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Bei Anruf Entspannung – Ein Plädoyer für das Festnetztelefon

Jetzt mal ehrlich, hast du noch ein Festnetztelefon? Nein? Warum nicht? Ich werde dir jetzt ein paar Gründe nennen, warum Festnetztelefone absolut super sind. Und zwar nicht nur für deinen Chef oder deine Mama, nein, für dich! Hilfe bekomme ich dabei von Sabria David, Expertin für digitale Medien. Und sie sollte es ja wohl wissen, oder?

Von Kristina Schlömer

Klar, wer ein Smartphone hat, der braucht kein anderes Telefon mehr. Aber fehlt dir nicht manchmal auch die Gemütlichkeit beim Telefonieren, wenn du dir dieses überhitzte Ding ans Ohr presst? Stell es dir vor: Du nimmst dir die Zeit, legst dich ganz entspannt aufs Sofa, greifst nach deinem Festnetztelefon, vielleicht sogar im richtigen Retrolook mit Wählscheibe und Hörer und rufst einen alten Freund an. Stilvoll, oder?

Du bist noch skeptisch? Du denkst bestimmt an das schnurlose Telefon bei deinen Eltern. Wahrscheinlich die einzige Nummer, die du auswendig kannst. Oder an die Telefone im Büro, die nur Stress bei dir auslösen (Wie ging das nochmal mit dem weiterleiten?!). Klar, das Image des Festnetztelefons ist nicht sehr sexy: Angestaubt, bürgerlich, nicht zeitgemäß, einfach überholt. Du liebst deinen kleinen Supercomputer, der alle anderen Medien überflüssig gemacht hat. Den will ich dir auch gar nicht wegnehmen. Das hier ist keine Schimpfrede auf die digitalen Medien, die uns alle verblöden und uns nicht mehr das schöne reale Leben sehen lassen. Alles Quatsch. Digitale Medien sind wichtig und gut, wenn man richtig mit ihnen umgeht.

Sabria David vom Slow Media Institut. © Annette Schwindt
Sabria David vom Slow Media Institut. © Annette Schwindt

Ich habe mit Sabria David über digitale Medien gesprochen. Sie ist die Mitgründerin des „Slow Media Instituts“ in Bonn und sozusagen der Guru in bewusster Mediennutzung. Sie hat 2010 mit zwei Kollegen das international erfolgreiche „Slow Media Manifest“ geschrieben, in dem sie Anhaltspunkte liefert, wie man sinnvoll mit Medien, egal ob Internet, Zeitung oder Steinschrift, umgehen soll. Sie schreibt darin, dass man Medien aller Art bewusst verwenden und sich auf eine Handlung konzentrieren soll. Sie findet es wichtig, „dass man das Gute davon nutzt, aber dass man sich auch nicht zum Sklaven machen lässt“. Mit „Slow Media“ meint die Gruppe hochwertige, nachhaltige, aber auch zur Interaktion anregende Medienprodukte. Das ähnelt dem „Slow Food“-Konzept, bei dem es um bewussten und nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln geht. Das kann in Bezug auf Medien ein gutes Buch sein oder eine schöne Spotify-Playlist. Sabria David und ihre Kollegen begrüßen also den digitalen Wandel und sagen, soziale Medien geben uns die Bindungen zu anderen Menschen, die wir suchen.

Alles schön und gut, aber die zwanzigste WhatsApp Nachricht macht dich nicht mehr kontaktfreudig, sondern nervt dich nur noch, oder? Ist ja auch ganz normal, wir werden alle dauerhaft zugeballert mit Nachrichten und E-Mails und das überfordert schnell. Für Sabria David liegt die Aufgabe der Menschen heutzutage darin, mit diesem Stress umzugehen und abschalten zu können:

„Sie als Nutzer müssen jetzt sagen: Ich geh da erst ran, wenn ich da rangehen will. Und deswegen ist es mehr Verantwortung, mehr Arbeit, mehr Last, mehr Kompetenz, die der Mediennutzer jetzt haben muss.“

Telefone sind Entspannung

Was hat das jetzt mit Festnetztelefonen zu tun? Eine ganze Menge. Mit dem Smartphone bist du immer unterwegs, immer erreichbar, immer im Stress. Das Smartphone mal links liegen lassen und jemanden übers Festnetz anzurufen – das kann entspannend sein. Du bist mit den Gedanken beim Gespräch und liest nicht die WhatsApp-Nachrichten nebenbei. Auch Sabria David sagt, dass analoge Medien helfen können, sich einen Rückzugsort zu schaffen. Es ist doch auch ein anderes Gefühl, wenn man den Plattenspieler startet oder im Urlaub mit einer analogen Kamera fotografiert. Das hat etwas mit Nostalgie zu tun, aber gleichzeitig auch mit Haptik. Du hast etwas in der Hand, das fühlt sich besonders an, es riecht besonders, es klingt besonders. Und du musst etwas dafür tun, dass das Gerät funktioniert. Ja, du und dein Können, ihr seid gefragt!

