwischen Wissenschaft und Unterhaltung zu schlagen?

Von Anne Deny

Es ist Montag 17.45 Uhr, endlich Feierabend. Die akademische Zeitangabe lässt es vermuten, dass ich mich im universitären Umfeld bewege. Meine Kommilitoninnen freuen sich auf ihren verdienten Feierabend auf der Couch, endlich den Alltag mit Hilfe von Netflix-Serien abschalten können. Gegen Kuscheldecke und Couch hätte ich zugegebenermaßen auch nichts einzuwenden, doch heute Abend möchte ich mich einem leider vernachlässigten Thema zuwenden: die Wissenschaft der anderen im Rahmen des Science Slams im Pantheon.

Das Veranstaltungskonzept des Science Slams wurde 2006 das erste Mal in Darmstadt durchgeführt und rückt seitdem Wissenschaftler und deren Forschungsinhalte ins Rampenlicht. Das Veranstaltungskonzept ist mit dem des verwandten Formats Poetry Slam zu vergleichen. Was die beiden Slam-Arten unterscheidet sind die vorgetragenen Texte, also der Slam. Beim Poetry Slam stehen die literarischen Texte im Vordergrund, beim Science Slam geht es um die Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten. Die Slammer haben zehn Minuten Zeit, dem Publikum ihr Forschungsthema näher zu bringen. Hilfsmittel, wie Präsentationen, kleine Showeinlagen oder Requisiten sind erlaubt. Der Gewinner wird anhand des Publikumsapplauses am Ende gekrönt.

In Bonn treffen die Veranstalter auch noch mit der 18. Ausgabe des Science Slams beim Publikum genau ins Schwarze. Das Pantheon ist mit 430 Sitzplätzen restlos ausverkauft – eigentlich wie immer, meint Veranstalter Sebastian. Hinter dem Science Slam steht der Partner LUUPS, ein Verlag für szeneorientierte Stadtführer in 25 Städten Deutschlands und Österreichs. Seit 2015 hilft Sebastian bei der Organisation der Slams mit. Mittlerweile ist er fest bei LUUPS angestellt und kümmert sich um das Veranstaltungsmanagement der Slams im Rhein-Main-Gebiet.

Meet and Greet mit den Slammern

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Darius auf der Bühne. Foto: Anne Deny

Eine Stunde vor Beginn treffe ich die Slammer Backstage. Zusammen mit Sebastian und dem Moderator werden Erfahrungen ausgetauscht und kurz der Ablauf des Abends besprochen. Passend zum Klischee, dass bei Science Slams die Wissenschaftler der naturwissenschaftlichen Fakultäten überwiegen, treffe ich zuerst auf den 21-jährigen Biochemiker Johann. Er ist von der Betreuung des Veranstaltungsteams begeistert und freut sich auf seinen ersten Beitrag vor Bonner Publikum, auch wenn die Nervosität mitspielt. Nun setze ich mich zu den nächsten Naturwissenschaftlern Peter und Darius an den Tisch. Beide kennen sich von anderen Slams, bei denen sie gemeinsam aufgetreten sind. Eine kleine Slam Community findet sich offenbar schnell. Sie sehen die kurze Bühnenpräsenz als Chance, ihren Forschungsbereich spannend und humorvoll vermitteln zu können. So wie für Darius, dessen T-Shirt mit der Aufschrift „Fragen Sie nicht Ihren Arzt, sondern Ihren Apotheker“ charmant auf seinen Wissenschaftsbereich Pharmazie hinweist. Mit seinem Auftritt will er den Respekt vor den Forschungsinhalten des Pharmaziestudiums in den Vordergrund rücken. „Mir sind schon Leute begegnet, die nicht gewusst haben, dass Apotheker studiert haben. Deshalb ist es mir wichtig aufzuzeigen, was hinter dem Arzneimittelverkauf steckt.“ Selbstironisch bezeichnet er es als Berufskrankheit des Apothekers, der sich nicht ernst genommen fühlt und sich deshalb des Öfteren beweisen muss.

„Wenn ich auf der Bühne stehe kann ich den Menschen, die nicht das Glück haben, sich mit solchen Themen näher auseinanderzusetzen, durch meinen Vortrag eine neue Perspektive darlegen. Ich kann andere davon profitieren lassen, dass ich mich mit solchen Fragen kritisch auseinandersetzen darf.“

In der Couchecke daneben unterhalten sich Sebastian und ein weiterer Slammer über kulturwissenschaftliche Themen. Der einzige Vertreter einer Philosophischen Fakultät ist demnach schnell gefunden und ich setze mich zu Julien auf die Couch. Julien hat an der Universität Würzburg in Literaturwissenschaften vor einem Jahr das Promotionsverfahren abgeschlossen. Unter den Slammern genießt er den „Exotenstatus des Geisteswissenschaftlers“, weshalb er auch öfter von Veranstaltern kontaktiert wird. Sein Slam heute behandelt gesellschaftlichen und struktureller Rassismus, den er anhand von Werbebeispielen bebildert. Es geht ihm nicht darum, mit dem moralischen Zeigefinger aufzuzeigen, sondern die Menschen auf das Thema Rassismus in der Werbung zu sensibilisieren. „Ich habe das Privileg, mich mit Fragen zu beschäftigen, wie: Ist Plakatwerbung rassistisch oder nicht und sollte man darüber streiten? Wenn ich auf der Bühne stehe kann ich den Menschen, die nicht das Glück haben, sich mit solchen Themen näher auseinanderzusetzen, durch meinen Vortrag eine neue Perspektive darlegen. Ich kann andere davon profitieren lassen, dass ich mich mit solchen Fragen kritisch auseinandersetzen darf.“

