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ArtNight mit Tanja Meyer

Der Kunst-Workshop „ArtNight“ zieht in Bonn von Lokal zu Lokal und versammelt Menschen zum gemeinsamen Malen. Kann Tanja Meyer die Künstlerin in mir erwecken? Nach einem Gespräch über Mut in der Kunstbranche, Van Gogh auf Absinth und ihrem absoluten Traumberuf als Illustratorin wage ich den Selbstversuch.

von Beritan Alpavut   

Im Kindergarten hat man immer ganz bestimmte Berufswünsche. Ich wollte damals Künstlerin oder Astronautin werden. Nun bin ich heute weder noch, aber gewisse Art Hoe Vibes sind in meinem Leben unverkennbar, wenn man sich die Matisse Postkarten an meiner Pinnwand oder meinen Frida Kahlo Kalender ansieht. Und genau da hört meine Künstlerkarriere auch schon auf, da ich meinen letzten Pinselschwung im Kunstunterricht in der Schule wagte. Oder fängt sie heute erst so richtig an? Der Gedanke an die ArtNight macht mich schon bei der Klamottenwahl nervös. Was trägt man beim Malen? Vielleicht nicht die neue weiße Bluse. Ich entscheide mich für ein NASA-Shirt.

Tanja kurz vor der ArtNight | Foto: Beritan Alpavut

„Jeder kann malen“ lautet das Versprechen der ArtNight-Veranstalter. Stimmt das? Oder gibt’s Menschen, die lieber die Finger von Pinsel und Farbe lassen sollten? „Nein, eigentlich nicht!“ Tanja bereitet im Veranstaltungsraum des Anno Tubac die ArtNight für ihre Gäste vor. Leinwand, Pinsel und Schürze verteilt sie zügig an jeden Platz. „Ich glaube, was den Leuten im Weg steht ist die Unsicherheit. Das Schwierigste an solchen Abenden ist, sich zu trauen und nicht darüber nachzudenken. ‚Einfach mal machen‘ ist da die Devise.“ Die gebürtige Ostfriesin muss es wissen, schließlich hat sie bereits zahlreiche Workshops gegeben und kann es kaum erwarten, die heutige ArtNight zu starten. Tanja liebt ihren Job durch und durch. Während ihres Kommunikationsdesign-Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Illustration. Sie setzt sich zu mir, als alles an Ort und Stelle platziert ist. Tanja strahlt und gestikuliert beim Sprechen.

„Ich dachte eigentlich, dass ich Grafikdesignerin werde. Als ich dann beim Studium die Entscheidung zwischen dem Fachbereich Illustration oder Grafikdesign treffen musste, war mir total klar, dass ich auf gar keinen Fall den Pinsel aus der Hand legen und am Computer sitzen werde. Es war eine totale Bauchentscheidung.“ Eine perfekte Zukunftsaussicht ist normalerweise nicht das Erste, das man mit einem gestalterischen Studium in Verbindung bringt. Aber Zweifel gab es bei Tanja kaum. Sie habe „total naiv und romantisch“ darüber nachgedacht. Neben einer gesunden Portion Optimismus gehören aber auch Ausdauer und Durchhaltevermögen zu ihrem Beruf.

„Man muss mutig sein. Es ist nicht ganz einfach, sich durchzuboxen. Man muss Spaß daran haben, immer weiter zu machen, auch wenn mal keine bezahlte Phase in Aussicht ist. Also immer weiterarbeiten, Portfolioarbeit machen und das total ausleben. Ansonsten gehst du unter.“

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Tanja entdeckt ihre Illustration im Chefkoch Magazin | Foto: Tanja Meyer (Instagram)

Gute Arbeit macht sich bezahlt. Das bisherige Highlight ihrer Karriere ist für Tanja der Moment, als der Auftrag von ihrem ersten namhaften Kunden reinkam. Für das Chefkoch Magazin erstellt sie bunte und lebhafte Food Illustrationen. Und auch der GU Verlag kooperierte mit Tanja für sechs Bücher der Reihe Happy & Healthy Kitchen. Von Avocados über Blaubeeren bis hin zum Kürbis ist alles dabei. „Wenn du ein Obst oder Gemüse wärst, was wärst du am liebsten?“, frage ich sie. – „Eine Erdbeere.“ Ich frage nach dem Grund. „Rund und rot.“ Wir lachen beide laut auf und ich kann es nicht lassen, mir Tanja als eine riesige Erdbeere vorzustellen. Danach widme ich mich wieder meinen ernsteren Fragen.