Telefone sind Kult

Du kannst diese Hipster mit ihrem Telefon braunblöden Retrofetischismus verdammen wie du willst, aber du musst zugeben, es sieht schon ziemlich ästhetisch aus. Nimm mal den Hörer ab von einem schicken alten Telefon mit Wählscheibe und erzähl mir, du fühlst dich dabei nicht wie James Bond oder Grace Kelly. Das Telefon ist von der Popkultur unglaublich aufgeladen worden. Von hastig gemurmelten Informationen in Gangsterfilmen über getrennte Liebende, deren einzige Verbindung das Telefonnetz ist, hin zum schrillen Klingeln des Apparats, an dessen Ende der Killer hängt. „I tried to call you on the telephone“, so oder so ähnlich singen sich unzählige Musiker den Schmerz von der Seele. In so ziemlich jedem Hitchcock-Klassiker hängt der adrette Herr oder die anmutige Dame früher oder später an der Strippe. Und was ist neben Junos dickem Bauch das beste Accessoire in der Teenager-Schwangerschafts-Komödie? Natürlich das quietschbunte Hamburger-Telefon. Überleg mal, das Telefon im Film? Kultig. Das Handy in jedem Film, der älter als zwei Jahre ist? Klobig, überholt, witzig.

Telefone sind Oldtimer

rotary-691528_1920Das Telefon ist nicht mehr dem ständigen technologischen Wandel unterworfen, sondern kann sich inzwischen auf seinem Oldtimer-Status ausruhen. Es lastet kein Druck mehr auf der alten Gabel, denn das Telefon muss sich nicht mit seinen effizienten neuen Kollegen messen, die nach einem Jahr schon wieder überholt sind. Das Telefon wurde abgehängt und genau dadurch kann es sich neu erfinden. Sabria David spricht von einer Bedeutungsverschiebung bei überholten Medien und nennt als Beispiel das Telegramm, das zu seiner Entstehungszeit das schnellste Medium überhaupt war. „Das war ja die unterscheidende Eigenschaft des Telegramms, dass es ganz schnell ist“. Und heute im Zeitalter von E-Mails und SMS sei so etwas wie das Telegramm obsolet geworden. „Das Telegramm gibt es aber immer noch, aber mit dem Fokus, dass es persönlich vom Postboten überbracht wird. Diese Eigenschaft war in den 20er Jahren nichts Besonderes und jetzt ist es so, dass die Schnelligkeit nicht mehr das Besondere am Telegramm ist, sondern dass es einem persönlich in die Hand gedrückt wird.“

Ähnlich geht es dem Telefon jetzt und vielen anderen analogen Medien, wie den Schallplatten oder den analogen Fotoapparaten, im digitalen Zeitalter. Ihre Funktion und Bedeutung hat sich verändert. Während das Smartphone das Feld der schnellen Kommunikation abdeckt, geht es beim Festnetztelefon um Verbindlichkeit. Du rufst jemanden zuhause an, hast seine volle Aufmerksamkeit, du erwischst ihn nicht gerade im Zug oder an der Supermarktkasse. Da hat das Gespräch doch eine ganz andere Art von Qualität. Das ist ja eigentlich auch der Grund, warum die Leute wieder Schallplatten kaufen. Du brauchst sie zum Musikhören nicht, sie sind dafür sogar ziemlich unpraktisch, aber dir gefällt das besondere Erlebnis. Es fühlt sich gut an, es sieht schön aus, es ist dein persönlicher Rückzugsort.

So, da wären wir. Ich weiß, du bist von der Fülle an beeindruckenden Argumenten erschlagen, sie hagelten auf dich ein wie zwanzig WhatsApp Nachrichten. Du hast es geschafft, wir sind am Ende. Jetzt nutze deine Medienkompetenz und schalte mal bewusst ab. Na los, raus aus dem Internet, entspann dich mal und konzentrier dich nur auf eine Sache. Vielleicht, ich weiß nicht… auf ein Telefonat?

 

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