Ein Symbolbild zum Coronavirus, stellt eine Frauen mit Mundschutz und ein Handy dar, auf dem man Informationen erhalten kann
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Angst vor dem Nicht-Wissen: Wie schwierig ist es, als Gehörloser in Deutschland an Informationen über das Coronavirus zu gelangen?

In Zeiten der Corona-Krise ist es vielen Menschen auf der ganzen Welt wichtig, immer und überall über die neuesten Entwicklungen informiert zu sein. Doch stoßen viele gehörlose und schwerhörige Menschen an unüberwindbare Barrieren, um sich informieren zu können.

von Lisa Pauli

Wie viele Barrieren ein Gehörloser in Deutschland vor sich hat um an Informationen über das Coronavirus zu gelangen mag den meisten Menschen gar nicht bewusst sein. Es fängt an bei der fehlenden Gebärdensprachedolmetschung von Pressekonferenzen der Bundesregierung oder von Statements der Bundeskanzlerin, die live im Fernsehen laufen. Die Probleme gehen weiter bei der Informationssuche z.B. im Internet, da die meisten Informationen im Format Text bestehen und oft in wissenschaftlicher Sprache formuliert sind. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist nicht deckungsgleich mit der Deutschen Sprache, die Grammatik und der Satzbau sind teilweise komplett verschieden. Für viele Gehörlose ist DGS die Muttersprache und Deutsch die Zweitsprache, weshalb der Zugang zu Information erschwert werden kann, wenn die Informationen ausschließlich auf Deutsch gegeben werden (ein ähnliches Problem haben auch Migrant*innen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist). 

Barrierekette setzt sich fort

Die Probleme setzten sich dann fort, wenn man sich über die Telefonhotline, die die Bundesregierung eingerichtet hat, Informationen über das Coronavirus beschaffen möchte. Telefonieren schafft für viele Gehörlose eine unüberwindbare Barriere, wenn nicht Strukturen gegeben sind, die die Betroffenen unterstützen (wie z.B. ein Videochat in DGS). Viele Gehörlose haben auch weitere Vorerkrankungen, die bei einer Coronavirus Ansteckung zum Problem werden könnten, es wird ihnen allerdings erheblich erschwert, an dementsprechende Informationen zu gelangen. 

Geht man nun also zum Arzt oder ins Krankenhaus stößt man wieder auf eine Barriere, da das Krankenhauspersonal oft keine Gebärdensprache spricht. Die Betroffenen können ihre behandelnden Mediziner nicht ausreichend über ihre Symptome informieren, die Ärzt*innen ihre Patient*innen nicht über das weitere Vorgehen oder die Diagnose. In einem Video von Lela Finkbeiner mit dem Titel “Kein Zugang zur Gebärdensprache bedeutet Gesundheitsrisiko” wird auf diese Barrierekette aufmerksam gemacht. 

Bestimmungen der UN-Behindertenrechtskonvention

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und so verbindlich versichert, die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen sicherzustellen. In Artikel 9 wird auf die Zugänglichkeit verwiesen, um Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an allen Lebensbereichen zu ermöglichen. In Artikel 21 heißt es dann:

“Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass […] Menschen mit Behinderungen für die Allgemeinheit bestimmte Informationen rechtzeitig und ohne zusätzliche Kosten in zugänglichen Formaten und Technologien, die für unterschiedliche Arten der Behinderung geeignet sind, zur Verfügung stellen.” Wenn man also die UN-Behindertenrechtskonvention als Grundlage nimmt, verstößt die Bundesregierung gegen sie. 

Forderungen von Aktivist*innen

Die Aktivistin Julia Probst hat nun eine Petition gestartet die mittlerweile fast 30.000 Unterschriften hat (Stand: 12.04.) um Jens Spahn und das Bundesgesundheitsministerium dazu aufzufordern, einen Gebärdensprachendolmetschenden in allen live Übertragungen über Corona einzusetzen, der mit im Bild zu sehen ist. Hier reicht kein livestream, da nicht alle Menschen internetaffin sind, weshalb eine Verdolmetschung im Fernsehen notwendig ist. 

Auch der Deutsche Gehörlosenbund formuliert drei Forderungen an die Bundesregierung: Zuerst einmal fordern sie das Bereitstellen von tagesaktuellen Informationen in Videoformat mit DGS und Untertiteln. Dann fordern auch sie eine simultane Gebärdensprachedolmetschung von Bundespressekonferenzen und anderen Statements über die aktuelle Entwicklung des Coronavirus im Fernsehen, damit sich auch Gehörlose live informieren können. Und zuletzt fordern sie eine Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten von Hotlines, z.B. über Videochat in DGS.

In einer Timeline über die Information zum Coronavirus die in DGS verfügbar wurden, die die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit erstellt hat, stellt man fest, dass es erst Ende Februar aktuelle Informationen in Gebärdensprache gab. Seitdem werden sich immer mehr Menschen des Problems bewusst, einige Bundesländer und PBundesminister*innen übertragen mittlerweile ihre Pressekonferenzen inklusive Gebärdensprachedolmetschung live. Doch scheint die Barrierefreiheit in vielen Bereichen immer noch ein Problem zu sein. 

 

Hier das Video von Lela Finkbeiner, das die Probleme Gehörloser in der aktuellen Situation beschreibt:

 

2 thoughts on “Angst vor dem Nicht-Wissen: Wie schwierig ist es, als Gehörloser in Deutschland an Informationen über das Coronavirus zu gelangen?

  1. Vielen lieben Dank Lisa, dass du das thematisiert hast!
    Ich finde es großartig, dass der medienblick auf das Thema aufmerksam macht!
    Alles liebe aus Bochum <3

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