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Ach, nur einen Schluck…

FASD steht für Fetal Alcohol Spectrum Disorder (Fetale Alkohol-Spektrumstörung). Es handelt sich hierbei um eine Behinderung, welche durch mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft entsteht und somit zu 100% vermeidbar wäre. Trotzdem werden jährlich mehr als 4000 Kinder damit geboren – und das allein in Deutschland. 

Von Nadja Hochholz

Doch was genau passiert, wenn man während der Schwangerschaft Alkohol trinkt? Alles, was die Mutter trinkt oder isst, wird durch die Nabelschnur ebenfalls von dem Kind konsumiert. Selbst ein Schluck Alkohol, welcher für eine erwachsene Frau nicht viel ist, ist sehr viel für ein kleines Kind, welches gerade mal ein paar Zentimeter groß ist und dessen Leber erst nach der Geburt einen eigenen leistungsfähigen Stoffwechsel entwickelt. Dadurch sinkt der Alkoholspiegel wesentlich langsamer. Alkohol wirkt sich also als Zellgift schädigend auf die Zell – und Organentwicklung aus. Durch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann es für das Kind vor und nach der Geburt zu Schäden kommen, die es in der gesamten Entwicklung beeinträchtigen. Das Stadium der Schwangerschaft spielt insofern eine Rolle, dass unterschiedliche Bereiche stärker von einer Schädigung betroffen sind. Falls ihr euch dies genauer anschauen wollt, könnt ihr dazu auf die Internetseite des FASD Deutschland e.V.s gehen. Unter dem Punkt ‚Fetale Entwicklungsstadien‘ lässt sich eine Grafik dies bezüglich einsehen.

Wie äußert sich FASD?

Menschen mit FASD haben geistige und körperliche Probleme. Oft funktionieren Organe wie Herz, Gehirn oder Lunge nicht richtig. Auch treten Entwicklungsstörungen sehr häufig auf, welche sich ebenfalls körperlich und geistig äußern. Körperlich kann sich FASD durch Minderwuchs und Untergewicht äußern. Sie können Gesichstveränderungen haben, wodurch ihre Augen zum 20180921_154440Beispiel sehr klein und weit außeinander sein können, zu kleine Ohren, die sehr tief erst ansetzen, einen verkürzten und vorstehenden Nasenflügel oder eine unterentwickelte oder mangelhafte Ausbildung des  Philtrums (der Rinne zwischen Nase und Oberlippe).  Skelettfehlbildungen wie seitliche Rückgratsverbiegung, Trichter – oder Kielbrust oder kleine Zähne mit Zahnlücken können ebenfalls auftreten.

Hierbei ist jedoch zu beachten, dass nicht immer alle Fehlbildungen vorhanden sind und sie unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Außerdem vermindern sich äußerliche Anzeichen bei älteren Kindern und Jugendlichen meist.

Geistig und statomotorisch äußert sich FASD ebenfalls bei den einzelnen Kindern unterschiedlich. Oft haben sie Probleme mit dem Lernen, da sie sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren können oder/und durch Schädigungen im Gehirn viele Verbindungen zwischen und unter Themenberichen nicht herstellen können. Dies äußert sich zum Beispiel auch darin, dass sie oft nicht aus Fehlern lernen und immer wieder den gleichen Fehler begehen. Oder dass man sie auf regelmäßige Tätigkeiten immer wieder hinweisen und sie ihnen neu erklären muss. So denken sie oft zum Beispiel gar nicht daran, dass sie sich, wie jeden Tag die Zähne putzen, oder sich waschen, oder ihre Kleidung wechseln müssen. Sie können Sprach- Hör, Schlaf-, Ess- und Schluckstörungen haben. Verhaltenstechnisch können Menschen mit FASD zur Hyperaktivität, Distanzlosigkeit, Agressivität, erhöhten Risikobereitschaft, zum Autismus und zu gestörtem Sozialverhalten neigen.

Wichtig bleibt: auch hier zeigen sich natürlich nicht immer alle Symptome und Eigenschaften.