Tanja hat nicht nur Essen im Kopf. In ihren Werken finden sich auch Illustrationen von Menschen, Tieren, Reiseberichten und Alltagssituationen. An ihrem „aquarelligen, locker leichten Stil“ habe sie lange gefeilt und ist heute damit ganz glücklich. Illustrationen eine eigene Note zu verpassen, sei Tanja besonders wichtig, damit die Kunden mit einem Blick ins Portfolio eine Vorstellung davon haben, was sie am Ende bekommen.

„Was macht deine Kunst so besonders?“ – „Ich habe eine einfache Bildsprache und bin nicht die größte Metaphorin. Es ist immer sehr einfach zu verstehen und locker leicht, aber auch lustig. Wenn ich für mich selber arbeite, kommen da meistens lustige Karten mit doofen Sprüchen bei raus.“ Ihre Karten verschenkt Tanja am Ende jeder ArtNight an ihre Workshopteilnehmer. Ich erwähne das Motiv mit dem Koala, das ich auf ihrer Website zuvor entdeckt hatte. „Die habe ich sogar auch dabei! Die gehört dann dir!“

Illustration: Tanja Meyer

Wir werden von den ersten Gästen unterbrochen, die Tanja freudig willkommen heißt. Mit ihrer von Farbflecken zugekleisterten Jeanshose und der mit ihrem Namen versehenen Schürze gibt sie dem Raum des Anno Tubac mit seinen mintgrünen Wänden ein richtiges Atelier-Feeling. Assistentin Lani weist die nach und nach eintreffenden Workshopteilnehmer ein und läuft mit ihren gelben Gummistiefeln quer durch den Raum, damit alle einen zufriedenstellenden Platz bekommen. Doch bis es losgeht, wendet sich Tanja wieder mir zu. Auch wenn sie ihre Berufung gefunden zu haben scheint, möchte ich von der selbstsicheren Illustratorin wissen, was sie heute machen würde, wenn sie diesen Karriereweg nicht eingeschlagen hätte. Sie lacht und sagt: „Wahrscheinlich Forensik. Wenn ich nicht hätte malen können, wäre ich allerhöchstwahrscheinlich im Labor gelandet“. Allerdings ist sie davon heute genauso weit entfernt wie ich von der NASA-Karriere. Und das ist vielleicht auch gut so, wenn man sich ihre bisherigen Erfolge seit ihrem Hochschulabschluss 2013 anschaut.

„Für welchen Kunden würdest du gerne in Zukunft noch arbeiten?“ – „Ich würde gerne für das Flow Magazin illustrieren, weil sie insgesamt schon sehr tolle Künstler haben und sich so viel Mühe geben, ihre Artikel absolut hübsch zu gestalten. Ich liebe die Farben und besonders die Themen, die behandelt werden.“ Tanjas Ziel ist es außerdem, noch mehr in die Buchveröffentlichung zu gehen. Sie wünscht sich einmal ein Jugendbuchcover zu illustrieren. Inspirationen holt sie sich gerne bei der Comiczeichnerin Barbara Yelin, bei der sie 2012 ein Praktikum gemacht hat. Des Weiteren faszinieren sie die Werke der Illustratoren Brecht Evens und Romy Blümel. Insgesamt seien es meistens moderne Künstler, die sie inspirieren. Aber auch über einige aus der Vergangenheit kommen wir zu sprechen, als ich sie frage, welche drei Künstler sie auf eine Pyjamaparty einladen würde. „Frida Kahlo! Ich hätte gerne Van Gogh dabei, weil ich wissen wollen würde, wie er auf Absinth so abgeht… und wahrscheinlich Verena, meine Kollegin von ArtNight, weil die super lustig ist.“

