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#alleswirdalltag – die Entwicklung der Solidaritätsbewegungen in der Coronakrise

Applaus auf den Balkonen: von Italien, nach Deutschland und in die ganze Welt. Als Dankeschön an Krankenpfleger*innen, Kassierer*innen oder Ärzt*innen. Kurz: für all die, die trotz Lockdown arbeiten, die eben systemrelevant sind. Gesammelt durch Hashtags wie #andratuttobene oder #alleswirdgut schwappte durch die sozialen Medien eine Welle der Solidarität. Jetzt, circa fünf Monate später, sieht man immer noch den ein oder anderen ausgeblichenen Regenbogen im Fenster hängen. Bei einigen ist es noch sehr präsent, bei anderen schon fast vergessen: Wir sind immer noch in der Krise. Und wurde wirklich alles gut? Vielleicht wurde es eher alltäglich.

Von Julia Lüthgen

Mandalas malen, dann zwei YouTube-Sportvideos, Spazieren gehen, kreative Masken nähen, schnell noch das Regenbogenbild ans Fenster hängen, sodass man zum virtuellen Weinabend mit den Freunden fertig ist. Ein klassischer Tag zu Beginn der Pandemie. „Auch endlich mal Zeit für das haben, was man sonst nicht macht“, waren Sprüche, die man oft zu lesen bekam. Jetzt gerade noch jeden Tag Mandalas zu malen, wäre irgendwie komisch. Denn es hat sich viel verändert. Und das ist ganz normal. Wir sind nicht mehr ganz am Anfang, wir haben schon ein paar Dinge gelernt im Verlauf der Krise. Hoffentlich zumindest. Aber war es dann nur ein Trend? Und gehören der Applaus und die vielen Posts auch dazu? Heißt das, Dankbarkeit ist nur ein Trend?

„Sobald Corona ansatzweise das erste Mal wieder in den Hintergrund rückte, sprach niemand mehr über die systemrelevanten Berufe.“

Kira ist 25 Jahre alt und Krankenschwester im Sauerland. Zu ihren Patient*innen gehören auch Coronaerkrankte. Auf dem Land habe sie das Klatschen zuerst gar nicht richtig mitbekommen. Als sie in den Medien davon hörte, war sie gespaltener Meinung. „Auf der einen Seite war es eine nette Geste der Menschen, die es wirklich ernst gemeint haben. Und auf der anderen Seite dachte ich mir: Na toll, sonst hat unsere Arbeit auch niemand wertgeschätzt.“ Heute empfindet sie das alles eher als Hype. „Denn sobald Corona ansatzweise das erste Mal wieder in den Hintergrund rückte, sprach niemand mehr über die systemrelevanten Berufe.“ Dass sie die Bewegung nicht als permanente Veränderung ansieht, liegt auch daran, dass Kira keinen richtigen Unterschied im Umgang mit Patient*innen und Angehörigen vor und nach den Dankesposts erkennen konnte. So richtig etwas geändert habe sich da nicht. „Außer, dass viele gefragt haben und neugierig waren, ob wir Corona-Patient*innen haben.“

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Während das kollektive Klatschen langsam verhallt, werden die Stimmen derjenigen immer lauter, die in den sozialen Medien Falschmeldungen über Krankenhauspersonal verbreiten. Die große Anzahl an Erkrankten ist glücklicherweise ausgeblieben, daher fällt es scheinbar leicht über uns herzuziehen. Wir werden ja aktuell nicht zwingend benötigt. Zumindest nicht von der breiten Masse. Noch vor wenigen Wochen waren wir die gefeierten Systemerhalter*innen. Und nun? Nun sind wir diejenigen, die angeblich Totenscheine fälschen, um die Anzahl der Coronatoten zu erhöhen. Wir sind die Schauspieler*innen und bestechlichen Lügner*innen, die dafür bezahlt werden zu behaupten, mit Covid-19-Patient*innen zu arbeiten. Ihr schürt unnötigerweise Ängste und Misstrauen. Ihr stellt unsere Professionalität und Integrität infrage und das, obwohl wir versuchen Menschenleben zu retten, Leid zu lindern, zu helfen, zu begleiten und zu unterstützen. Wir wollen einfach nur unserer Arbeit nachgehen, die momentan ohnehin teilweise unter erschwerten und hygienisch fragwürdigen Bedingungen stattfindet. Einer Arbeit, die auch ohne eure abstrusen Anschuldigungen und ohne Pandemie herausfordernd genug ist. Wenn ihr also das nächste Mal wirre Theorien und haltlose Behauptungen über medizinisches Personal aufstellt, dann denkt bitte daran, dass wir diejenigen sind, die Tag und Nacht für euch da sind, wenn ihr medizinische oder pflegerische Hilfe benötigt. Denkt daran, dass wir rund um die Uhr unser Bestes geben und für das Wohl unserer Patient*innen, Bewohner*innen und Klient*innen einstehen. Wir haben es nicht verdient, so behandelt zu werden. Es war absehbar, dass der Balkonapplaus nicht von Dauer sein würde, aber sind Beleidigungen, Unterstellungen und Lügen wirklich das, was davon übrig geblieben ist? #wasbleibtvomapplaus

