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Alles für 3 ½ Minuten

Offene Wertung: Fünf Zahlen – Gekreische, Umarmungen und Freudentränen. Direktaufstieg für die Jazz- und Modern-Turnierformationen Devotion und Release des Tanz Sport Club-Brühl. 2017 war ein Erfolgsjahr. Nun steht die Saison 2018 kurz bevor: Sondertraining. Blaue Flecken. Muskelkater. In 3 ½ Minuten Choreografie steckt mehr, als man denkt.

von Carolin Weidner

Jazz- und Modern Dance? Tänzerinnen und Tänzer stehen oft vor der Herausforderung diesen Stil zu erklären. Meine Mittänzerinnen aus den Formationen Release (2. Bundesliga) und Devotion (Regionalliga) geben ihr Bestes. Gar nicht mal so einfach. Zugegeben, der Name ist irreführend, denn auf Jazzmusik muss nicht getanzt werden, das erwähnt Tänzerin Alex (19) jedes Mal, wenn sie Jazz- und Modern Dance, kurz JMD, ihren Freunden erklärt: „JMD muss man sehen, um es zu verstehen.“ Tänzerin Lara (23) beschreibt ihn als modernen und zeitgenössischen Tanz, der barfuß ausgeführt wird. Keine Jazzmusik, keine Schuhe – übrig bleibt ein Stil, der von vielen Richtungen beeinflusst ist. Die Vielfalt und Möglichkeiten der Bewegungen begeistern alle Tänzerinnen und sorgen dafür, dass es nie langweilig wird.

© Florian Winands
Auch Hebungen gehören zu jeder Choreografie dazu. © Florian Winands

„Im Prinzip können wir alles neu erfinden“, so Tänzerin Julia. Und genau das ist die Herausforderung für Trainerin Alex (30) – sich immer wieder neu erfinden. Dabei helfen ihr verschiedene Musikrichtungen und Themen, um neue Choreographien zu entwickeln. Diese zeichnet sich durch einen roten Faden und einer Thematik aus, die die Tänzerinnen verinnerlicht haben. Die Tanzschritte sollen Wiedererkennungswert haben und Überraschungsmomente liefern. Alex hat aber besonders einen Anspruch an sich: „Wenn selbst die Trainerin Gänsehaut bekommt, muss was Gutes dabei sein.“ Um ihr diese Gänsehaut zu verschaffen, trainieren die Formationen dreimal in der Woche, damit sie sich technisch verbessern und die Elemente in der Choreographie perfektionieren.

Geübt werden klassische Elemente, wie Drehungen und Sprünge. An der Flexibilität wird auch hart gearbeitet. Hinzu kommen akrobatische Bewegungen sowie Hebungen. Typisch für diesen modernen Tanz sind Bewegungen auf dem Boden. Insgesamt eine Verschmelzung aus Basics des Balletts, die im JMD eine neue Form finden. Große Herausforderungen im Formationstanz sind die Aufstellungen der einzelnen Tänzerinnen. Diese sollen abwechslungsreich, optisch interessant sein und die Tanzfläche möglichst ausschöpfen. Hinzu kommt der Anspruch an Synchronität, sowohl zeitlich als auch in der Art der Ausführung der Bewegungen – bei zehn und elf Tänzerinnen gar nicht so einfach. Das verlangt Körpergefühl und Musikverständnis. Um den Tanz abzurunden, ist die Ausstrahlung während der Präsentation ein Hauptelement, das meist die größte Herausforderung ist. Auch hier gilt, dass ein gemeinsames Gefühl durch die Gruppe transportiert werden sollte. Damit alle Kriterien am Turniertag erfüllt sind, arbeiten die Formationen mehrere Monate im Voraus. Und das alles, um am Ende drei bis vier Minuten auf der Bühne zu stehen.

„Man ist keine große Gruppe mehr, sondern eine Einheit”

Wie in jeder anderen Sportart gibt es beim Turnierwettkampf regionale und landesweite Wettkämpfe. Die Formationen des TSC Brühl treten in dieser Saison in der Kinderliga (Rejoice), Jugendverbandsliga (Move On), Verbandsliga (Reflection), Regionalliga (Devotion) und zweiten Bundesliga (Release) an. Die Formationen, die sieben bis zwölf TänzerInnen umfassen können, bereiten sich ca. ein halbes Jahr darauf vor, die vier Turniere mit einer Choreografie zu bestreiten. Ja, auf allen vier Turnieren wird der gleiche Tanz gezeigt. Dort stellen sie sich den Wertungsrichtern in den Kategorien Technik, Präsentation und Choreografie. Dieses Ziel verbindet die ganze Formation. Tänzerin Lisa (24) hat so ein Gefühl nirgendwo anders erlebt: „Man ist keine große Gruppe mehr, sondern eine Einheit.“

Ohne Worte….