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Foto: Beritan Alpavut

Absinth gibt es für mich heute Abend nicht, schließlich will ich meinem Kindergartentraum nachgehen – und dafür braucht es Konzentration. Ich bestelle eine Apfelschorle und ziehe die an meinem Platz bereitliegende Schürze über. Alle angemeldeten Workshopteilnehmer sind inzwischen angekommen und unterhalten sich mit ihren Nachbarn an den Gruppentischen. Das Thema der ArtNight ist diesmal Acrylcollage. Die workshopleitenden Künstler denken sich die Motive oftmals selbst aus und stellen diese ihren Kollegen deutschlandweit zur Verfügung. Sie entscheiden beispielsweise nach Jahreszeiten oder auch nach stadtbezogenen Besonderheiten. In Bonn wird im Frühjahr die Kirschblüte auf der Heerstraße angeboten, die aufgrund ihrer großen Popularität öfter ausverkauft ist. Viel gefragte Motive wiederholen sich dann auch.

„Es wird kurz und knackig, aber ihr werdet sehen was man in so kurzer Zeit alles schaffen kann!“ verspricht Tanja ihren Gästen selbstbewusst auf der kleinen Bühne. Und tatsächlich denke ich mir, wie wenig Zeit wir zur Verfügung haben, um unsere inneren Künstler zu erwecken. Ich zweifle daran, ob ich das Bild, das Tanja als Beispiel neben sich platziert hat, annährend so gut hinkriegen werde. Aber Lani und Tanja lassen während des knapp dreistündigen Workshops keine Minute ohne Mutzusprechung und Lob vergehen. Schritt für Schritt erklärt Tanja die ideale Vorgehensweise und gibt uns Weisheiten über Farbmischungen mit auf den Weg. In der Menge ertönt oft ein Seufzen und hier und da mal ein Hilfeschrei. Tanja weiß genau, wie sie mit verzweifelten Lehrlingen umgeht: Souverän pinselt sie etwas auf die Leinwand, doch nicht zu viel, denn jeder soll das Bild auf seine eigene Weise interpretieren. So entsteht das Portrait einer jungen Frau mit grünen, blauen, schwarzen und blonden Haaren. Hierbei kommen ganz individuelle Interpretationen des vorgegebenen Motivs heraus. Unter dem Lob-Regen komme auch ich irgendwann in Fahrt und wage ein paar Risiken, greife nach grellen Farben und denke mir „Let’s get crazy!“, wie Bob Ross eins sagte. So endet mein Portrait mit pinken Haaren und einem neon-gelben Shirt. „Richtig heiß!“, meint Lani. Und auch ich denke langsam, dass das Bild wirklich etwas hergibt.

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Foto: Beritan Alpavut

Tanja ist sichtlich zufrieden mit dem Abend. Das Tollste am gemeinsamen Malen ist für sie, dass man die Zeit vergisst und nicht auf das Handy schaut. Und auch meine Tischnachbarn sind höchst konzentriert und schlussendlich „super happy“ mit dem Ergebnis. Am Ende werden noch ein paar Fotos auf der Bühne mit den Werken geknipst und Tanja verteilt ihre Postkarten als Goodies zum Mitnehmen. Wie versprochen bekomme ich die mit dem süßen Koala geschenkt.

Ob aus mir noch eine grandiose Künstlerin wird ist fraglich. Und den Mond werde ich in diesem Leben aus nächster Nähe bestimmt nicht mehr sehen. Dennoch hat die ArtNight die Nostalgie meines Kindergartentraums und süße Erinnerungen an den Kunstunterricht aufleben lassen.

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