Öffentlicher Strand von Beirut
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Libanon – Kleines Land, große Vielfalt

„Warum denn ausgerechnet im Libanon? Ist das nicht viel zu gefährlich? Und dann auch noch alleine als Frau.” Das ist wohl die Reaktion, die ich am häufigsten zu hören bekomme, als ich Familie und Freunden von meinen Plänen erzähle, ein Praktikum bei einer Organisation in Beirut zu machen.

Zugegeben, die Reaktion ist nicht ganz unberechtigt. Auf der Seite des Auswärtigen Amtes etwa wird auch zehn Jahre nach dem letzten Libanonkrieg noch vor Reisen in einige Teile des Landes gewarnt. Und bekanntermaßen ist das von Konflikten geplagte Syrien ein Nachbarland. Aleppo liegt gerade einmal fünf Autostunden von Beirut entfernt.

Davon will ich mich aber nicht einschüchtern lassen und freue mich auf spannende Erfahrungen und Einblicke in die libanesische Kultur. Und ohne zu viel vorwegzunehmen: Ich werde nicht enttäuscht. Das Land zeigt sich mir in seiner ganzen Vielfalt. Sonne, Meer und Berge, fantastisches Essen sowie sehr herzliche und gastfreundliche Menschen – all das ist wirklich ein Traum!

Beirut bei Nacht (Foto: Anja Engelke)
Beirut bei Nacht (Foto: Anja Engelke)

Meinen allerersten Blick auf die glitzernden Lichter der Stadt erhasche ich beim Landeanflug. Noch sehen die Häuser winzig klein aus, in Wahrheit sind sie schwindelerregend hoch. Die Fahrt zu meiner Unterkunft ist ein Abenteuer. Verkehrsregeln gibt es auf den ersten Blick keine. Vorfahrt hat derjenige, der am lautesten hupt oder sich am geschicktesten zwischen den anderen Autos hindurch schlängelt. Auch nachts ist die Stadt belebt, die meisten Geschäfte haben geöffnet und das Hupen der Autos mischt sich mit mehrsprachigem Stimmenwirrwarr und arabischer Musik. Als absoluter Star und „Mutter der libanesischen Nation” gilt Sängerin Fairuz, die mit stolzen 81 Jahren mittlerweile ihr Leben im Ruhestand genießt.

Kreuzfahrerburg in Byblos (Foto: Anja Engelke)
Kreuzfahrerburg in Byblos (Foto: Anja Engelke)

An Kultur hat der Libanon auch sonst viel zu bieten. Lohnenswert ist ein Besuch des Nationalmuseums für Archäologie, das einen Überblick über die Geschichte des Landes bietet. Das Highlight: ein ganzer Saal voller Sarkophage, in dem mit gedimmtem Licht und dem Brummen der Belüftungsanlage eine unheimliche Atmosphäre erzeugt wird. Wer lieber selbst auf Erkundungstour geht, sollte den Ausgrabungsstätten in Byblos (Jbeil) und Tyros (Sur) einen Besuch abstatten. Dort lassen sich eine Kreuzfahrerburg, der Tempel der Obelisken und die Überreste eines römischen Hippodroms bestaunen. Tyros ist außerdem berühmt für seinen Hafen, während der Old Souk in Byblos mit vielen kleinen Geschäften und Restaurants lockt.

Hafen von Tyros (Foto: Anja Engelke)
Hafen von Tyros (Foto: Anja Engelke)

In der Nebensaison ist es in beiden Städten ruhig. Das wird sich im Sommer ändern, wenn die Straßen von Touristen bevölkert werden. Jetzt jedoch genieße ich die Auszeit vom chaotischen Treiben in der Hauptstadt. Abends geht es zurück nach Beirut, in die Stadtteile Hamra oder Achrafieh, die für ihr Nachtleben bekannt sind. In vielen Restaurants wird Livemusik gespielt und die Gäste tanzen. Es kommt mir so vor, als ob die Stadt bei Nacht sogar noch mehr zum Leben erwacht. Einziger Nachteil: Alkohol ist hier sehr teuer.

Generell ist das Leben in der Stadt nicht gerade preiswert. In den Szenevierteln im Norden sind die Mieten für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich. Die großen Shopping Malls mit allen bekannten amerikanischen und europäischen Marken lassen Modeherzen höher schlagen. Birkenstock befindet sich hier Tür an Tür mit Prada und Michael Kors, daneben Fastfoodketten wie Dunkin Donuts, Burger King und Frank Würst. In Letzterer werden „deutsche” Hotdogs aller Art verkauft.

Foul ist ein traditionelles libanesisches Frühstück (Foto: Anja Engelke)
Foul ist ein traditionelles libanesisches Frühstück. (Foto: Anja Engelke)

Essen spielt im Libanon eine wichtige Rolle. Ein traditionelles Abendessen besteht aus Vorspeisen (Mezze), die man sich mit allen am Tisch teilt. In nahezu jedem Restaurant bekommt man Hummus, die Salate Tabouleh und Fatouche, gegrillten Halloumikäse, Kartoffeln und Kibbeh, Klöße aus Bulgur und Hackfleisch. Statt mit Besteck wird alles mit dem typischen libanesischen Fladenbrot gegessen, das zu jedem Essen gereicht wird. Auch das traditionelle Frühstück ist sehr reichhaltig. Zu Hummus und Foul, einem Gericht aus Bohnen, werden frisches Gemüse und Brot gereicht oder man entscheidet sich für Mana’eesch, eine Art Pizza, die mit Kräutern, Käse oder Fleisch belegt wird. Sehr zu empfehlen!

An die libanesische Küche habe ich mich schnell gewöhnt. Auch sonst überwiegen definitiv die schönen Erfahrungen. Sie lassen mich schnell die täglichen Stromausfälle, das Verkehrschaos und das Militär vergessen, das an vielen Straßenecken und vor öffentlichen Gebäuden platziert ist. Fotografieren ist dort streng verboten. Zu groß ist die Angst vor Terroranschlägen, zu präsent sind die Erinnerungen an den letzten Libanonkrieg. Unsicher fühle ich mich in der Stadt jedoch nicht. Vielmehr ist das Militär einfach ein Bestandteil des Alltags und wird von den Einheimischen nicht anders wahrgenommen als hierzulande die Polizei oder das Ordnungsamt. Auch von Terroranschlägen bekomme ich während meines Aufenthalts nichts mit. Zwar sind die Spuren des letzten Krieges noch in der Stadt zu sehen, viele Gebäude etwa wurden noch nicht vollständig renoviert, doch im Alltag merkt man den Menschen davon nichts an. Sie empfangen Fremde herzlich und gastfreundlich und begeistern mich mit ihrer Offenheit. Die meisten Einheimischen sprechen Englisch oder Französisch, daher komme ich auch ohne Arabisch gut zurecht. Und wenn ich mich mal wieder in der Stadt verlaufen habe, weil die vielen kleinen Gassen keine Straßennamen tragen, helfen mir die Menschen auf der Straße gerne weiter, notfalls mit Google Maps.

Der Libanon ist definitiv eine Reise wert und ich habe mir fest vorgenommen, schon bald zurückzukehren. Und zwar alleine. Als Frau.

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