Von Zäpfchen, Insekten und Rassismus…

Zuschauerraum mit Blick auf die Bar
Zuschauerraum mit Blick auf die Bar. Foto: Anne Deny

Nach dem Plauderstündchen mit den Slammern habe ich mich unter das Publikum im Zuschauerraum gemischt und freue mich mit ihnen auf die kommenden Darbietungen. Mich überrascht das gemischte Publikum, von Eltern mit ihren Teenagern, jüngeren und älteren Paaren und natürlich Studentengruppen sind alle Altersgruppe vertreten. Die gemütliche Einrichtung von kleinen Tischgruppen und die Kronleuchten an der Decke lassen eine angenehme Atmosphäre aufkommen. Eine Zuschauerin darf die Reihenfolge der Aufritte auslosen, Darius der Pharmazeut fängt an. Wohl kaum jemand durfte bis dato eine Einführung über rektale Arzneimittel auf solch sympathisch humorvolle Weise gehört haben. Alleine der Titel: „Alles für den Arsch“ bringt alle herzlich zum Lachen. Die nächste, einzig weibliche Slammerin, gibt dem Abend den gewissen internationalen Touch. Marwa aus dem Oman hält ihren englischsprachigen Slam über ihr Lieblingstier, die schwarze Soldatenfliege und deren Bedeutung für die nachhaltige Landwirtschaft. Die internationale Gemeinschaft steht vor einer riesigen Herausforderung. Immer mehr Menschen müssen mit Essen versorgt werden und besonders in der Landwirtschaft sei es an der Zeit umzudenken. Vor der Pause macht es sich Julien zur Aufgabe, die koloniale Dichotomie anhand von Werbeplakaten sichtbar zu machen. Unser Afrika Bild ist bis heute sehr veraltet und vereinfacht in unseren Köpfen. Die Slams von Marwa und Julien brachten mich neben vereinzeltem Schmunzeln hauptsächlich zum Nachdenken.

… bis zu Phosphatrecycling und Wetterkrisen

Johann und der Moderator. Foto: Anne Deny

Nachdem sich in der Pause jeder mit einem Erfrischungsgetränk seiner Wahl ausgestattet hat, geht es nun weiter mit dem jungen Biochemiker Johann. In einer ungeplanten, fast Stand-Up-Comedy Einlage zwischen ihm und dem Moderator betont der Forscher, dass er nun nichts als die Wahrheit sagen wird, auch wenn es für manche etwas kompliziert klingen mag. Dass man bei einem Slam auch mal den roten Faden verlieren darf, darauf hatte mich Johann schon im Vorfeld gewarnt. Bei seinem Thema Phosphatrecycling komme ich vom Verständnis her an meine Grenzen. Trotzdem erfahre ich den ein oder anderen Aha-Moment und das über einen Themenkomplex, den ich mir nie hätte selbst aneignen können. Abschließend bringt der letzte Slammer Peter die Zuhörer über das beliebteste Small-Talk-Thema der Deutschen zum Schmunzeln, das Wetter. Kabarettartige Einlagen zu Politik und Gesellschaft inklusive.

Als Gewinner geht der Pharmazeut Darius von der Bühne und bekommt somit die wohl verdienten goldenen Boxhandschuhe überreicht. Prämien bleiben wie üblich bei Slams aus. Es geht darum, dem Forschungsanliegen Gehör zu verschaffen. Das Publikum verlässt sichtlich zufrieden das Pantheon. Manch einer plant vielleicht schon den nächsten Science Slam Besuch. Ich persönlich bin froh, einen lustigen und erkenntnisreichen Montagabend erlebt zu haben. Zufrieden und erleichtert falle ich ins Bett. Auch mit dem Hintergedanken, dass sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so leidenschaftlich mit mir völlig fremden Themen, wie Phosphatrecycling beschäftigen. Dort scheint es in richtigen Händen zu sein.

Aufruf an junge Wissenschaftler

Wenn du nun Lust bekommen hast auch bei einem Science Slam mitzumachen, hat Julien folgenden Tipp für dich: „Stell dir vor du müsstest deiner Großmutter erklären, was du den ganzen Tag an der Uni machst. Die Kunst des Slams liegt darin, den Inhalt so allgemein und pointiert wie möglich zu formulieren. Das ist die Herausforderung.“ Mit Hilfe der richtigen Präsentationsverpackung findet das eigene Forschungsgebiet eine Bühne und kann dem gespannt zuhörenden Publikum den Abend versüßen. Melden könnt ihr euch jederzeit über die offizielle Website oder über Facebook. Vom Science Slam selbst könnt ihr euch am 24. April im Pantheon ein Bild machen.

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