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Awesome mixes, awesome tapes?

Für die einen hat sie das 80er-Jahre-Feeling, für die anderen ist sie Kindheitserinnerung. Immer häufiger wird vom Comeback der Kassette gesprochen. Aber wer sollte in Zeiten von komfortablem, mobilen Musikkonsum noch Kassetten kaufen?

Von Julian Suhr

Der Klang ist ein bisschen verwaschen, es rauscht dezent und wenn man Pech hat, hält man nach einem Kampf zwischen Tapedeck und Kassette auch noch das Band in der Hand, muss es mit einem Bleistift wieder in die Plastik-Kassette hineindrehen. Und so scheint es angesichts brillanter Klangqualität, Mobilität und Verfügbarkeit auf allen möglichen Geräten von Smartphone bis PC auch erstmal nicht verwunderlich, dass sich die Kassette Mitte der 2000er CD, Download und Streaming geschlagen geben musste.

In den „Guardians of the Galaxy“-Filmen aber wird die Kassette seit 2014 zum Gimmick, das immer wieder – fast schon Musical-Film-mäßig – für auflockernde Szenen sorgt, wenn die Figuren durch den digital kreierten Weltraum tanzen. Sie steht aber auch als Relikt aus den 1980er-Jahren für die Herkunft von Protagonist Peter Quill. Der hört seinen eigenen Mix mit Musik aus der Zeit, den „Awesome Mix“, ein Geschenk seiner verstorbenen Mutter.

„Fünfzig Tapes bekomme ich jetzt noch zugeschickt.“

Ob in „Guardians of the Galaxy“ oder „Stranger Things“ – das Tape hat immer noch Stil. Vielleicht sogar umso mehr, weil es (noch) ein Nischending ist. Das finden auch Lars und Jonathan, die 2017 unter dem Namen Cat Life Records ihr eigenes Kassettenlabel gegründet haben: „Die Kassette hat einfach ein interessantes Format. Wir haben diese Folder [Anm.: gefaltete Cover], die du auch richtig schön auseinander bauen kannst. Das sieht schick aus.“ Gerade hat der Kölner Musiker On Another Planet seine Single „Remember Me“ bei Cat Life Records auf Kassette veröffentlicht. Acht EPs haben die Bonner damit insgesamt auf Kassette umgesetzt, von Bands aus der Region ebenso wie von der englischen Band Prey Drive. Und dabei werden gestalterisch alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Von knallig rosafarbenen über gold besprenkelte Kassetten bis zum dezenten durchsichtigen Tape mit rotem Band sei alles möglich, schwärmen die beiden und klingen dabei wie so manch enthusiastischer Schallplattensammler. Diese vielfältigen Möglichkeiten gibt es bei einer mp3-Datei oder beim Musikstreaming natürlich nicht. Ganz ohne digitale Einflüsse geht es aber auch bei Kassetten nicht: Wohlwissend, dass Kassettenspieler nicht mehr allzu verbreitet sind, liegen den Tapes von Cat Life Records Download-Codes bei, mit denen die Musik digital erworben werden kann – und dann wahrscheinlich im Endeffekt doch als mp3 angehört wird.

Foto: Cat Life Records
Foto: Cat Life Records

Ihr Kassetten-Label ist zunächst aus Eigenbedarf entstanden: Lars ist selbst in der Band Worth aktiv. Auf der Suche nach geeigneten Vertriebswegen für ihre EP „Lacus“ kam 2017 das Thema Kassette auf. Neben CD und digitalem Vertrieb, konnte die Band so auch ein „analoges“ Medium anbieten. „Vinyl ist da ein bisschen zu teuer und Kassette gar nicht so schwer selbst herzustellen. Und es steckt auch ein kleiner Sammleraspekt dahinter.“, meint Lars und zeigt die fertige Kassette aus der ersten Auflage im Pappschuber. Per Siebdruck selbst bedruckt und von Hand nummeriert, versteht sich. Die würde aber noch nicht so gut klingen, deshalb gibt es eine zweite Auflage in besserer Soundqualität und mit dem neuen Song „Pinehouse“. Die Idee zur Labelgründung kam dann vor allem aufgrund der Nachfrage, auch durch die befreundeten Bands Chin Up und Landgang.

