Fotoquelle: Black Lives Matter-Protest in New York City. Foto: KENA BETANCUR/AFP via Getty Images
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2020 — Das Jahr, das alles verändert hat, dabei ist es erst September.

Von Amezz Ali

„Was war das für ein Jahr?“, fragt sich der Großteil der Bundesrepublik. Immer wieder höre ich diesen Satz, wenn ich unterwegs bin, in der Bahn sitze und Gespräche anderer Leute belausche. Doch auch in meinem eigenen Umfeld wird viel darüber debattiert, was dieses Jahr mit sich gebracht hat. Dabei löst es nicht selten Aufregung und Unsicherheit Wut und Fassungslosigkeit, aber auch Angst aus. Angst darüber, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen soll und wie die Welt wohl in einigen Jahrzehnten aussehen wird. Viele Menschen wollen das nicht dem Zufall überlassen und setzen sich dafür ein, mitbestimmen und gestalten zu dürfen, schließlich ist es unserer aller Zukunft und somit vielleicht auch die Pflicht jedes Einzelnen, das auch zu tun.

Viel Platz in den Köpfen der Menschen haben dieses Jahr die Black Lives Matter Bewegungen eingenommen – und das zurecht. Denn kaum ein Video hat die Welt so erschüttert, wie die Videoaufnahme des 46-jährigen Afro-Amerikaners George Floyd, der kurz vor seinem, durch einen Polizisten verschuldeten Tod, nach Luft ringt. „I Can’t Breathe“ steht es überall in den sozialen Netzwerken geschrieben und die Empörung ist auf aller Welt groß. Rassismus, Polizeigewalt und Diskriminierung sind allgegenwärtig und waren noch nie so präsent wie derzeit.

Im Mai 2020 fluten schwarze Kacheln parallel die sozialen Netzwerke, um Solidarität auszudrücken und Reichweite für solch ein wichtiges Thema zu schaffen. Das Phänomen das sich „Clicktivsm“ nennt. Vermeintlicher Aktivismus, der durch einen Mausklick, mittlerweile reicht es auch den Finger auf ein Touchscreen zu drücken, politischen Aktivismus suggeriert. Doch die schwarzen Kacheln haben dieses Jahr der Bewegung vermutlich eher schaden hinzugefügt und den eigentlichen Cyberprotest da durch wortwörtlich blockiert. Indem viele Menschen den Hashtag #blacklivesmatter benutzt haben, statt des dafür vorgesehenen Hashtags #blackouttuesday. Dadurch wurden wichtige Informationen bezüglich Demonstrationen und Ausschreitungen von einer Flut aus schwarzen kacheln übertüncht.

Black Lives Matter. Es ist ein Slogan, der komplexe Probleme vereinfacht, emotionalisiert und auf das wesentliche reduziert. Das braucht jede Bewegung. Ein wichtiges Instrument einer politischen Bewegung ist folglich neben sozialen Plattformen das Medium der Sprache.

Die Black Lives Matter Demonstrationen wurden zeitweise mit „All Lives Matter“ Slogans seitens nicht Betroffener Menschen erwidert. Als Slogan, der bekundet das jedes Leben wichtig sei, mit bösem Nachgeschmack. Denn es verschiebt den Diskurs, lenkt vom wesentlichen ab und nimmt betroffenen Menschen die Bühne, die sie sonst sowieso nicht beanspruchen können.

Immer wieder ist es die Pflicht jedes Einzelnen, seinen politischen Standpunkt und seine Umwelt zu reflektieren. Was ist der Status quo und wo möchten wir hin? Sprache muss dabei ein vorantreibendes Medium sein. Denn Sprache schafft Wirklichkeit und prägt unser Denken.

Unsere Sprache basiert auf Wörter, die andere vor uns erfanden, um ihre Weltansichten zu befestigen und hinauszutragen, um ihren Gedanken eine Form zu geben. Sprache ist immer schon ein sich stetig weiterentwickelndes und wandelndes Medium gewesen. Wir erfinden Wörter neu und verabschieden uns von veralteten, nicht mehr zeitgemäßen Begriffen. Rassismus, „eine weiße Ideologie, ein Denksystem, das in Europa erfunden wurde, um aus einer weißen Machtposition heraus Ansprüche auf Macht, Herrschaft und Privilegien zu grundieren und ihre gewaltvolle Durchsetzung zu legitimieren.“ – Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard

Rassismus kann viele Formen annehmen. In unserer Alltagssprache haben sich begriffe verfestigt, die auf eine lange Historie von Unterdrückung und Ausbeutung verweisen. Und Sprache spielt eine zentrale Rolle in der Reproduktion von Rassismen und hält dabei Machtordnungen aufrecht. Hinzukommt, dass Betroffene mit generationsübergreifenden Traumata konfrontiert werden. Reflexion und der richtige Umgang mit dieser Thematik ist in den Medien und in der Politik unabdingbar.

