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„All the world’s a stage“ – Ellies Weg durch die Theaterwelt

Nur wirre Freigeister spielen Theater und Schauspieler tragen den Kopf in den Wolken – irgendwie umgibt das Theater immer eine mit vielen Fragezeichen gespickte Aura. Wirklich greifbar ist diese Art der Kunst für viele nicht, doch Ellie Lewerenz, 24, blüht in dieser Welt der vielen Gesichter und Geschichten erst richtig auf. „Vom Hobby zum Beruf“ ist Ellies großes Ziel, denn diese Leidenschaft durchwebt jeden einzelnen Bereich ihres Lebens.

Von Pauline Owsianik

Konzentration. Ein leichtes Wippen mit den Beinen und zusammengezogene Brauen. Die Regisseurin gibt das Signal und während die erste Schauspielerin mit einer Taschenlampe die Mitte des abgedunkelten Probenraumes betritt, starrt Ellie noch gedankenversunken auf den bleichen graugrün marmorierten Boden. Die kurzen braunen Haare stehen ihr von den Aufwärmübungen noch wild zu Berge, unbewusst fährt sie mit der einen Hand hindurch, während sie sachte an den Nägeln der anderen kaut.

Als sie selbst kurze Zeit später ihren Sitzplatz auf den an den Rand des Seminarraums geschobenen Tischen verlässt, um leise auf die provisorische Bühne zu gehen, merkt man trotz ihrer Bedächtigkeit eine auffallende Präsenz – es ist sofort klar, dass sie die Hauptrolle des Hamlet im gleichnamigen Stück der Bonn University Shakespeare Company spielt. „Ich habe Ellie als Hamlet ausgewählt, weil ihre beste Qualität beim Schauspiel das Natürliche ist“, sagt Anthea Petermann, die Regisseurin der aktuellen BUSC-Sommerproduktion. „Gerade bei den Monologen finde ich das einfach sehr toll. Es ist eben nicht so verkrampft und steif, sondern hat was, wo man als Zuschauer auch viel leichter zuhören kann, wo man sich reinversetzen kann.“

Probe des ersten Aktes | Foto: Pauline Owsianik
Probe des ersten Aktes | Foto: Pauline Owsianik

Natürlich kam für Ellie auch die Liebe zum Theater in ihren Kindertagen. Mit vier Jahren spielte sie beim Krippenspiel einen stummen Hirten, seitdem zieht sich das Theater wie ein roter Faden durch ihr Leben. Es folgten Rollen im Schultheater, dem Jugendclub vom Theater Bonn, Schauspielunterricht, und letztendlich die BUSC. „Mich gibt’s glaub ich einfach nicht ohne Theater“, lacht Ellie, stellt einen Tee auf den Couchtisch und überkreuzt ihre Beine im Schneidersitz auf dem alten Sessel unter der Treppe zur Schlafempore ihrer Wohnung.

Fotowand in Ellies Zimmer | Foto: Pauline Owsianik
Fotowand in Ellies Zimmer | Foto: Pauline Owsianik

Schaut man sich dort um, sieht man augenblicklich die zahlreichen Poster und Fotos an den Wänden, die sich bei genauerem Hinsehen als Erinnerungsstücke an Produktionen herausstellen, bei denen Ellie mitgewirkt hat. Zwischen den beiden ausladenden Fenstern mit breiten Fensterbänken und Blick in einen grünen Innenhof, die Ellie besonders gerne zum kreativen Schreiben verwendet, steht ein dunkles Regal voller Kleinigkeiten, die aus einer Inszenierung von The Winter’s Tale stammen, wo Ellie selbst Regie geführt hat. Im Gegensatz zum Schauspiel betont sie dabei eine Vielzahl an Herausforderungen: „Man muss über alles den Blick behalten, weil du nicht nur für dich selbst und für deine Mitspieler verantwortlich bist, sondern auch, dass die Bühnenleute wissen, wie die Bühne aussehen soll, dass das Kostüm weiß, wie viele Leute eingekleidet werden müssen; Man muss an allen Entscheidungen beteilig sein, man muss gucken, dass es allen Leuten gut geht und dass trotz aller Schwierigkeiten am Ende ein Theaterabend dabei rauskommt.“ Eindrücke dieser vielen Kleinigkeiten stapeln sich noch auf dem Schreibtisch unter der Empore.