Gerade in der Hardcore- und Punk-Szene komme das Medium gut mit dem generell verbreiteten Do-it-yourself-Gedanken zusammen, erzählen die Label-Betreiber. Dazu passt dann auch, dass die Kassetten im WG-Zimmer hergestellt werden, zwischen Musikinstrumenten, Bett und Plattensammlung. Jonathan spaßt, „fünfzig Tapes bekomme ich jetzt noch zugeschickt und ich weiß nicht, wie viele ich noch zu Hause stehen habe“. Große Auflagen gibt es vor allem des hohen Aufwands wegen allerdings nicht. Auflagen von 25 bis 50 Tapes seien die Regel. Überlebt hat die Kassette hauptsächlich in eben jenen Subkulturen, da gäbe es auch die Nachfrage nach Platten und Tapes, meinen die beiden. Sie sehen trotzdem auch in anderen Musikrichtungen Potenzial. So verkaufe sich auch elektronische Musik gut auf Kassette und mit zwei anstehenden Produktionen für Singer-Songwriter wird die Bandbreite des Labels erweitert.

Awesome tapes to trade…

Ihre Hochzeit hatte die Musikkassette allerdings in den 1980er-Jahren bis in die frühen 1990er-Jahre hinein. Die CD kam gerade erst so richtig auf und gegenüber der Schallplatte konnte sie damals mit ihrer Mobilität überzeugen. Mit einem Walkman hatte man seine Musik immer verfügbar, immer dabei. Und die Kassette bot durch ihrer Entstehungsgeschichte aus der Musikproduktion heraus auch erstmals die Möglichkeit, selbst seine Lieblingssongs auf einer leeren Kassette zusammenzustellen oder Radiosendungen aufzuzeichnen – Dinge, die heute selbstverständlich klingen. Lars erinnert sich an das Mixtape: „Das ist schon ein nices Geschenk, wenn man jemandem so eine Kassette macht.“ Dieser Mixtape-Gedanke ist das Erbe des Mediums, das sich in unsere heutige Zeit gerettet hat, als iTunes- oder Spotify-Playlist. Aber irgendwie ist der „Awesome Mix“ als Spotify-Playlist dann nur halb so reizvoll.

„Das ist schon ein nices Geschenk, wenn man jemandem so eine Kassette macht.“

Durch die leichte Bespielbarkeit und die Mobilität der Kassette konnte sich auch eine weitreichende Tape-Trading-Kultur entwickeln: Die Kassette wurde unter Musikbegeisterten nicht nur genutzt, um sich gegenseitig die neueste Musik zu zeigen, sondern auch um sich international zu vernetzen. Ganze Tape-Trading-Netzwerke entstanden so in den 1980er-Jahren, die nicht wenigen Bands zum Erfolg verhalfen – Metallica ist vielleicht das bekannteste Beispiel. Gleichzeitig wurde Musik aus fast allen Erdteilen weltweit verfügbar – ohne Internet. Auch das ist natürlich durch digitale Musikkulturen längst obsolet. Mit wenigen Clicks ist auf Seiten wie Bandcamp Musik von Independent Künstlern aus aller Welt verfügbar. Das macht es für Musiker zwar so leicht wie nie zuvor, ihre Musik zu veröffentlichen, aber es ist doch etwas anderes, ein Tape aus Südamerika im Briefkasten zu finden oder auf dem heimischen Sofa neue Musik von quasi nebenan aufzustöbern – denn mittlerweile ist es selbstverständlich Musik aus Afrika, Südamerika oder Asien einfach verfügbar zu haben.

Comeback der Kassette?

