Bild von Spargel und Erdbeeren, dem Spargel wird mit einer Schere der Kopf abgeschnitten, soll die Ausbeutung in der Spargelproduktion symbolisieren
Aktuelles Gesellschaftsleben

Alles für den Spargel – Wie der Spargelhof Ritter in Bornheim seine Saisonarbeiter*innen ausbeutet

In Bornheim in der Nähe von Bonn laufen seit Freitag, dem 15.05.20 Streiks und Proteste gegen schlechte Bedingungen bei der Spargel- und Erdbeerernte. Der Spargelhof Ritter beschäftigt jedes Jahr hunderte von Saisonarbeiter*innen vor allem aus Rumänien die nach Deutschland kommen, um Spargel und Erdbeeren zu ernten.

 

Von Lisa Pauli

Saisonarbeit steht schon seit langem in der Kritik, da die beschäftigten Menschen aus Osteuropa oft nicht einmal den Mindestlohn bekommen für ihre körperlich sehr anstrengende Arbeit. Verteidigt wird dies oft mit dem Argument, dass die Menschen aus Osteuropa froh sind, in Deutschland Arbeit zu finden und sich mit schlechteren Bedingungen zufriedengeben, als ihre deutschen Kolleg*innen.

In der Kritik steht seit neuestem vor allem der Spargel- und Erdbeerhof Ritter in Bornheim. Denn der Hof hatte vor kurzem Insolvenz angemeldet und weigert sich nun, den Arbeiter*innen den Lohn zu zahlen, der ihnen vertraglich zusteht. Die Saisonarbeiter*innen, gemeinsam mit Arbeiter*innenverbänden wie der Freie Arbeiter*innen Union (FAU) Bonn streiken und demonstrieren nun seit Freitag für eine faire Bezahlung. Auch die Hygienezustände in den Unterbringungen in Containern auf dem Betriebsgelände werden stark angeprangert, Toiletten werden nur alle zwei Wochen gereinigt. Gerade in Zeiten von Corona sind mangelnde Hygienestandards ein großes Risiko, dem sich die Arbeiter*innen für weniger als den Mindestlohn aussetzen.

Bereits im Februar hatte Spargel Ritter die Insolvenz angemeldet, rechnete aber, so der Bericht des General Anzeigers, noch damit, durch die Spargelernte wieder genügend Einnahmen zu generieren, um die Schließung des Hofs abzuwenden. Auf einen sicheren Arbeitsplatz bis Saisonende verließen sich auch die per Flugzeug angereisten Saisonarbeiter*innen aus Rumänien. Die momentane Lage zeichnet allerdings ein ganz anderes Bild.

Insolvenzverwaltende kommen dann zum Einsatz, wenn das Insolvenzgericht ein Insolvenzverfahren eröffnet; der Verwaltende schafft dann einen Überblick über das pfändbare Schuldvermögen und teilt es auf die Gläubiger auf. Im Falle von Spargel Ritter ist dies die Kanzlei Schulte-Beckhausen & Bühs mit Sitz in Bonn. Die Kanzlei weigert sich allerdings seit Freitag, den Arbeiter*innen ihren vollen Lohn auszuzahlen, was die Arbeiter*innen vor eine Existenznot stellt. Ein Arbeiter berichtet davon, dass er nur 5 Euro ausgezahlt bekommen habe.

Am Dienstag, den 19.05. fanden deshalb vor dem Büro der Kanzlei Demonstrationen (angemeldet von der FAU Bonn) statt, um Druck auf die Kanzlei auszuüben. Die Kanzlei verschloss daraufhin ihre Türen und will künftig nur noch telefonisch und per Email erreicht werden.

Erik Hagedorn, Pressesprecher der FAU Bonn, äußerte sich dazu in einem Interview mit dem Medienblick: „Schon die Verträge sind darauf ausgelegt, die Löhne der Menschen weitestgehend zu drücken. […] Die Leute werden über den Tisch gezogen.“ Vertraglich sei den Erntehelfer*innen eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden zugesichert, in der Realität arbeiteten sie aber oft mehr als 10 Stunden am Tag, 6-7 Tage die Woche. Bezahlt werde nach gepflückten Erdbeeren, obwohl die Erfassung der befüllten Erdbeerkisten intransparent sei; dies führte zu großen Unterschieden im ausbezahlten Lohn der Arbeiter*innen.

„Die Unsicherheit der Leute scheint ein Mittel der Arbeitgeber zu sein, um die Leute gefügig zu machen“, so erklärt Hagedorn weiter. Die Arbeiter*innen aus Rumänien sprechen größtenteils kaum oder gar kein Deutsch. „Im schlimmsten Fall hat man etwa 300 Rumänen, die hier in ein paar Tagen in Bornheim obdachlos sind, weil ihnen teilweise auch das Geld für eine Rückreise fehlt.“

Die Vermutung liegt auch nahe, dass den Arbeiter*innen ungleich viel Lohn gezahlt wird, um sie gegeneinander aufzuspielen, damit sie nicht geschlossen miteinander in den Streik treten. Sollte dies die Strategie von Spargel Ritter gewesen sein, ist das wohl fehlgeschlagen. Wenn sich Bonner*innen mit den Saisonarbeiter*innen solidarisieren wollen, ist es allerdings noch nicht zu spät. Für die aktuellsten Entwicklungen kann man dem Twitter Account der FAU Bonn folgen. Bei den Demos wird darauf geachtet, dass Abstandsvorgaben eingehalten werden und alle Teilnehmer*innen mit Mundschutz ausgestattet werden. Vor allem aber, darauf weist Erik Hagedorn von der FAU Bonn hin, solle man sich mehr Gedanken darüber machen, unter welchen Bedingungen Obst und Gemüse aus der Region produziert wird.

Die Website von Spargel Ritter ist mittlerweile nicht mehr auffindbar, die Firma hat auch bisher noch kein Statement für die Presse veröffentlicht.

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