Gedankenverloren lässt Ellie ihren Blick über die Unterlagen streifen und während ihr Blick weder an den vielen Lichterketten, noch an den weichen und einladenden Sitzmöglichkeiten in dem großen Raum mit den hohen Decken hängen bleibt, bemerke ich immer mehr faszinierenden Dekor. So steht in der Ecke gegenüber der Treppe ein alter Kinosessel, auf dem Boden daneben liegt ein Florett – nicht scharf, wie Ellie mir versichert. Selbst ohne sie zu kennen, sieht man in dieser Wohnung schnell, dass hier eine Person lebt, die für alle Formen des Theaters brennt.

Zur BUSC, also einer Shakespeare-zentrischen Theatergruppe, kam sie dabei mehr aus Zufall. Als sie vor fünf Jahren bei Facebook einen Castingaufruf für Alice im Wunderland sah und sich bewarb, bekam sie sofort eine Rolle. „Seitdem sind sie mich nicht mehr losgeworden“, schmunzelt Ellie.

„Dieses gesammelte Herzblut von allen Leuten ist das, was Theater ausmacht. Es ist auch unheimlich direkt, du kannst gar nicht anders, als auf die Bühne zu schauen. Gerade Gefühle kommen da wahnsinnig schnell rüber.“

In diesen fünf Jahren hat sich die Theatergruppe nicht nur als Hobby, sondern vielmehr als Gemeinschaft herausgestellt. „Diese Gruppe ist mein kompletter Freundeskreis“, bemerkt Ellie. Die BUSC besteht seit über 20 Jahren und ist für Ellie der perfekte Ort, um ihre Leidenschaft auszuleben. Durch die besondere Organisation der Gruppe kann man sich sowohl für Aktivitäten hinter, als auch auf der Bühne engagieren und insgesamt viel ausprobieren. Neben der Regie und dem Schauspiel, war es für Ellie so auch möglich, im Frühjahr das von ihr geschriebene Stück Fancies aufzuführen. Darin geht es um zeitgenössische Beziehungen auf einer realen und einer Traumebene, was dem Zuschauer Einblick in seine eigenen zwischenmenschlichen Kontakte geben und Raum für Identifikation bieten soll.

Aufwärmübungen bei der Probe | Foto: Pauline Owsianik
Aufwärmübungen bei der Probe | Foto: Pauline Owsianik

Auch bei Hamlet wird viel Raum für Nachempfinden und Selbsterkennung geboten. „Hamlet ist so viel“, überlegt Ellie während der Probe. Ich merke, wie viele Gedanken sie sich um diese Rolle des tragischen Prinzen aus Dänemark gemacht hat. Besonders die basismenschlichen Emotionen wie Trauer und Verlust finden sich in dieser Figur wieder, die nach dem Tod eines geliebten Menschen eben nicht vernünftig handelt, sondern alle von sich stößt und ihre irrationalen Gedanken verwirklicht. Diese Themen sind auch nach 400 Jahren für jeden relevant, weshalb Regisseurin Anthea Petermann auch keinen Wert auf geschlechtsspezifische Rollen gelegt hat. In ihren Augen sei vor allem der Prinz von Dänemark eine eher androgyne Figur, so die Regisseurin. So viel Schmerz Hamlet auch erlebt, so wenig gab es bei Ellies Entdeckung ihrer Liebe zu Shakespeare: „Ich hielt ein Referat über Shakespeare, weil ich mich intellektuell fühlen wollte.“ Sie lacht laut auf und positioniert sich für die ausgelassenen Aufwärmübungen vor der Probe.

