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Auf die Goldwaage legen

Der 25. Februar markiert einen neuen Abschnitt, was die Berichterstattung über das Coronavirus betrifft: An jenem Abend wurde öffentlich, dass sich ein Ehepaar im Kreis Heinsberg infiziert hat. Wie sind Journalisten – vor allem in Agenturen – mit dem Nachrichtenfluss in der Krise umgegangen? Ein Essay.

Von Sabrina Szameitat

Es ist Dienstagabend, 25. Februar, kurz nach den Rosenmontagszügen in den Karnevals-Hochburgen Düsseldorf und Köln, als auf dem Bildschirm des Smartphones diese Push-Mitteilung aufploppt: „Erste Infektion mit Coronavirus auch in Nordrhein-Westfalen“. Mehr Details, dass sich wohl ein Ehepaar auf einer Karnevalsfeier im Kreis Heinsberg – genauer gesagt im Örtchen Gangelt – angesteckt haben soll, werden später nach und nach der Öffentlichkeit mitgeteilt: Dass die Infizierten zwei Kinder haben und einen Kurzurlaub in den Niederlanden gemacht haben, dass die Ehefrau Erzieherin ist. Dass jetzt auch die Stadt Mülheim ein Badminton-Turnier wegen des neuartigen Coronavirus verbietet.

Schlagzeilen wie diese kursieren auf allen möglichen Onlineseiten, in Print-Aufmachern oder in den Radionachrichten. Das Coronavirus hat zu dem Zeitpunkt nun endgültig auch die deutsche Medienlandschaft erreicht – zu früh?

Bereits Ende Januar hatte sich ein 33 Jahre alter Mann aus Bayern bei einer chinesischen Kollegin angesteckt, er galt als erster Coronavirus-Infizierter in Deutschland. Auch dort hatte sich rund um den Fall ein beachtliches Medienecho gebildet, das aber recht schnell wieder abgeklungen war.

Betrachtet man jedoch die Berichterstattung rund um die Akte Heinsberg, fällt auf: Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Infektion in dem nordrhein-westfälischen Ort wurden einschlägige Nachrichtenticker dominiert von Corona. Dies lässt sich etwa am Newsticker der Deutschen-Presse-Agentur, der laut eigenen Angaben größten Nachrichtenagentur in Deutschland, ablesen.

Mit rund 600 Meldungen im Basisdienst pro Tag und 179 Gesellschaftern im In- und Ausland ist sie der marktführende Nachrichtenanbieter im Land. Gesellschafter sind Akteure aus der deutschen Medienlandschaft – zum Beispiel der Springer-Verlag oder die Funke-Mediengruppe –, die zugleich auch Kunden der dpa sind. Das heißt: Sie zahlen für die journalistischen Inhalte der Agentur, aber finanzieren sie auch gleichzeitig. Dpa-Berichte können Leser*innen deshalb auf den Internetseiten von verschiedenen Medien nachschlagen, wie zum Beispiel auf der Seite der Süddeutschen Zeitung. Dort laufen die tagesaktuellen Meldungen (größtenteils) automatisiert ein.

Vom lokalen Ereignis zum globalen Event

Zurück nach Heinsberg: Die dpa belieferte ihre Kund*innen jedenfalls mit einer Vielzahl von journalistischen Stücken rund um das Coronavirus, die wiederum die Inhalte auf ihren Onlineseiten oder in Printausgaben platzierten. Hier zeigt sich der große Einfluss einer Agentur auf die nationale Berichterstattung bzw. auch auf das Framing eines bestimmten Themas in der Öffentlichkeit. „Nachrichtenagenturen strukturieren die Wahrnehmung der Welt. […] Agenturen selektieren, klassifizieren und redigieren Informationen“, schreibt Dr. Volker Barth, Professor für Kultur- und Mediengeschichte, dazu. Und: „Sie entscheiden, welches lokale Ereignis zum globalen Event avanciert. Damit definieren, formatieren und hierarchisieren sie Wissensbestände.“

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Nicht selten platzieren Printzeitungen journalistische Stücke von Nachrichtenagenturen in ihren Ausgaben. Foto: MichaelGaida/Pixabay

Eine Berichterstattung im Minutentakt über ein aktuelles, für die Öffentlichkeit enorm akutes Thema wie die Verbreitung des Coronavirus ist außerordentlich relevant, keine Frage. Wichtig bleibt dabei aber, dass Medien – und besonders Nachrichtenagenturen aufgrund ihrer großen Reichweite – immer ihre Verantwortung im Bewusstsein behalten. Ob die nahezu minütliche Publikation von Corona-Nachrichten kurz nach der Heinsberg-Infektion übertrieben oder verfrüht war, wird sich erst im Rückblick zeigen.

Im besten Fall, wenn die Pandemie weltweit überstanden wurde. Dann sollten wissenschaftliche Studien, zum Beispiel mithilfe einer Inhaltsanalyse, den Nachrichtenfluss unmittelbar nach dem Corona-Ausbruch in NRW analysieren. Was jedoch jetzt schon zu sagen ist: Gerade in Krisensituationen sollten Medien jedes Wort auf die Goldwaage legen. Denn schnell wurden Stimmen in den sozialen Netzwerken laut, die von „Panikmache“ oder gar einem erfundenen Virus sprachen.

Neue Studie zu „Corona-Fakes“: Ein Viertel der Deutschen glaubt an gezüchtetes Virus aus dem Labor

Nicht jeder dieser Nutzer*innen kann besänftigt werden, Journalist*innen sollten aber versuchen, das Stimmungsbild der Gesellschaft beim Schreiben ihrer Beiträge verstärkt im Hinterkopf zu haben. Eine Berichterstattung über leergefegte Toilettenpapier-Regale ist insofern relevant, als dass es sich dabei um ein neues, kurioses Einkaufs-Phänomen infolge der Corona-Krise handelt. Andererseits befeuert es Kund*innen im Supermarkt für Hamsterkäufe.

Wo zieht man die Linie bei der Berichterstattung, welche Worte müssen für eine möglichst neutrale Meldung benutzt werden? Fragen wie diese gilt es, als Journalist*in – sowohl in Nachrichtenagenturen als auch in Lokal- oder Regionalredaktionen – zu reflektieren. Auch eine journalistische Einordnung – etwa mithilfe von Statistiken, aktuellen Zahlen zum Coronavirus und so weiter – sollten weiterhin in die Berichte mit einfließen. Ein Beispiel: Sind 45 Neuinfektionen an einem Tag in NRW eher viel oder handelt es sich dabei um einen Abwärtstrend?

Eine repräsentative, globale Studie im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung hat erstmalig gezielt Aussagen zu „Corona-Fakes“ ausgewertet. Dazu befragten Wissenschaftler*innen rund 7300 Menschen aller Altersklassen aus Ländern wie Deutschland, USA oder Indien. Die Mitte Juli veröffentlichen Ergebnisse zeigen unter anderem: „Ein Viertel aller deutschen Befragten gibt an, das Corona-Virus sei in einem chinesischen Labor gezüchtet worden.“ 13 Prozent in Deutschland glauben zudem, dass es sich beim Corona-Virus um eine chinesische Biowaffe handle. Wenn Zahlen, Wörter und bestimmte Themen rund um eine Krisen-Berichterstattung mehr auf die Goldwaage gelegt werden, könnten dann solche Aussagen vielleicht nicht sogar verhindert werden?

[Beitragsbild: Fotografiekb/Pixabay]

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