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All Cats Are Beautiful

Von Amezz Ali

„Hengameh Yaghoobifarah (geboren 1991 in Kiel) ist eine deutsche Journalistin, Kolumnistin und Aktivistin. Yaghoobifarah definiert sich als nichtbinäre Person und nutzt neben geschlechtsneutralen auch weibliche Bezeichnungen für sich.“ So steht es auf der Wikipedia-Seite, wenn man eben jenen Namen googelt. Wie kommen wir also von eben diesem Wikipedia-Eintrag zur drohenden Anklage seitens Bundesinnenminister Seehofer?

Im Juni 2020 wird in der Tageszeitung taz, eine Kolumne veröffentlicht, die eine Antwort auf die herrschenden Proteste gegen Polizeigewalt darstellen sollte. Die Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah macht sich in ihrer Kolumne Gedanken über eine utopische Welt und was dort mit den rund 250 000 Polizeibeamten des Landes geschehen soll, sollte man die Institution Polizei gänzlich auflösen. Sie erklärt, dass aufgrund von dem grundlegend verankerten faschistischen Gedankengut, viele alternative Berufe wegfallen würden, da man die Polizei dort nicht platzieren könne. Nach weiteren Debatten und Gedankenspielen kommt die Autorin zu folgendem Entschluss:

„Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“ – Hengameh Yaghoobifarah: All cops are berufsunfähig (taz, Juni 2020)

Dieser Satz hat polarisiert und für viele Kontroversen gesorgt. Wie kann er interpretiert werden? Wie soll er aufgefasst werden? Wie ist er gemeint? Ist das noch Satire? Darüber sind sich viele Menschen strittig. Die einen bezeichnen es als „Satire verbrämte Volksverhetzung“ (Marc Felix Serrao, Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung), andere sahen darin eine legitime Kritik an die Polizei.

Horst Seehofer, der Empört mit einer Strafanzeige drohte, zog diese letztlich zurück. Er verteidigte sein Vorgehen, indem er behauptet, er hätte in erster Linie sowieso bloß eine öffentliche Debatte angestrebt, was ihm schlussendlich auch gelungen ist. Der Artikel sei Menschenverachtend und verwiese auf die Grenzen der Presse- und Meinungsfreiheit. Er sieht in der Kolumne ganz klar einen Strafbestand erfüllt. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilt die Kolumne.

Die Zeitung selbst beziehungsweise Chefredakteurin Barbara Junge verteidigt die Kolumnistin und sieht die drohende Anzeige als Angriff gegen die Pressefreiheit. Die taz hätte sich einer menschlicheren Gesellschaft verschrieben und könne somit niemanden ernsthaft als Abfall bezeichnen. Die Kolumne sei satirisch und „Satire darf fast alles“, auch wenn es nicht immer jedermanns Geschmack entspricht. Junge fügt hinzu, dass „Autorinnen oder Autoren, die selbst mehrfach zum Ziel rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen geworden sind, können gleichwohl ein anderes Verhältnis zu dem Thema haben und das in emotionalere und zugespitztere Worte fassen, als Autorinnen oder Autoren ohne entsprechende Erfahrungen.“

Verantwortliche Ressortleiterin Saskia Höld bekundet in einem darauffolgenden Artikel: „Ich habe die Kolumne als eine polemische und satirisch-groteske Kritik an einer Machtstruktur, an einem Gewaltmonopol und an einer Reihe von ungeklärten und unverhinderten Ermordungen in Deutschland gelesen. Ich habe sie im Kontext der aktuellen politischen Lage gelesen, weil: wie denn sonst?“

Dabei findet sich der Begriff der Identitätspolitik wieder: Hödl verweist darauf, dass der Begriff dafür gebraucht wird, schwarzen Menschen und People of Color, eine gewisse Objektivität oder Kompetenz abzusprechen, da sie zu Betroffen seien, um Situationen sachgemäß darstellen zu können. „Doch in einer Gesellschaft kann es eine Nichtbetroffenheit von der Betroffenheit der anderen nicht geben.“ – Saskia Hödl. Jede von uns, agiert in einer gewissen Identitätspolitik. Unsere Erfahrungen, unser Umfeld und unsere Herkunft sind politisch. Das Private ist politisch. Davon kann sich im Grunde kein Mensch frei machen.

Wie es auch gemeint war, weiß nur die Autorin und wie es interpretiert werden sollte, das bleibt nun jedem selbst überlassen. Wichtig ist, dass Debatten ausgelöst werden, Menschen hinterfragen, reflektieren und neue Diskussionsräume und Gesamtgesellschaftliche Diskurse entstehen. Was aber nicht sich selbst überlassen bleibt, ist unsere Gesetzeslage. Was bedeutet Meinungsfreiheit?

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Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. So steht es jedenfalls im Grundgesetzbuch geschrieben. Was muss also passieren, damit dies anfechtbar wird? Das obliegt natürlich den Ermittlungsbehörden, dies tiefgründig zu überprüfen.

In Zeiten von „grab’em by the pussy“ (Donald Trump) und „erschießt sie an den grenzen“ (Frauke Petry) – aussagen die von führenden Politkern geäußert werden – halte ich zumindest einen utopischen vergleich der Polizei mit einer Müllhalde für am wenigsten gefährlich.

„Jedes Mal, wenn ich einen Text schreibe, kommentieren Leute unter meine Artikel: ‚Geh‘ zurück in Deine Heimat’.“, sagt Yaghoobifarah gegenüber des NDRs. Das neben der USA, auch Deutschland ein Rassismus-Problem hat, ist spätestens nach diesem Sommer 2020, kein Geheimnis mehr. „Freund und Helfer“: Das öffentliche Bild der Polizei hat gelitten und wird von vielen Menschen hinterfragt.

Es sollte nicht geschmacklos und empörend sein, was eine Journalistin in ihrer eigenen Kolumne bezüglich fortlaufender, legitimer Proteste gegen rassistische Polizeigewalt, verfasst. Viel größer muss die Empörung gegenüber der Politik und der Polizei sein, die unteranderem die Macht besitzt, Menschen im Meer ertrinken zu lassen und unbewaffnete Männer zu erdrosseln.

Beitragsbild: Fotoquelle: https://www.zooroyal.de/magazin/katzen/training-erziehung-katzen/7-no-gos-bei-der-katzenerziehung/Urheberrecht: KandM-photography

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hengameh_Yaghoobifarah#cite_note-35(Stand: 04.09.2020)

https://www.nzz.ch/international/mehr-klicks-mit-volksverhetzung-die-neue-truebe-taz-ld.1561596(Stand: 04.09.2020)

https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/was_fragst_du/Was-ist-Deine-Frage-an-die-Welt-Hengameh-Yaghoobifarah,wasfragstdu150.html(Stand: 04.09.2020)

https://uebermedien.de/50110/taz-verteidigt-muell-kolumne/(Stand: 04.09.2020)

https://taz.de/taz-Debatte-ueber-Muell-Kolumne/!5690982/(Stand: 04.09.2020)

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-06/horst-seehofer-taz-kolumne-polizei-muelldeponie-anzeige-hengameh-yaghoobifarah(Stand: 04.09.2020)

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-beatrix-von-storch-schiessbefehl-aeusserung-loest-entsetzen-aus-a-1074937.html(Stand: 04.09.2020)

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