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Auslandssemester in Zeiten von Corona

Study abroad they said. It will be fun they said. Wer konnte denn ahnen, dass eine weltweite Pandemie ausbricht und die studentische Mobilität über Monate hinweg lahmlegt?

Von Anna Kravcikova

5. Februar 2020

„Liebe Anna, wir freuen uns, dir mitteilen zu können, dass wir dir für das Wintersemester 2020/21 eine Nominierung für deinen Erstwunsch an der Universität Barcelona (Ramon Llull) anbieten können.“

Ich klappe den Laptop zu und tanze durch mein Zimmer. Ich habe seit einem Monat auf die Zusage meiner Wunsch-Universität gewartet! Jetzt steht meinem Auslandssemester in meiner Lieblingsstadt Barcelona nichts mehr im Weg. Ich sehe mich schon im September hinfliegen, neue Menschen aus der ganzen Welt treffen, in süßen Altstadt-Cafés lernen und am Strand liegen. Genau das kann ich jetzt gebrauchen! Mein Erasmus-Semester in Italien aus dem Bachelor ist zwar erst drei Jahre her, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich bin definitiv bereit für ein weiteres Abenteuer im Ausland. Um meine Vorfreude zu steigern, fange ich an, Spanisch zu lernen. Ich trainiere mein Vokabular mit Apps und leihe mir dicke Spanisch-Lernbücher aus, um meine Sprachkenntnisse über das Smalltalk-Level hinaus auszuweiten.

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell: Am 14. März wird in Spanien die Ausgangssperre verhängt. Wenige Wochen später übersteigen die Zahlen der spanischen Infizierten sogar die Fälle in Italien – ein Land, welches bis dato am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffen war. Die Ausgangssperre in Spanien ist nicht mit dem Kontaktverbot in Deutschland zu vergleichen: Während wir spazieren gehen können, solange wir wollen, dürfen die Menschen in Spanien ihre Wohnungen nur zum Einkaufen, Arbeiten oder zum Arztbesuch verlassen. Die Situation wird kontrolliert von Polizei-Patrouillen, in einigen Städten ist sogar das Militär auf den Straßen und sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Bars, Cafés, Restaurants und Clubs sind geschlossen, auch die Strände in Barcelona sind gesperrt. 51 Tage lang sind nicht einmal kurze Spaziergänge an der frischen Luft möglich. Die Lockerungen danach sind auch noch vergleichsweise streng: Man darf die Wohnung nur im Umkreis von einem Kilometer verlassen und auch nicht jederzeit, denn die „Spazier-Slots“ sind eingeteilt nach Altersgruppen. Erwachsene dürfen eine Stunde lang zwischen 6 und 10 Uhr morgens spazieren gehen, die Rentner vormittags, die Kinder nachmittags. Ab 20 Uhr sind die Erwachsenen nochmal dran mit einem Abendspaziergang.

Foto: Anna Kravcikova
Foto: Anna Kravcikova

Wie fühlt es sich an, in so einem Szenario sein Auslandssemester zu absolvieren? Ich telefoniere mit Maike, einer Studentin, die Anfang Februar für ein Auslandssemester nach Barcelona gekommen ist – ebenfalls an die Ramon-Llull-Universität, wo ich mein Auslandssemester absolvieren soll. Mitte März schließt die Gast-Universität jedoch und stellt die Lehre auf Online-Seminare um. Da die Bibliotheken auch geschlossen sind und sie in ihrer WG keinen Schreibtisch besitzt, improvisiert sie aus einem Abstelltisch und einem umgedrehten Wäschekorb einen Arbeitsplatz für ihren Laptop, an dem sie im Stehen arbeitet. Die Ausgangssperre gilt zunächst nur für 15 Tage – eine absehbare Zeit, wegen der man nicht direkt nach Hause fliegt. Doch als sie bis Mitte April verlängert wird, fährt Maike nach Deutschland zurück – die Situation sieht nicht sehr vielversprechend aus.

„One day I was partying and the next one the Spanish President proclaimed the state of emergency and the beginning of the quarantine.“

Auch Anastasia aus Venedig hatte eigentlich vor, bis Juni in der nordspanischen Stadt Valladolid zu bleiben. Sie ist schon seit September dort und hat noch mehrere Prüfungen vor sich. Als sie Anfang März mit ihrer Familie am Telefon über die Quarantäne in Italien spricht, fühlt es sich für sie sehr surreal an.

„In Spain nobody was talking about Corona. And if they did, it seemed like something far away that was happening only in China and Italy.“

Aber dann kommt alles Schlag auf Schlag: An einem Tag ist Anastasia noch feiern und am nächsten Tag verkündet der Ministerpräsident Pedro Sánchez den Notstand im ganzen Land. Die ersten Wochen der Ausgangssperre ist es einsam in der WG, denn ihre spanischen Mitbewohner sind zu ihren Eltern gefahren. Allein in einer fremden Stadt, ohne soziale Kontakte oder Zugang zur Natur – so hat sie sich ihr Erasmus-Semester nicht vorgestellt.

