Gemeinsam einsam während der Corona-Krise © Free-Photos - Pixabay
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„Bitte Abstand halten!“ – Gemeinsam einsam in der Krise

Wie in einer Gefängniszelle zu sitzen, zu der man den Schlüssel in der Hand hält, wie eine kalte Kammer – so beschreiben Menschen das Gefühl von Einsamkeit. Wenn dieses Gefühl chronisch wird, ist das alarmierend. Denn Einsamkeit kann neben psychischen auch physische Auswirkungen haben. Was passiert, wenn die Folgen der Corona-Pandemie mit ihren sozialen Symptomen ‚Social Distancing‘ und ‚Kontaktbeschränkung‘ da noch hinzukommen?

von Marie Hanrath

08:00 Uhr am Morgen: Kaffee oder Tee sind bereitgestellt, um in den nächsten eintönigen Tag im Home-Office zu starten. Variationen gibt es im Tagesablauf seit Monaten kaum mehr, Kontakte ebenso wenige. Kolleg*innen, Freund*innen und die Familie sieht man oft nur noch flackernd zwischen den Ecken eines Bildschirmes, während Ton und Bild immer wieder abreißen. Masken zwischen Kinn und Augen verdecken unser kurzes Lächeln beim Bezahlen an der Supermarktkasse. Aus physischer wird soziale Distanzierung und diese ist gerade ziemlich en vogue – natürlich aus gutem Grund.
Gesundheitliches und wirtschaftliches Überleben stehen im Fokus und dabei rückt eines oft in den Hintergrund: Unser Zusammenleben, unser soziales Miteinander, hat sich verändert. Willkommen in den Zeiten von Corona, der „neuen Normalität“, wie NRW-Ministerpräsident Laschet die mittlerweile mehr als sechs Monate andauernde Ausnahmesituation bezeichnet. Doch was macht dieses distanzierte Zusammenleben, diese „neue Normalität“ mit uns? Macht uns Corona zu einer einsamen Gesellschaft? Und wie fühlt sich Einsamkeit eigentlich an?

Wenn wir gehört werden möchten, aber kein Gehör finden.

Einsamkeit beschreibt das Gefühl, in dem wir eine Diskrepanz spüren zwischen den gewünschten Beziehungen und den tatsächlich vorhandenen. Wenn wir jemandem Gedanken und Gefühle anvertrauen möchten, aber niemanden zum Reden haben. Wenn wir gehört werden möchten, aber kein Gehör finden. Ein Gefühl, das nicht zu verwechseln ist mit dem selbstgewählten und bewusst gesuchten Alleinsein, dem positiven Gefühl, dass man als sich als Individuum erleben will, sich der Welt entziehen und zur Ruhe kommen möchte. Wird letzteres fast zu einem Trend und als maximale Freiheit empfunden, so wird der Zustand der Einsamkeit häufig von einem ebenso starken Gefühl der Traurigkeit begleitet – ein Cocktail aus negativen Gefühlen, zusammengesetzt aus den Resultaten dieses unerfüllten Bedürfnisses.
Einsamkeit kann uns psychisch krank machen. © StockSnap - Pixabay
Einsamkeit kann uns psychisch krank machen. © StockSnap – Pixabay
Geht man davon aus, dass das in unserer vermeintlich digital perfekt vernetzten Welt überhaupt kein gravierendes Thema ist, beweist die Forschung der Ruhr-Universität Bochum etwas anderes: Einsame Menschen sind mit ihrer Einsamkeit nicht alleine. Knapp jede*r zehnte Deutsche fühlt sich einsam und – einsame Menschen sind nicht ausschließlich alt:
„Dass jüngere Erwachsene auch eine erhöhte Risikogruppe für Einsamkeit darstellen, ist nicht überraschend. Gerade jüngere Erwachsene sind besonders betroffen“,
so die Psychologin Susanne Bücker von der Ruhr-Universität Bochum. Doch auch ältere Menschen, für die das Kontakthalten über Soziale Netzwerke eher keine Option ist, dürfen bei dieser Diskussion nicht vergessen werden: Laut des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) erhält jeder vierte alte Mensch nur einmal im Monat Besuch von Freunden oder Bekannten. Manche haben gar keinen Kontakt mehr nach außen. Das macht einsam.

