Steckbrief eines jungen Flüchtlings – Auszug aus einem studentischen Projekt bei AsA
Sonderausgabe: Neues Land – neue Heimat?

Ausbildung statt Abschiebung

Steckbrief eines jungen Flüchtlings – Auszug aus einem studentischen Projekt bei AsA
Steckbrief eines jungen Flüchtlings – Auszug aus einem studentischen Projekt bei AsA

Auf der Flucht ohne Eltern – das ist für viele Kinder und Jugendliche Realität. Gemeinnützige Vereine wie AsA e.V. aus Bonn versuchen sie zu unterstützen, doch die große Anzahl an Neuankömmlingen stellt Politik und Gesellschaft einerseits vor Herausforderungen, andererseits vor Chancen, die es zu nutzen gilt.

Von Christine Krüger

Zukunftsängste hat wahrscheinlich jeder (junge) Mensch: Schaffe ich meinen Abschluss? Werde ich einen Job finden, der mir Spaß macht? Kann ich von dem Gehalt ein gutes Leben führen? Aber was, wenn zu diesen Fragen auch noch andere hinzukommen wie: Kann ich meine Ausbildung überhaupt beenden? Oder werde ich vorher schon abgeschoben? Wie lange kann ich noch in Deutschland bleiben?

Mit solchen Fragen sehen sich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (kurz UMF) konfrontiert, also Jugendliche und Kinder, die ohne sorgeberechtigte Begleitung aus ihrem Heimatland in ein anderes Land flüchten oder dort zurückgelassen werden. Während 2014 laut Angaben der Bundesländer noch ca. 10 000 Minderjährige bei den Jugendämtern in Obhut genommen wurden, ist die Anzahl laut Bundesfachverband UMF und Diakonie im Januar 2016 auf ca. 60.000 UMF angestiegen. Das stellt die betreffenden Behörden vor große Herausforderungen und die Hilfe, die den Kindern zusteht, kann nicht mehr in vollem Ausmaß gewährleistet werden.

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Einzelförderung wird bei AsA groß geschrieben. (Foto: Christine Krüger)

Aber von vorne: Jugendliche, die ohne sorgeberechtigte Begleitung nach Deutschland kommen, werden zunächst von den Jugendämtern aufgenommen. Im sogenannten Clearingverfahren wird dann unter anderem eingeschätzt, wie alt die Jugendlichen sind, in welcher psychischen und physischen Verfassung sie sich befinden, und ob sich Familienangehörige in Deutschland befinden. Wie detailliert das Verfahren abläuft, hängt vom jeweiligen Bundesland ab.

Die minderjährigen Flüchtlinge haben meist keinen festen Aufenthaltsstatus, sondern werden in Deutschland lediglich geduldet. Unter Duldung versteht man die „Aussetzung der Abschiebung“, was bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen zwar ausreisepflichtig sind, aber nicht abgeschoben werden. Die Duldung kann jederzeit widerrufen werden, sodass die Betroffenen in ständiger Ungewissheit über ihre Zukunft leben. In der Regel werden sie bis zur Volljährigkeit geduldet. Dann kommt es darauf an, ob sie die Bedingungen für einen Aufenthaltstitel nach §25a des Aufenthaltsgesetzes erfüllen, also zum Beispiel seit 4 Jahren eine Schule in Deutschland besuchen bzw. hier einen Schul- oder Berufsabschluss erworben haben.
Wer jedoch erst mit 15 Jahren oder älter nach Deutschland kommt, schafft es eventuell zeitlich nicht, diese Auflagen zu erfüllen. Für sie und für andere junge Flüchtlinge, die schon volljährig sind, bleibt dann die Möglichkeit, ins Asylverfahren zu gehen, welches mitunter sehr langwierig und frustrierend sein kann.

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Organisation, die sich genau für diese Gruppe einsetzt, ist der Bonner Verein AsA e.V.. Der Name steht für „Ausbildung statt Abschiebung“. Das Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. 2001 gegründet, helfen sie den Jugendlichen dabei, sich weiterzubilden und somit ihre Chancen zu verbessern.
Junge Flüchtlinge finden hier eine Anlaufstelle, um Beratung zu ihrer rechtlichen Situation zu erhalten, am Förderunterricht teilzunehmen und/oder Hilfestellung beim Bewerbungsprozess um einen Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen. Sie bieten den Jugendlichen zusätzliche Angebote an, um die Zeit in Deutschland und besonders bis zur Entscheidung über ihren zukünftigen Aufenthaltsort effektiv zu nutzen. Bastian Zillig, Leiter des Lernzentrums bei AsA, erklärt, sie versuchten vor allem Jugendlichen zu helfen, die sonst Schwierigkeiten haben, Unterstützung zu bekommen. Das liegt zum einen am Alter, da Minderjährige bevorzugt behandelt werden, oder an der Herkunft. Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Iran, Irak und Eritrea, in denen Krieg und Terror herrscht, haben eine sogenannte „gute Bleiberechtsperspektive“ und deswegen bessere Chancen, an Integrations- und Deutschkursen teilzunehmen. Die Jugendlichen bei AsA kommen aus ca. 30 verschiedenen Ländern, der Großteil aus Afghanistan und Guinea. Die meisten von ihnen erfahren durch die Wohngruppen, in denen sie am Anfang untergebracht werden, von dem Verein. Die anderen durch Hörensagen von Freunden.

