Hauptgebäude der Universität Bonn © Alexandra Schmalnauer
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Alles auf Online – Rückblick auf ein etwas anderes Semester

Das Sommersemester 2020 ist vorbei und aufgrund von Corona lief es dieses Jahr ein bisschen anders als gewohnt. Studierende aus drei deutschen Städten blicken auf ein Semester voller Herausforderungen und Umstellungen zurück.

von Clarissa Kurth

Corona schien Anfang des Jahres noch eine weit von uns entfernte Krankheit zu sein, bis es Mitte März auch bei uns in Deutschland zum Lockdown kam. Arbeiten nur noch im Home-Office, Geschäfte sowie Schulen und Kitas mussten schließen und der persönliche Kontakt zu Mitmenschen musste gemieden werden. Auch die Studierenden in Deutschland sind von Corona betroffen. Der Start des Sommersemesters wurde kurz vor dem ursprünglich geplanten Beginn am 6. April um zwei Wochen nach hinten verschoben. Zudem sollte es statt vor Ort in digitaler Form stattfinden. Diese Umstellung war für die Studierenden vor Semesterbeginn zunächst keine große Herausforderung, wie Philipp, Physik-Student aus Leipzig, und Anna-Maria, BWL-Studentin aus Freiburg, per WhatsApp-Sprachnachricht erzählt haben.

Universität Freiburg © Anna-Maria Schuster
Universität Freiburg © Anna-Maria Schuster

 

Die Vorbereitungen liefen also zunächst wie immer ab: Kursbeschreibungen anschauen und Veranstaltungen belegen. Zusätzlich höchstens Zoom oder ähnliche Plattformen für digitale Vorlesungen herunterladen und schon konnte das Semester für die Studierenden starten.

Doch bereits am Anfang des Semesters kam es zu ersten Herausforderungen, mit denen die Studierenden zu kämpfen hatten. Sei es eine schlechte Internetverbindung oder fehlende Ansprechpartner, wie Philipp und Ines, Lehramtsstudierende aus Koblenz, berichten.

 

Aufgrund des Studierens aus dem Home-Office, blieb der Kontakt zu Kommiliton*innen und Dozierenden auf das Digitale beschränkt. Das hatte zur Folge, dass man tagtäglich allein zuhause sitzt und sich mit den Vorlesungsmaterialien auseinandersetzen muss – ohne den persönlichen Austausch mit Kommiliton*innen. Oftmals wirkt sich dieser Umstand auch auf die Konzentration aus, so wie bei Anna-Maria:

 

Eine gute Struktur fürs Home-Office zu finden, ist nicht immer einfach

Die Corona bedingte Umstellung des Studierens von zuhause aus, hat als weitere Folge mit sich gebracht, dass sich der Alltag von den Studierenden verändert. Täglich vor dem Laptop sitzen und sich den Stoff ausschließlich digital zu beschaffen, kann sowohl Vor- als auch Nachteile haben. Neben der Umstrukturierung des Lernalltags muss man sich ja auch mehrere Stunden am Tag auf den Unistoff konzentrieren. Fehlt die Motivation, fällt es oft noch schwerer, sich einen Alltag komplett zuhause, gut zu strukturieren. Uni und Freizeit müssen unter einen Hut gebracht werden. Aufgrund des ausschließlichen Studierens von zuhause aus, nicht immer leicht, beide Bereiche gelungen zu vereinbaren. Den einen gelingt das besser als anderen, was aber auch immer vom Studienfach abhängen kann. Nicht alle Studierenden benötigen gleich viel Zeit für Uni-Dinge. Ines, Anna-Maria und Philipp haben erzählt, wie und ob sie sich ihren Alltag im digitalen Sommersemester strukturieren konnten.

 

Egal, ob mit Struktur oder ohne – Hauptsache ist doch, dass man alles schafft, was geschafft werden sollte. Doch täglich viele Stunden vor dem Bildschirm zu verbringen ist auf Dauer anstrengend. Dieses „Problem“ hat man bei einem Präsenzbetrieb in der Uni nicht in dem Ausmaß wie beim Studieren im Home-Office. Daher können sich einige Studierende sicherlich viel besser konzentrieren, wenn man im Präsenzunterricht auch mal mit Kommilitonen an der frischen Luft ist und sich austauschen kann und nicht ständig vor dem Laptop sitzt. So ist es auch bei Anna-Maria aus Freiburg und Philipp aus Leipzig:

Uni Leipzig © Philipp Dorau
Uni Leipzig © Philipp Dorau

 

Ines aus Koblenz hingegen kann sich zuhause besser konzentrieren, da sie sich im Home-Office ihre Zeit besser einteilen kann – da ist also jeder Studierende anders gestrickt. Genau so sieht es bei der Frage aus, ob das digitale Semester dazu beigetragen hat, dass man als Student*in weniger Zeit für die Uni aufbringen muss als zuvor. Durch das Einsparen von Fahrzeiten zur Universität fällt diesbezüglich bei vielen eine beachtliche Zeit weg, die im Sommersemester anders genutzt werden konnte. Aber ist auch der Unistoff aufgrund von Corona weniger geworden oder haben die Dozierenden gerade deshalb mehr von den Studierenden verlangt?