Was sehr FASD-typisch ist und auch bei fast jedem Menschen mit FASD auftritt, sind die Entwicklungsstörungen, welche sich so äußern, dass das Kind ab einem bestimmten Zeitpunkt sich immer langsamer entwickelt, sowohl geistig als auch körperlich, sodass sie zum Beispiel immer weniger in der Schule verstehen. Dieser Prozess kann sich immer weiter verlangsamen, jedoch kann es auch zwischendurch Entwicklungssprünge geben.

Wie wird FASD diagnostiziert und welche Schritte folgen dann?

FASD begleitet einen Menschen ein Leben lang. Es ist nichts was sich auf irgendeine Art und Weise auswächst, wie viele Pflege-, Adoptiv- und leibliche Eltern zu hören bekommen. Dadurch dass FASD noch nicht sehr bekannt, oder zu 100% erforscht ist, wird FASD oft gar nicht als FASD erkannt. So werden die betroffenen Kinder als lediglich entwicklungsverzögert bezeichnet, als hyperaktiv eingestuft, oder ähnliches. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, jedoch bekommen die Kinder dadurch nicht die Förderung die sie brauchen und nicht alle Problembereiche werden erkannt und abedeckt. Dies führt dann oft dazu, dass wenn sich die Situation nicht verbessert, oder oftmals weiter verschlechtert, Eltern die Fehler bei sich und in ihren Erziehungsmustern suchen.

Sollte also der Verdacht auf eine vorgeburtliche Schädigung, oder körperliche und/oder Verhaltensmerkmale vorhanden sein, sollte man sich direkt an einen Arzt wenden, der sich mit FASD auskennt.

Mit verschiedenen Testverfahren, welche dem Alter des Kindes angepasst werden, werden während der Diagnostik neben der körperlichen Untersuchung, ebenfalls Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis gemessen. Auch wird ein Bericht der Hauptbezugsperson mit einbezogen. Dann werden entsprechende Maßnahmen getroffen. Viele Betroffene bekommen dann Medikamente. Doch auch viele andere Maßnahmen werden getroffen. So kommen viele auf Förderschulen, mit kleinen Klassen, um eine Reizüberflutung zu verhindern. Die Tagesroutine wird vereinfacht und mit wenigen und konkreten Regeln ausgelegt. Kinder mit FASD benötigen eine ganztägige und durchgehende Beaufsichtigung, egal in welchem Alter sie sind. Um das Kind zu ermutigen und zu motivieren, sollte das Augenmerk auf dessen Stärken gelegt werden. Auch kann durch verschiedene Therapien, das was in dem Kind steckt, gefördert und unterstützt werden. Dazu dienen zum Beispiel Frühförderung, Krankengymnastik, Ergotherapie, Sprachtherapie, Motopädie, Musiktherapie, Homöopathie und weitere. Für weitere Informationen und Tipps im Alltag könnt ihr euch gerne an die Internetseite des FASD Deutschland e.V.’s wenden.

Um euch ein Beispiel zu geben, wie es für Kinder, beziehungsweise Menschen, mit FASD ist, habe ich mich mit einem Betroffenem und dessen Bezugsperson unterhalten.

Wir nennen ihn hier Peter. Seine Bezugsperson ist seine Mutter. Für Klarheit: seine Adoptivmutter. Dies merke ich lediglich an, damit ihr nicht verwirrt seit, wenn ich gleich die Begriffe ‚Mutter‘ (hier: Adoptivmutter) und ‚leibliche Mutter‘ verwende. Des Weiteren werde ich den Begriff Pflegeeltern verwenden. Peter kam in eine Pflegefamilie und wurde später von seinen Pflegeeltern adoptiert.

Peters leibliche Mutter war noch keine 18 Jahre alt, als sie ihn bekam. Ihr Freund verließ sie noch während der Schwangerschaft für eine andere Frau, um genauer zu sein: ihre Schwester, welche ebenfalls schwanger war, jedoch von einem anderen Mann. Schon bei Peters Geburt kam es zu Komplikationen, welche dazu führten, dass Peter körperlich behindert ist und regelmäßig zur Krankengymnastik gehen musste und noch geht. Zu diesem Zeitpunkt, wusste noch niemand, dass seine leibliche Mutter Alkohol konsumiert hatte. Seine leibliche Mutter war zu überfordert mit der Situation und noch jung – Peter wurde nun von einer anderen Familie täglich betreut. Aus verschiedenen Gründen wurde beschlossen, dass es für Peter besser sei, in der Familie als Pflegekind aufgenommen zu werden und dazu kam es auch.