Da Italien zu dem Zeitpunkt noch das Land mit den höchsten Infektionen ist, gibt es keine Flüge von Madrid nach Italien. Sie hat also keine andere Wahl, als in Spanien zu bleiben. Doch zwei Wochen später kommen durch die staatliche Organisation Farnesina drei Flüge von Madrid nach Rom zustande. Diese kosten 300 Euro und sind schnell ausverkauft, aber Anastasia hat Glück. Da ihr Auslandsaufenthalt ein Jahr dauern sollte, hat sie viel Gepäck und macht sich mit drei Koffern auf eine lange Reise. Denn von Rom aus muss sie noch durch das halbe Land nach Venedig fahren.

„You couldn’t leave the house, so of course you couldn’t leave your city neither your region.“

Da der Bus- und Bahnverkehr eingeschränkt ist, muss ihr Vater sie von dort aus mit dem Auto abholen. Die illegale Fahrt auf der leeren Autobahn dauert sieben Stunden. Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass es mehrere Monate dauern wird, bis sie nach Spanien zurückkehren kann, um ihre restlichen Sachen abzuholen. Die Miete muss sie trotzdem weiterzahlen. Trotzdem bereut sie es nicht, nach Hause gefahren zu sein. Und da sie schon seit September da war, hat sie schon einige Erasmus-Erlebnisse in Spanien sammeln können.

Should I stay or should I go?

Die Rückkehr nach Deutschland ist zwar sicherlich nicht so nervenaufreibend wie die nach Italien, trotzdem wissen wir nie, wie sich die Situation wo entwickelt. So wie Maike und Anastasia erging es auch mehreren hunderttausend anderen Studentinnen und Studenten, die während des Lockdowns im Ausland waren und nicht wussten, ob sie bleiben oder fahren sollen. Laut einer Umfrage von ESN, dem Erasmus Student Network, kehrten 36 Prozent aller Erasmus-Studenten in ihr Heimatland zurück. Dort haben viele ihr Studium online fortgesetzt, wenn es möglich war. Doch manche Universitäten haben kein digitales Angebot, was zu einem Problem führen kann. Wenn man die nötigen Credit Points aufgrund von ausgefallenen Prüfungsleistungen nicht erbringen kann und die Mindestförderdauer von drei Monaten nicht einhält, droht eine Rückzahlung der Zuschüsse. Die neue Regelung, welche besagt, dass man bei der Teilnahme an Online-Learning-Angeboten und laufenden Mietkosten im Ausland die Förderung nicht zurückzahlen muss, ist erst am 16. Juni in Kraft getreten, sie gilt jedoch nicht rückwirkend.

Das alles weiß ich im April noch nicht und bin hin- und hergerissen. Einerseits stellt sich mir die Frage, ob das öffentliche Leben auf den Straßen von Barcelona im September überhaupt schon möglich ist. Straßenmärkte, Museen, Festivals, Ausflüge mit meinen Kommilitonen – ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Alltag so schnell einpendelt. Auch die Schilderungen von Maike und Anastasia schwirren in meinem Kopf herum. Eine andere Sache, die mich beschäftigt: Ist es nicht egoistisch, in ein Land zu gehen, dessen Gesundheitssystem massiv überlastet ist? Wenn ich vor Ort gesundheitliche Beschwerden haben sollte und einen Arzt aufsuche, bin ich nicht eine weitere Last für das ohnehin schon überforderte medizinische Personal? Beanspruche ich eventuell die ohnehin nicht genügend vorhandenen medizinischen Kapazitäten? Und nehme ich durch meine Reise nicht die Gefahr in Kauf, das Virus aus dem Flieger einzuschleppen und Menschen zu gefährden, die unter strengsten Bedingungen 50 Tage lang den Lockdown verbracht haben?

Fragen über Fragen, die jede Person für sich selbst beantworten sollte. In meinem Fall wurden sie aber für mich beantwortet, als ich Wochen später mein Mailfach öffne:

  1. Mai 2020

„Liebe Anna, ich muss dir leider mitteilen, dass die Partneruni in Barcelona aufgrund der aktuellen Lage entschieden hat, im Wintersemester keine Erasmus-Studierende aufzunehmen. Es tut mir sehr leid, dass dein Aufenthalt unter diesen Umständen entfallen muss.“

Ich bin fast schon ein wenig erleichtert, dass ich diese Entscheidung nicht alleine treffen musste.

Beitragsbild: Anna Kravcikova

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