Neben all den englischsprachigen Stücken hat Ellie beruflich auch mit deutschsprachigem Theater zu tun. Sie arbeitet bei einem Theaterverlag in Köln, der unter anderem Übersetzungen für den deutschsprachigen Raum anfertigt. Das ist allerdings nicht Ellies endgültiger Berufswunsch. „Der Traum wäre, dass ich irgendwann mal Stücke schreiben kann fürs Theater.“ In ihrer Freizeit schreibt sie längere Stücke, die sie an Theater in England und Deutschland schickt, um sie dort für Aufführungen anzubieten. Bisher hat sich jedoch noch nichts ergeben, doch Ellie bleibt beharrlich. „Man muss unheimliches Durchhaltevermögen haben“, sagt besonders auch ihr entschlossener Blick.

Ellie spielt nicht nur selbst Theater, regelmäßige Theaterbesuche nach London stehen auch im Programm | Foto: © Ellie Lewerenz
Ellie spielt nicht nur selbst, regelmäßige Theaterbesuche nach London stehen auch im Programm | Foto: Ellie Lewerenz

Schreiben ist dabei nicht die einzige Option für ihre Zukunft. Leise gesteht Ellie, dass sie sich demnächst auch bei einigen Schauspielschulen bewerben möchte. Da die Plätze dort ziemlich hart umkämpft sind, rechnet sie bereits mit Misserfolgen: „Es kann auch sein, dass ich mich an 10 Schauspielschulen bewerbe und das einfach überhaupt nicht funktioniert und ich dann 10 Absagen bekomme.“ Jedoch ist das Abschließen einer solchen Ausbildung noch kein Garant für eine erfüllte Karriere. Ellie weiß um mögliche Durststrecken, weil sich keine Anstellung ergibt oder nur Engagements bei langweiligen Stücken. Doch obwohl sie sich all dieser Hürden bewusst ist, will sie für ihre Passion gerne solche Opfer eingehen. Auch von der Sesshaftigkeit hat sie sich für die Zukunft verabschiedet. Da besonders in Deutschland, im Gegensatz zu England, das Theaterleben über viele Städte verteilt ist, ist ihre Perspektive zunächst die große Wanderschaft. Aktuell konzentriert sich Ellie jedoch auf Laientheater, was sie jedem Interessierten ans Herz legen würde, da man dort auf unglaublich viele Arten experimentieren kann: „Man sollte auf jeden Fall alles ausprobieren!“

In der Hinsicht hält die BUSC, was Ellie verspricht: Einige Wochen später feiert Hamlet im Theater der Brotfabrik Premiere und beweist, was Laientheater leisten kann. Das Bühnenbild ist minimalistisch gehalten und wird an Schlüsselstellen des Stücks von Projektionen auf die große aufgespannte Leinwand aufgebrochen. So beleben und beleuchten Kaleidoskopmuster und herabfallende Blutstropfen die dunkle Bühne, während Ellie ihre Monologe als Hamlet hält. Die Natürlichkeit, auf welche die Regisseurin bei der Hauptrolle schon geachtet hat, setzt sich beim gesamten Cast fort. Ellie selbst schwankt selbstbewusst zwischen Melancholie, absichtlich überzogener Komik und Verzweiflung und verleiht der Hauptfigur eine Tiefe und Verletzlichkeit, die weit über eine eindimensional-königliche Darstellung des dänischen Prinzen hinausragt. Die gesamten drei Stunden über bin ich völlig gebannt und kann erahnen, was für einen enormen Teil von Ellies Leben ich an dieser Stelle vor mir sehe.

Ellie als Hamlet auf der Bühne | Foto: Viola Bender
Ellie als Hamlet auf der Bühne | Foto: Viola Bender

Und so webt sie weiter fleißig an dem Stoff, aus dem dieses Leben gemacht ist. Die aufgespannten Fäden – Uni, Beruf, Freundeskreis – bilden das Grundgerüst, das es zu stabilisieren gilt. Erst durch das Theater webt Ellie in ihren Stoff bunte Muster, Formen und besonders auch Zusammenhalt. Als fertig kann man den Stoff nicht bezeichnen, doch seien wir ehrlich: Wann kann das Leben im Theater jemals als „fertig“ definiert werden?

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