Anne Will spricht im Juni 2020 im Fernsehen vom „Rassenproblem“. Alice Hasters verbessert: „Rassismusproblem“ – ein kleiner aber gravierender Unterschied. Anne Will klärt auf Twitter auf und betont, dass es sich um einen Versprecher gehandelt hat. Doch diese Begriffe existieren und sind zum Teil auf unsere Kolonialgeschichte zurückzuführen. Und diese Hegemonien sind bis heute noch in vielen gesellschaftlichen Strukturen sichtbar und nachzuempfinden. Es gilt also nun diese Normativitäten zu hinterfragen und diese Strukturen zu unterwandern – mit neuen, zeitgemäßen und nicht menschenverachtenden, rassistischen Begriffen – dringend zu ersetzen. Da sind uns die Angel-Sachsen mit eingeführten begriffen wie People of Color (PoC), einen Schritt voraus, für den es im deutschen zum Beispiel kein angemessenes Pendant gibt.

Auch in Bezug auf Geschlechter Normativitäten erfährt Sprache einen Wandel:

Inkludieren statt exkludieren, das Gendersternchen gehört mittlerweile in vielen Institutionen zum gepflegten Wort-Repertoire dazu. Dabei wird versucht mit dem Sternchen binären Geschlechterrollen entgegenzuwirken und aufzuzeigen, das die BRD bunt ist und hier jeder seine Daseinsberechtigung hat. Sprache entwickelt sich stetig weiter, genau wie die Menschen, die jene benutzen. Und das ist wichtig, denn es ist kein Maleifz, Wörter wie Malefiz (alt für Verbrechen) nicht mehr zu benutzen. Und darüber beschwert sich schließlich niemand. Doch es gibt sie, Menschen, denen das Gendersternchen ein wortwörtlicher Dorn im Auge ist.

Was bedeutet es also, wenn ich sage, ich gehe zum Arzt, obwohl jener Arzt, eine Frau ist? Ich gehe schließlich auch nicht zu meiner Bänker*in, obwohl jener ein Mann ist. Im Umkehrschluss, verrät meine Sprache, dass mein Unterbewusstsein akzeptiert hat, dass Geschlechter, die nicht als Mann gelesen werden, nicht in diesen Berufen erwartet werden. Und das ist bei vielen ein eher unterbewusster Prozess, denn das war ja schließlich eine lange Zeit auch die Realität der Gesellschaft. Doch, die Floskel Zeiten ändern sich, findet hier zurecht ihren Platz. Sowohl Frauen als auch die LGBTQ+ Community müssen sich ihren weg in die Mitte der Gesellschaft auch heute noch hart erkämpfen und der Umschwung dies auch in der Sprache umzusetzen, hinkt noch etwas hinterher. Doch der Umschwung kommt. Er muss kommen, damit die Gesellschaft und die Menschen in ihr, sich in eine Richtung der Inklusion entwickeln, damit gesamtgesellschaftliche Traumata bewältigt werden können.

Beitragsbild: Fotoquelle: Black Lives Matter-Protest in New York City. Foto: KENA BETANCUR/AFP via Getty Images

Quellen:

https://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01-245122 (Stand: 04.09.2020)

https://panafrikanismusforum.net/files/Inhaltsverzeichnis%20und%20Geleitwort.pdf (Stand: 04.09.2020)

https://www.deutschlandfunk.de/rassismus-in-der-sprache-uns-fehlen-die-worte.2907.de.html?dram:article_id=478357(Stand: 04.09.2020)

https://www.ida-nrw.de/fileadmin/user_upload/ueberblick/UEberblick022019_5.pdf(Stand: 04.09.2020)

https://www.menschenfuermenschen.de/news/black-lives-matter-interview-rassismus-afrika/(Stand: 04.09.2020)

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