Toupé aus Guinea wünscht sich, seine Ausbildung in Deutschland beenden zu können. (Foto: Christine Krüger)
Toupé aus Guinea wünscht sich, seine Ausbildung in Deutschland beenden zu können.
(Foto: Christine Krüger)

So auch der 23-jähige Toupé aus Guinea. Er ist seit 4 Jahren in Deutschland und hat gerade eine Ausbildung als Elektroniker angefangen. Er kommt noch ab und zu zur AsA, um sich Rat für seine rechtliche Situation zu holen. Früher hat er hier Nachhilfe in Deutsch genommen. „Es hat mir sehr geholfen. Ich konnte immer direkt Fragen stellen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. In der Schule blieb dafür keine Zeit, weil wir zu viele Leute waren“, erzählt Toupé.
Diese Art der Einzelförderung ist die Grundidee von AsA. Dafür engagieren sich etwa 70 Ehrenamtliche beim Verein – von Studenten über Berufstätige bis hin zu pensionierten Lehrern. Nichtsdestotrotz stößt auch AsA in den letzten Monaten an seine Grenzen.
„Jetzt aus der Not geboren haben wir angefangen, komplette Deutschkurse zu organisieren. Vormittags finden die Kurse statt und nachmittags die Nachhilfe“, berichtet Zillig. So versuchen sie, möglichst vielen jungen Flüchtlingen zu helfen, denn die Schulen kommen mit den Sprachkursen nicht mehr hinterher. In NRW haben junge Flüchtlinge ein Recht auf einen Schulplatz und das Land ist somit verpflichtet, das zu gewährleisten. Doch die Kapazitäten reichen momentan nicht mehr aus. Ähnlich sieht es beim Wohnraum aus. Hier fehlen bezahlbare Wohnungen. Ein Problem, das nicht nur Flüchtlinge in Deutschland betrifft, jedoch würde es ihnen einen Start in ein selbstständiges Leben erleichtern, fernab von überfüllten Asylbewerberheimen.
Auch Toupé möchte auf eigenen Beinen stehen, die Ausbildung ist ein erster Schritt dahin. Im Moment hat er nur den Status der Duldung, seine Zukunft ist somit ungewiss. Er ist frustriert über das politische System hier, denn er hat den Eindruck, dass Leuten wie ihm Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie versuchen durch Bildung und Arbeit selbstständiger zu werden. Trotzdem hat er einen Betrieb gefunden, der ihn ausbilden möchte und hofft, dass er die Möglichkeit nutzen kann. „Mein Ziel ist es, eine Ausbildung abzuschließen, damit ich später in Deutschland, meiner Heimat oder irgendwo anders eine gute Arbeit finden kann. Wenn ich keine Ausbildung habe, stehen die Chancen schlecht für mich“, erzählt er.

Gebt den Leuten eine Chance und sie ergreifen sie mit beiden Händen

AsA ermuntert die Jugendlichen immer wieder, die Zeit hier in Deutschland zu nutzen, die Sprache zu lernen, Praktika zu machen oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Mittlerweile hat der Verein viele Kontakte zu Unternehmen und Betrieben knüpfen können, die Flüchtlingen gegenüber offen sind. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass die Jugendlichen über ein Praktikum eine Ausbildungsstelle bekommen haben. Die haben geglänzt im Praktikum und dadurch überzeugt. Das erleben wir so oft: Gebt den Leuten eine Chance und sie ergreifen sie mit beiden Händen“, erzählt der Leiter des Lernzentrums. „Mittlerweile melden sich auch Betriebe gezielt bei uns. Wir haben einen Ausbildungsplatz frei. Habt ihr nicht jemanden, der eine Ausbildung braucht?“
Die meisten sind sehr motiviert, nehmen die Hilfe gerne an und fühlen sich beim Verein wohl.
„Wir haben so gut wie keine Probleme mit Konflikten unter den Jugendlichen hier, obwohl sie aus unterschiedlichen Ländern kommen, die teilweise miteinander verfeindet sind. Es ist wirklich etwas sehr kostbares, dass hier ein friedlicher Ort existiert. Die Leute kommen freiwillig hierhin, das wissen die meisten schon sehr zu schätzen“, berichtet Zillig.
Der Bonner Verein zeigt, wie Integration gelingen kann: den Flüchtlingen helfen, Perspektiven aufzuzeigen und sie zu fördern. Sie beweisen, dass sowohl von Seiten der Jugendlichen, als auch von den Betrieben eine große Bereitschaft besteht, zusammenzuarbeiten und somit die Integration der jungen Flüchtlinge zu unterstützen.

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