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Bündeln, zusammenfassen und so Aufmerksamkeit erregen. Das ist die Macht des Hashtags. Und so auch die von #alleswirdgut. Er fasst die unterschiedlichsten Beiträge der unterschiedlichsten Menschen zusammen. Scrollt man durch diesen Feed, sieht man Post an Post mit Beifall, singenden Menschen und mutmachenden Gedanken. So erscheint eine digitale Welle der Solidarität und Dankbarkeit auf Twitter, Facebook und Co., die von den klassischen Medien wiederum aufgenommen und so vom Diskurs auf Social Media zum gesellschaftlichen Diskurs werden. Erst so erfuhr auch Kira wie viele andere von der Bewegung. Aber kann man hier eigentlich von Bewegung sprechen? Muss sich dafür nicht auch etwas bewegen? Muss sich dafür nicht auch etwas ändern?

Was sich aber für Kira änderte, war die Routine. Der Umgang mit Patient*innen und Symptomen wurde an die neue Situation angepasst, Hygienemaßnahmen täglich geändert, Verfahrensanweisungen und Vorschriften neu verfasst. Hinzu kam der Bürokram, der das alles mit sich zog. Hört sich nicht gerade nach entspanntem Mandalamalen an.

Von #alleswirdgut zu #alleswirdalltag?

Mit der Zeit gewöhnte sich die junge Krankenschwester an die zusätzlichen Herausforderungen. Das Gute daran, „systemrelevant“ zu sein war, dass Kira weiterhin normal Geld verdiente. So fühlte sich das Arbeiten im kompletten Lockdown für sie fast normal an. Alles wird irgendwann zum Alltag – auch Corona. „Covid19 ist jetzt nur eine weitere Krankheit, die zu unserem Beruf bzw. Leben gehört. Die Abstriche und Ähnliches gehören schon zum Standardverfahren.“

Marleen ist 22 Jahre alt und studiert Jura in Bonn. Auch sie stand im März auf ihrem Balkon und klatschte, um Danke zu sagen. Auf die Frage, wie sie jetzt darüber denkt, ist auch sie gespalten. „Ich bin froh, dass ich dabei war. Zu dem Zeitpunkt hat es sich gut angefühlt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, etwas zurückgeben zu können.“

„Mir ist schon klar, klatschen und ein netter Post bei Instagram reichen da nicht.“

Ihr ist dabei aber auch bewusst, dass es mit Klatschen nicht getan ist. „Mir ist schon klar, klatschen und ein netter Post bei Instagram reichen da nicht so. Die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich müssten besser werden und, und, und. Man muss auch bedenken, das alles war ganz am Anfang von Corona. Es hat sich halt auch echt viel verändert.“ Die Jurastudentin fände es trotzdem schön, wenn wir alle etwas von der Dankbarkeit, die wir zu Beginn gezeigt und gepostet haben, auch jetzt und nach Corona zeigen könnten. „Also nicht nur bei anderen, auch bei mir selber.“

Nach unserem Gespräch trifft sich Marleen noch mit ihrer Lerngruppe. Sie treffen sich jetzt jede zweite Woche online, um Fälle durchzugehen. „Irgendwie hat sich das jetzt so eingependelt, finde ich auch ganz okay eigentlich.“ Auch für sie gehört Corona zum Alltag, so wie für uns alle. Wie Kira passen auch wir unsere Routine an. Beim Rausgehen kurz checken: Schlüssel, Portemonnaie, Handy und Maske? Wir alle haben viel nach- und dazugelernt.

Es sind die kleinen Dinge.

Aus ihren Erfahrungen versucht Kira mitzunehmen, einfach alles ein bisschen mehr wertzuschätzen, vor allem unsere Freiheiten. Dazu gehören für sie auch und vor allem die kleinen Dinge wie Reisen oder Essengehen. Sprüche wie „Es sind die kleinen Dinge im Leben …“ kann man eigentlich nicht mehr hören. Aber vielleicht ist da ja doch etwas dran. Vielleicht ist es das, was wir alle mitnehmen können. Mehr Dankbarkeit gegenüber wichtigen Berufen und ihren Herausforderungen. Und Dankbarkeit für die kleinen Dinge.

 

Beitragsbild: kropekk_p/Pixabay

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