Peter war ein anstrengendes Kind. Er war immer unglaublich aufgedreht und den Kindern seines Alters deutlich hinterher, wodurch die meisten seiner Freunde jünger waren als er selber. Schon in der Grundschule war Peter deutlich überfordert, wodurch er ein noch aufgedrehteres Verhalten zeigte. Er verstand die meisten Schulaufgaben nicht und es verging auch keine Hausaufgabe ohne viel Diskussionen, Weinen und Gut-Zusprechen. Seine Pflegeeltern stellten ihn einem Kinder- und Jugendpsychiater vor, da sie davon ausgingen, dass der Junge aufgrund seiner Geschichte traumatisiert war und seine Entwicklung deutlich verzögert war. Außerdem vermuteten sie Hyperaktivität. An FASD dachte zu diesem Zeitpunkt natürlich keiner. Die Behinderung war eigentlich nirgendwo bekannt und niemand wusste von einem Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Der Psychiater diagnostizierte Peter mit ADHS. Außerdem wurde die Vermutung eines, oder mehrerer vorhandener Traumata bestätigt. Auch sprach er von einer Entwicklungsstörung.  Peter ging von dem Zeitpunkt an regelmäßig zur Therapie. So verging die Zeit, Peter blieb eher aufgedreht und überfordert. Nach der vierten Klasse wechselte Peter auf die Realschule. Doch die neue Umgebung änderte nicht viel und Peter konnte mit den Anderen nicht mithalten. Durch sein aufgedrehtes Verhalten hatte er auch nur wenige Freunde. Im Jugendalter besserte sich dies nicht und die Lehrer fingen an, kein Verständnis mehr zu zeigen, wodurch Peter, meist zu Hause, zu Nervenausbrüchen tendierte. Er wurde aggressiv, sehr emotional und noch aufgedrehter.

Peters Pflegeeltern wussten selber nicht weiter, denn jeder Arzt, der Psychiater und auch das Jugendamt sagten es sei eine Entwicklungsverzögerung und dass dieses Verhalten sich auswachsen würde. Nach Peters Realschulabschluss absolvierte er zunächst ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, denn seine Pflegeeltern gingen noch immer von einer Entwicklungsverzögerung aus und hofften, dass er dadurch etwas an Reife dazu gewinnen konnte. Die Arbeit dort machte ihm sehr viel Spaß, erzählte Peter. Doch zu diesem Zeitpunkt hätte er sich mehr für die Arbeit mit Kindern interessiert. Also machte er ein Praktikum in einem Kindergarten, was sein Interesse bestärkte. Er begann eine Ausbildung zum Erzieher. Doch diese Ausbildung konnte er nicht beenden. Er stand unter zu viel Druck und konnte sich schwer konzentrieren. Das Praktische war für ihn kein Problem und er kam wunderbar mit den Kindern klar. Doch das Theoretische wollte einfach nicht in seinen Kopf und löste Frustration bei ihm aus. Ungefähr in diesem Zeitraum wurde Peter adoptiert und man merkte deutlich, dass er die gewonnene Sicherheit genoss. Seine Adoptiveltern und er machten sich auf die Suche danach, was er erlernen könnte, ohne überfordert zu werden.

An einem Pflegeelterntreffen erfuhren Peters Adoptiveltern von der Behinderung FASD und besuchten sofort einen Informationsabend. Schon bald stellten sie fest, dass Peter viele FASD-typische Verhaltensweisen zeigte. Das Jugendamt setzte sich mit der leiblichen Mutter in Kontakt, welche bestätigte, Alkohol konsumiert zu haben. Sie fuhren in eine Klinik um ihn auf FASD testen zu lassen. Das Ergebnis war positiv. So kam es dazu, dass Peter eine betreute Ausbildung zum Beikoch anfing, welche er im nächsten Sommer erfolgreich abschließen wird. Drücken wir ihm die Daumen!

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