„Das Risiko früh zu versterben ist zu 30 Prozent höher als für nicht-einsame Menschen.“

Wenn dieses Gefühl dann chronisch wird, kann das weitreichende Folgen haben:
„Chronische Einsamkeit geht mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch mit demenziellen Erkrankungen im erhöhten Lebensalter einher. Außerdem ist Einsamkeit enormer sozialer Stressor: Wie in anderen Stresssituationen wird Cortisol ausgeschüttet und wenn das über sehr lange Zeit erfolgt, wirkt sich das auf das Immun-System aus. Diese gesundheitlichen Konsequenzen führen dazu, dass Menschen früher sterben. Das Risiko früh zu versterben ist zu 30 Prozent höher als für nicht-einsame Menschen“,
erklärt die Wissenschaftlerin. Neben physischen kann es außerdem auch zu schwerwiegenden psychischen Auswirkungen kommen: „Einsamkeit erhöht das Risiko, eine Depression oder Angststörung zu entwickeln, umkehrt weiß man aber auch, dass solche psychischen Erkrankungen dazu führen können, dass man einsam wird“, so Susanne Bücker weiter. Trotz der schwerwiegenden Folgen und trotz des häufigen Auftretens ist Einsamkeit noch immer hochgradig stigmatisiert – ein gesellschaftliches Tabu. Das resultiert vor allem aus der eigenen Angst heraus, selbst nicht fähig zu sein sich sozial und gesellschaftlich einzubringen. Einsamkeit wird als persönlicher Makel empfunden, die damit einhergehenden Gefühle aus Scham totgeschwiegen. Die Einsamkeits-Forscherin empfiehlt: Über Einsamkeit zu sprechen, um auch anderen zu vermitteln, dass einsame Menschen nicht allein sind mit der Einsamkeit. Ein Schritt, der für Betroffene mit Sicherheit nicht leicht ist.

Durch Corona einsamer?

Hinzu kommt aktuell die Pandemie, die Abstand einfordert und Kontakte auf die nötigsten Begegnungen beschränkt. Steigt damit das Risiko unter Einsamkeit zu leiden an? Für Deutschland gibt es bereits erste Ergebnisse zum Einfluss von Corona auf die Einsamkeit. Eine Tagebuchstudie der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin, bei der mehrere tausend Menschen täglich dazu befragt wurden, wie einsam sie sich fühlen, hat gezeigt, dass man nicht davon sprechen kann, dass Einsamkeit von Tag zu Tag immer stärker geworden ist. Die Forschenden konnten feststellen, dass Einsamkeit in den ersten zwei Wochen der Maßnahmen, etwa von Mitte bis Ende März, eher angestiegen ist, dann auch wieder abfiel.

Durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Krise fühlen sich immer mehr Menschen einsam. © Foundry - Pixabay
Durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Krise fühlen sich immer mehr Menschen einsam. © Foundry – Pixabay

Eine Art Gewöhnung hat stattgefunden. „Die Ergebnisse zeigen auch, dass Menschen sich stark darin unterscheiden, wie sich ihr tägliches Einsamkeitslevel verändert hat. Bei einigen ist es angestiegen, bei einigen abgefallen. Das ist kein überraschender Befund, denn die Lebensumstände von Menschen sind sehr unterschiedlich gewesen in dieser Krisenphase“, beschreibt Susanne Bücker. Für die einen bedeuteten die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, dass sie sehr isoliert waren, für andere hingegen, dass sie sehr viel Zeit mit ihrer Familie auf sehr engem Raum verbracht haben, so dass Einsamkeit nicht zwangsläufig die Konsequenz sein musste. Die Ergebnisse seien aber mit Vorsicht zu interpretieren, da die Entwicklung über eine längere Zeit beobachtet werden müsse.

„Momentan kann jeder sehr gut nachvollziehen, dass man sich einsam fühlen kann.“

Eine zweite Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) hat gezeigt, dass das Gefühl der Einsamkeit im Zuge der Ausbreitung der Corona-Pandemie in allen Altersgruppen angestiegen ist, besonders stark bei den jungen Erwachsenen unter 30 Jahren und bei Frauen. Dass die Menschen in Deutschland den ersten Monat des Lockdowns dennoch besser verkraftet haben als erwartet, zeigt sich daran, dass andere Faktoren, wie Lebenszufriedenheit oder emotionales Wohlbefinden, trotz steigender Einsamkeitsgefühle unverändert blieben. Das sei vorsichtig positiv zu bewerten und auch einen zweiten Lichtblick sieht Psychologin Susanne Bücker in der aktuellen Krise:
„Momentan kann jeder sehr gut nachvollziehen, dass man sich einsam fühlen kann. Auch diejenigen, die Einsamkeit vorher als Gefühl für sich noch nicht kannten. Die Corona-Krise kann helfen, Einsamkeit von ihrem Stigma zu befreien. Einsamkeit wird ein Stück weit salonfähig, weil es derzeit alle irgendwie betrifft.“
„Ich fühle mich einsam“ – ein Satz, der sicherlich nicht leicht von den Lippen geht, den es auszusprechen und sich von der Seele zu reden aber langfristig lohnt, damit wir in Zukunft wieder mehr gemeinsam, statt gemeinsam einsam sind. Besonders in Krisenzeiten wie dieser.
Beitragsbild: Free-Photos – Pixabay

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