 

Auch hier ist offensichtlich jeder Studiengang und jede Universitätsstadt anders betroffen. Neben den vielen Herausforderungen, die schnell als Nachteile oder negative Punkte des digitalen Semesters gesehen werden, sollte es doch auch ein paar positive Aspekte des Studierens in dieser ganz anderen Situation geben, oder? Welche Vorteile das Studieren im Home-Office für die Student*innen in ganz Deutschland hat, haben sie uns verraten:

 

Ein Blick in die Zukunft

Bleibt am Schluss ein kleiner Blick in die Zukunft. Nach dem Sommersemester ist vor dem Wintersemester. Aber wie wird es sein, das Wintersemester? Können

wieder Präsenzveranstaltungen stattfinden? Wird es wieder ein rein digitales Semester sein? Diese Fragen kann man zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich nicht hundertprozentig beantworten, auch wenn einige Universitäten in Deutschland damit rechnen, zumindest ein paar Präsenzveranstaltungen im Wintersemester ermöglichen zu können.

Diesbezüglich sprechen auch die Wünsche von zwei befragten Studierenden für sich:

 

Die Präsenzlehre soll laut Studierenden zumindest teilweise wieder eingeführt werden. Das sehen nicht nur Philipp und Anna-Maria so.

Online-Petition für ein deutschlandweites Wintersemester mit Präsenzveranstaltungen

Aktuell gibt es eine Online-Petition, bei der Unterschriften für ein Wintersemester mit Präsenzunterricht in ganz Deutschland gesammelt werden. Hintergrund: Prof. Dr. Peter Oestmann vom Institut für Rechtsgeschichte der Uni in Münster sieht bei den Lockerungen, die bereits bei Schulen und Kitas vorgenommen wurden, die Studierenden klar im Nachteil. Ihm fehlt, wie auch den Studierenden, der persönliche Kontakt und Austausch.

Er sagt:

„Die rein digitale Stoffvermittlung kann und darf aber die persönliche Begegnung zwischen Dozenten und Studenten nicht ersetzen. Das lebendige Gespräch, neugierige Fragen, vielleicht auch Abschweifungen und Spontanes, bereiten den Boden für Bildungserlebnisse, die man am Computerbildschirm niemals haben kann.“

Oestmann begründet seine Petition mit folgenden Worten:

„In allen Bundesländern öffnen nach und nach Schulen und Kindergärten und kehren zum Präsenzbetrieb zurück. Doch an den Universitäten tut sich wenig oder gar nichts.

Dabei stehen große Hörsäle zur Verfügung, in denen man mit gebotenem Sicherheitsabstand Lehrveranstaltungen mittlerer Größe ohne Infektionsrisiko abhalten könnte. Gerade der Unterricht in Kleingruppen (Arbeitsgemeinschaften und Seminare) ist nicht nur für die Studierenden besonders ertragreich, sondern angesichts zahlreicher Räumlichkeiten bereits jetzt gefahrlos möglich. Auch die großen Arbeitsbereiche in den Bibliotheken könnten mit begrenzten Plätzen als Lernebenen wieder eröffnet werden.“

Dabei betont er zudem, dass man auch an eine Mischung aus Präsenz- und digitalem Unterricht denken kann, zum Beispiel, indem man rotierende Gruppen oder ähnliche Konzepte einführt. Denkbar wären auch Veranstaltung im Freien, sofern das Wetter mitspielt.

Prof. Dr. Oestmann startete die Petition, da er der Meinung ist, dass viele Universitäten in Deutschland sonst vermutlich auch weiterhin geschlossen bleiben. Er argumentiert:

„Wir können mit der Öffnung nicht warten, bis es einen Impfstoff gegen Corona gibt. Hier sind Mut und Fantasie gefragt, wie man es in vielen anderen Bereichen des Alltags längst sehen kann. Die Studenten haben ein Recht, als Mitglieder der Hochschulen ihre Hörsäle und Bibliotheken zu betreten. Die Professoren und andere Mitarbeiter haben das Recht und die Pflicht, junge Menschen in der persönlichen Begegnung für ein Studienfach zu begeistern.“

Ähnlich wie die befragten Studenten fehlt ihm in einer Zoom-Sitzung oder ähnlichen digitalen Formaten das persönliche Zusammensein und ein anregender Austausch vor Ort. Für die momentane Situation sei das Semester zwar in der Umsetzung ganz gut gelaufen, was aber für die Universitäten keine Ausrede dafür sein sollte, „die Hochschulen länger gesperrt zu halten. […] Manche Universitätsleitungen behaupten, zahlreiche Studierende seien mit der jetzigen rein virtuellen Hochschule einverstanden. Eine Online-Petition bietet die Möglichkeit, deutlich sichtbar den gegenteiligen Standpunkt einzunehmen. Auf Hilfe von außen können wir kaum hoffen, die universitäre Bildung als solche hat keine große Lobby. Wir selbst müssen Druck machen, wenn wir zur Anwesenheitsuniversität zurückkehren wollen.“

Wer die Aktion unterstützen möchte und derselben Meinung ist wie Prof. Dr. Oestmann aus Münster, hat noch bis Ende August die Möglichkeit, an der Petition teilzunehmen und zu unterschreiben.

Damit eine Präsenzlehre ab dem Wintersemester wieder stattfinden kann, sollten wir zudem alle versuchen, die Ansteckungsrate des Coronavirus so gering wie möglich zu halten. Dazu zählt Abstand halten und die Maskenpflicht beachten. Wenn wir mit gutem Beispiel voran gehen, können vielleicht schon im Herbst einige Veranstaltungen an der Uni wieder „wie gewohnt“ stattfinden.

 

Beitragsbild: Alexandra Schmalnauer

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