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Mit den Turnieren verbinden die meisten Tänzerinnen die schönsten Momente der Saison, denn unabhängig vom Ergebnis, das über Auf- und Abstieg oder Klassenerhalt entscheidet, wächst die Formation mehr zusammen, erzählt Tänzerin Alex. Vor allem das Gefühl am Turniertag stimmt für Tänzerin Julia (25): „Wenn man endlich auf der Bühne steht und seine monatelange Arbeit vorführen kann, ist das ein voll schönes Gefühl. Man spürt, wie viel Energie man in diesem Moment hat und dass man in der Gruppe zusammen auf die Bühne geht. Das fühlt sich einfach total schön an.“ Um Gefühle geht es beim JMD, denn es sollen Geschichten und Emotionen transportiert werden. An der Präsentation wird meist bis zum Schluss gefeilt, um die Musik überzeugend rüberzubringen. Tänzerin Andrea (26) erlebt diesen Moment ganz besonders: „Hört sich vielleicht komisch an, aber jede Musik ruft irgendwelche Emotionen in dir wach, und das dauert immer etwas bis die Musik auf einen wirkt. Und dann ist es wirklich das schönste Gefühl, das erste Mal mit der Musik zu tanzen und diese dabei auch ausdrücken zu können.”

Formation Release
Die Formation Release nach einem erfolgreichen Turniertag © Keloglou

Die ausgewählte Musik begleitet die Formationen über eine ganze Saison – um genau zu sein, Musik muss es gar nicht unbedingt sein: Geräusche, Gesprochenes oder Stille können auch vertanzt werden. Die Vielfalt der Bewegungen zeigt sich auch in der Musik. Durch die vielen Möglichkeiten kann sich die Auswahl hinziehen. Das Musikstück soll schließlich überzeugen und begleitet die Formationen mehrere Monate in der Vorbereitung und dann über die Saison. Tänzerin Anna (21) schätzt sehr, dass man durch neue Musik immer wieder eine neue individuelle Geschichte erzählen kann.

Stylisten, Designer und Co.

Tanzen ist stets von künstlerischen Momenten begleitet. Tänzerin Julia sieht vor allem einen Ausdruckstanz im JMD, denn ihr macht es sehr viel Spaß ihre Mimik und Körpersprache einzubringen. Um aus der Präsentation das Bestmögliche rauszuholen, sind Make-up und Haare ein Pflichtprogramm, das heiß diskutiert wird. Tänzerinnen werden zu ihren eigenen Designern und Stylisten. Hier gilt: ohne künstliche Wimpern geht nichts. Man hilft dem Ausdruck etwas nach und kann sehr kreativ sein – so kann man dann Farbe im Gesicht, im Haar oder am Körper tragen. Getanzt wird auf dem Turnier nicht im Trainingsanzug. Gelobt seien die Onlineshops – der DHL-Bote ist Dauergast. Den Geschmack von einer ganzen Gruppe zu treffen ist schwierig, meist ein langwieriger Prozess. Und tanzbar muss die Klamotte ja auch noch sein. Wie bei Tanzstil und Musik kann man sich hierbei kreativ austoben. Einschränkungen gibt es fast keine. Es müssen alle intimen Stellen bedeckt sein – nun ja, das ist machbar. Alles andere ist frei wählbar: ob kurz oder lang, flatterig oder eng, einheitlich oder individuell, knallig oder gedeckt.

„Happiness only real when shared“

All diese Vorbereitungen vereinen das Ziel, auf den Turnieren in allen Kategorien zu überzeugen. Das erste Turnier ist dabei eines der spannendsten, da man erst dort sieht, woran die anderen Formationen gearbeitet haben. Gibt es vergleichbare Musikstile? Oder ähnliche Kostüme? Wie haben sich andere Gruppen tänzerisch entwickelt? Fragen, die Mitte Februar für die ersten Formationen beantwortet werden, wenn die Saison startet. Ab dann findet fast jedes Wochenende ein Turnier in NRW statt. 148 Mannschaften treten dort im regionalen Ligabereich West und 20 Mannschaften im überregionalen Wettbewerb in den Bundesligen an. Man kann neugierig sein, ob die Platzierungen der Wertungsrichter wieder für Gekreische und Umarmungen bei den Brühler Formationen sorgen. Letztes Jahr schafften beide Mannschaften den Direktaufstieg in die nächsthöhere Liga. Für Trainerin Alex ist es dann der schönste Moment, wenn ihre Arbeit mit Freudentränen belohnt wird.

Eins zeigt der Formationstanz besonders: Der Sport verbindet: „Wenn man alleine etwas schafft, kann man natürlich auch stolz auf sich sein, aber wenn man sich als Gruppe gemeinsam freuen kann, ist das noch schöner“, blickt Tänzerin Alex zurück. Man verbringt viel Zeit miteinander und das schweißt zusammen. Es ist schwierig diese vielseitige Sportart mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten zu beschreiben. Man muss sie wohl wirklich sehen. Denn auch Tänzerin Andrea schätzt, dass ungefähr ¾ ihrer Freunde und Familie noch nicht wirklich verstanden haben, was JMD wirklich ist. Aber: „Nachdem sie auf dem Turnier waren, sind sie meistens alle begeistert und kommen auch immer wieder. Das reicht mir eigentlich schon.”

Am 24.02.18 fällt der Startschuss für Release in Wuppertal. Devotion tritt ihr erstes Turnier am 11.03.2018 in Voerde an. Dort werden sie in ihren 3 ½ Minuten alles geben.


Saison 2017 –Bilder von der Formation Devotion:

 

 

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