Die Bonner Musikliebhaber  von Cat Life Records sind aber längst nicht mehr die einzigen, die wieder Kassetten veröffentlichen. Nach dem Vinyl-Boom der letzten Jahre kommt auch das Tape als Teil einer großen Retrowelle zurück: Klassiker der jüngeren Musikgeschichte wie Nirvanas „Nevermind“ oder Eminems „The Eminem Show“ gibt es seit kurzem wieder auf Kassette, ebenso wie neue Veröffentlichungen von Bon Iver („22, A Million“) oder Mumford & Sons („Johannesburg EP“), sogar Twenty One Pilots „Blurryface“ gibt es auf Kassette zu erwerben. Nicht selten wird vom Comeback der Kassette gesprochen, angekurbelt auch durch die Soundtracks zu „Guardians of the Galaxy“ und „Stranger Things“. Die wurden selbstverständlich auch auf Kassette veröffentlicht, verkaufen sich zumindest so gut, dass in den USA 2017 ein Zuwachs um 75% verzeichnet wurde.

Quelle: musikindustrie.de
Quelle: musikindustrie.de

 

Zwar ist die Kassette seit den 1980er-Jahren und der Marktübernahme durch CD und digitalen Formen nie ganz vom deutschen Musikmarkt verschwunden, spätestens seit Mitte der 2000er-Jahren aber deuten die Absatzzahlen einen deutlichen Negativtrend an. Auch wenn sich das Comeback der Kassette in den USA andeutet, in Deutschland ist zumindest 2015/2016 immer noch die Schallplatte das einzige Medium mit einer positiven Wachstumsrate. Nur etwa 0,1 Millionen Kassetten wurden in Deutschland 2016 verkauft. Im Vergleich dazu wurden 3,1 Millionen Schallplatten verkauft (bei einer Zuwachsrate von 46,3%).  Diese Zahlen sind ernüchternd und zeigen deutlich: Die Kassette ist noch immer ein Nischenprodukt und „Comeback“ vielleicht etwas hochgegriffen. Längst ist Musik mit der Entwicklung von mp3-Playern und Smartphones noch wesentlich mobiler geworden als sie es mit der Kassette war, gänzlich unabhängig von stationären Abspielsystemen. Abo-Services der großen Streaming-Anbieter öffnen die Türen zu einer unüberschaubar großen Musiksammlung, die online zu jeder Zeit verfügbar ist. Und wenn der Hörer doch etwas in der Hand halten möchte, ist die CD mit 73,8 Millionen verkauften Exemplaren (zumindest in Deutschland) nach wie vor der Marktführer.

Nostalgie und Gegenkultur

Dass besonders die Soundqualität einer Kassette natürlich kaum mit der einer CD mithalten kann, erkennt auch Jonathan. Darum geht es aber nicht. Es sei ganz cool, diesen „roughen Sound zu hören, den du bei Vinyl oder Tape einfach hast“, denkt er nach. Außerdem betont der 27-jährige, dass das Hörerlebnis ein anderes sei: „Die Kassette einzulegen, dann ‚play‘ zu drücken, es läuft was los und dann muss man sie nach einer halben Stunde oder so wenden.“ Lars wirft ein, dass man auch nicht ohne vergleichbar großen Aufwand Songs wie bei einer CD überspringen kann, sondern das ganze Tape hören muss. Und damit steht die Kassette, wie auch die Schallplatte als eine Art Gegenkultur zum kurzlebigen digitalen Musikkonsum, als Ruhepol gegenüber der digitalen Übersättigung.

Foto: Julian Suhr
Foto: Julian Suhr

Und das klingt irgendwie auch sehr nostalgisch. Die Kassette fügt sich perfekt in eine Retrowelle, die mit dem Comeback der Schallplatte ihren Anfang genommen hat und die sich auch in der Musik selbst wiederfindet. Retro ist „in“: „Klar ist das alles schon da gewesen, aber es ist auch cool, das wieder aufleben zu lassen. Und das heißt ja nicht, dass es schlecht ist“, überlegen Jonathan und Lars. Vielleicht auch gerade weil es von dem perfekten, glatten, fast sterilen digitalen Sound Abstand nimmt. Und dann macht es natürlich Sinn, den Soundtrack zu „Stranger Things“ standesgemäß auf Kassette zu hören. Denn letztendlich gehört zu analogen 80er-Synthesizern das Bandrauschen auch dazu. Genau wie zu unserer Generation Y, die noch mit Kassetten groß geworden ist: „Auf Konzerten kommen die Tapes gut an, vielleicht auch, weil das für die Leute ein Stück Kindheit oder Jugend ist.“

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